https://www.faz.net/-gqe-74x5u

Billiges Erdgas : Plötzlich blüht in Amerika die Industrie

Auch für deutsche Unternehmen ändert sich das Kalkül. „Investitionen, die sich vor fünf bis zehn Jahren in den Vereinigten Staaten nicht gelohnt haben, lohnen sich jetzt wieder“, sagt BASF-Managerin Ehle. Eine BASF-Anlage im Bundesstaat Louisiana, in der Butandiol hergestellt wird, sei heute ganz anders als noch vor einigen Jahren eine der profitabelsten im Konzern. Entsprechend werde darüber nachgedacht, die Kapazitäten für diese Substanz in Amerika zu erhöhen. In diesem Jahr haben die Deutschen schon den Bau einer Produktionsanlage für Ameisensäure in Louisiana angekündigt. Als Hauptgrund für die Standortwahl nennt Ehle, dass BASF in Amerika einen großen Markt für das Produkt sieht, aber auch der Erdgaseffekt habe eine wichtige Rolle gespielt. „Das hat die Entscheidung sicher erleichtert.“

Wettrennen beim Bau

Anlagenbauer wie Uhde aus dem deutschen Thyssen-Krupp-Konzern haben daher im Moment allen Anlass, sich die Hände zu reiben. Unberührt von den Sorgen, die Thyssen-Krupp derzeit mit seinem verlustträchtigen Stahlwerk in Amerika hat, macht die Tochtergesellschaft Uhde hier glänzende Geschäfte. Michael Thiemann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Uhde, konnte sich vor einem Monat über einen mit einer Milliarde Euro dotierten Auftrag zum Bau zweier Düngemittelanlagen für den amerikanischen Konzern CF Industries freuen. Nur ein paar Wochen vorher war er bei der Grundsteinlegung für eine Flüssigdüngeranlage im Bundesstaat Iowa, die Uhde für den ägyptischen OCI-Konzern errichten soll. Und das soll nur der Anfang sein: „Es stehen in nächster Zeit Entscheidungen über vier bis fünf weitere neue Anlagen an, und wir rechnen uns in allen Fällen gute Chancen aus.“ Nach einer langen Investitionsflaute lieferten sich Unternehmen derzeit ein Wettrennen mit dem Bau von Werken. „Jeder jagt jetzt jeden, und alles ist sehr eilig. Wir können uns im Moment sehr glücklich schätzen“, sagt Thiemann, der „substantielles Umsatzwachstum“ im Amerika-Geschäft seiner Sparte erwartet.

Der Schub für die Industrie beschränkt sich nicht auf chemienahe Bereiche. PwC-Analyst McCutcheon sieht die Metallbranche als weiteren Gewinner - einen ebenfalls energieintensiven Zweig, der auch wichtiger Lieferant für die Rohstoffindustrie bei ihren Bohrprojekten ist. Harold Sirkin von BCG meint, dass sich der Reindustrialisierungstrend auf viele Branchen ausweiten könnte, nicht nur wegen des Erdgaseffekts, sondern auch weil der Lohnvorteil Chinas schmilzt. Kunststoffe, Maschinen, Haushaltsgeräte und vielleicht sogar Elektronikprodukte könnten wieder vermehrt in Amerika gefertigt werden. Selbst der notorische China-Outsourcer Apple verkündete in dieser Woche, von 2013 an zumindest einen Teil seiner Macintosh-Computer wieder in Amerika bauen zu lassen. In einer BCG-Umfrage unter Industrieunternehmen gaben 37 Prozent der Befragten an, über eine Rückverlagerung von Kapazitäten aus China nachzudenken.

Regierung will Erdgas exportieren

Das muss nicht gleich sehr viel mehr Arbeitsplätze bedeuten. „Industrieproduktion und Jobs bewegen sich nicht im Gleichschritt“, sagt PwC-Analyst McCutcheon. Die derzeit investitionsfreudigsten Branchen sind nicht allzu personalintensiv. Die Mega-Investition von Dow Chemical in Texas etwa soll zwar in der Bauphase 2000 Menschen beschäftigen, aber dann nach Inbetriebnahme mit 150 Mitarbeitern auskommen. „Das ist nicht zu vergleichen mit einem neuen Autowerk“, sagt Uhde-Chef Thiemann.

Dow-Chemical-Manager Biltz macht sich derweil Sorgen, dass die Vereinigten Staaten den „neu gefundenen Wettbewerbsvorteil wieder verspielen“. Die Regierung will verflüssigtes Erdgas in großem Stil exportieren. Das Energieministerium hat dazu vergangene Woche eine Studie vorgelegt. Darin heißt es, Erdgasexporte wären gut für die amerikanische Wirtschaft. Biltz fürchtet dagegen, dies könnte das Ende für billiges Erdgas in Amerika bedeuten: „Wir müssen aufpassen, keine Fehler zu machen, die den Preis von Erdgas in Amerika auf das Niveau im Rest der Welt bringen.“

Weitere Themen

Im Schatten Chinas

FAZ Plus Artikel: Indiens Wirtschaft : Im Schatten Chinas

Die Handelsbeziehungen zu Indien sind ein schwieriges Kapitel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Erst die marktwirtschaftliche Öffnung des Landes sorgte für Schwung. Ein Gastbeitrag.

Topmeldungen

Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.