https://www.faz.net/-gqe-74x5u

Billiges Erdgas : Plötzlich blüht in Amerika die Industrie

Made in USA: Viele Investoren wollen neue Werke bauen Bild: J.C. Leacock / Aurora Photos

Chemie, Maschinen, Computer: Alles wird jetzt wieder in Amerika produziert. Vor allem, weil Energie so billig ist. Das billige Erdgas zieht immer mehr Investoren an.

          George Biltz zeigt in diesen Tagen gerne eine Liste her. Der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical, bei dem Biltz als Vice President für Energiefragen zuständig ist, hat sie zusammengestellt. Mehr als 100 Investitionsprojekte auf amerikanischem Boden sind aufgeführt: neue Produktionsanlagen, Erweiterungen bestehender Betriebe, sogar Reaktivierungen stillgelegter Werke. Dow Chemical ist mit sechs Projekten dabei, daneben viele prominente Großkonzerne von Shell über Alcoa bis Caterpillar.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Gesamt-Investitionssumme beziffert Dow Chemical auf 80 Milliarden Dollar. Biltz sieht das als Beleg für eine Renaissance der verarbeitenden Industrie in Amerika. Zu verdanken ist dies nach seiner Meinung vor allem einem Standortvorteil, der für die Vereinigten Staaten neu ist und der dem Land lange erhalten bleiben könnte: extrem billiges und reichhaltig vorhandenes Erdgas. Dafür sorgt der jüngste Boom in der Förderung von früher schwer erschließbaren Rohstoffen in Schiefergestein mit der umstrittenen „Fracking“-Methode. Für Unternehmen, die viel Erdgas brauchen, ergibt sich damit eine ganz neue Kalkulation bei der Wahl von Produktionsstandorten. Ein Paradebeispiel ist die Chemieindustrie, die Erdgas sowohl als Rohmaterial für ihre Erzeugnisse als auch als Energiequelle zum Betreiben ihrer Werke nutzt. Entsprechend euphorisch gibt sich Dow Chemical. Biltz spricht von einer „Chance, die nur einmal im Leben kommt, die verarbeitende Industrie in den Vereinigten Staaten wiederzubeleben“.

          Wirtschaftliche Erholung

          Es wäre eine Umkehr eines jahrzehntelangen Niedergangs, den nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch andere westliche Industrieländer erlebt haben. In den fünfziger Jahren stand die verarbeitende Industrie in Amerika noch für mehr als 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zuletzt waren es 11,5 Prozent. Zur Jahrtausendwende hatten noch mehr als 17 Millionen Amerikaner hier Jobs, jetzt sind es noch knapp 12 Millionen.

          Präsident Barack Obama hat sich die Stärkung der heimischen Industrie auf die Fahnen geschrieben, erst recht nachdem die jüngste Wirtschaftskrise Finanzdienstleister in Ungnade fallen ließ. Im vergangenen Wahlkampf zeigte er sich gerne bei Unternehmen, die Produktionskapazitäten in Amerika aufgestockt oder gar aus anderen Ländern zurückgeholt haben. Er kann auf ermutigende Signale in den Statistiken verweisen: So sind seit dem Tiefstand der Rezession mehr als eine halbe Million Industriejobs entstanden. Andererseits: Das Vorkrisenniveau ist noch fern. Das könnte heißen, die geschaffenen Stellen reflektieren einfach die allgemeine wirtschaftliche Erholung - und nicht gleich einen fundamentalen Reindustrialisierungstrend.

           Gaspreis vergleichsweise billig

          Robert McCutcheon von der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) ist aber vom Strukturwandel überzeugt: „Hier passiert noch etwas ganz anderes als eine zyklische Erholung.“ Erdgas ist für ihn der mit Abstand größte Impulsgeber; ein „game changer“, der den Vereinigten Staaten als Industriestandort einen immensen Wettbewerbsvorteil gebe. Eine von McCutcheon mitverfasste PwC-Studie sagt voraus, dass der Schiefergaseffekt allein bis 2025 eine Million Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie Amerikas schaffen wird. Zudem werde er der Industrie bis dahin jährliche Einsparungen von bis zu 11,6 Milliarden Dollar bescheren. Ein solcher Effekt auf das produzierende Gewerbe wäre aus amerikanischer Sicht ein hochwillkommenes Nebenprodukt des gegenwärtigen Rohstoffbooms.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.