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Billiges Erdgas : Plötzlich blüht in Amerika die Industrie

Fracking hat Zugang zu Rohstoffreserven verschafft

Hydraulic Fracturing oder Fracking hat den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren Zugang zu immensen Rohstoffreserven verschafft. Die Technik erleichtert den Abbau von Erdgas oder Öl aus tief in der Erde liegendem Schiefergestein. Die Bohrungen verlaufen vertikal oft kilometerweit bis zum Schiefergestein und setzen sich dann horizontal fort. Eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien wird in Bohrstellen gepresst, um das Gestein aufzubrechen und darin enthaltenes Erdgas oder Öl freizusetzen. Die horizontale Bohrung ermöglicht den Abbau großer Vorkommen von einer Bohrstelle aus, was die Projekte rentabler macht.

Fracking hat die Erdgasproduktion in den Vereinigten Staaten sprunghaft ansteigen lassen und wird mittlerweile auch zunehmend zur Förderung von Öl eingesetzt - allen Warnungen von Umweltschützern zum Trotz, denen die Methode zu riskant erscheint. Nach Jahren der Sorge, immer abhängiger vom Öl und Gas anderer Länder zu werden, wird Amerika wieder selbst zur Rohstoffmacht. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) schätzte gerade, dass die Vereinigten Staaten 2015 Russland als größten Erdgasförderer der Welt ablösen und 2017 Saudi-Arabien als Spitzenreiter in der Ölproduktion stürzen werden.

Für Amerika als Industriestandort ist vor allem Erdgas ein Differenzierungsmerkmal. Denn anders als Rohöl, das überall auf der Welt in etwa das Gleiche kostet, sind die Preise für Erdgas regional sehr verschieden. In den Vereinigten Staaten hat die Förderwut der vergangenen Jahre für eine Erdgasschwemme gesorgt und die Preise abstürzen lassen. Der Preis je Million British Thermal Unit (Btu), einer gängigen Einheit für Erdgas, rutschte in diesem Jahr zwischenzeitlich unter 2 Dollar, 2008 waren es noch mehr als 10 Dollar. Mittlerweile ist der Preis zwar wieder auf mehr als 3,50 Dollar gestiegen, was aber noch immer nur ein Bruchteil dessen ist, was Erdgas in Europa oder Japan kostet.

Mindestens zehn Jahre Vorsprung

Die Schere bei den Erdgaspreisen zwischen Amerika und anderen Teilen der Welt wird wohl nicht so schnell verschwinden. Analyst Harold Sirkin von der Boston Consulting Group schätzt, dass Erdgas auch noch Ende dieses Jahrzehnts in Amerika um 50 bis 70 Prozent billiger sein wird als etwa in Europa. Zwar gibt es auch außerhalb der Vereinigten Staaten bedeutende Schiefergasvorkommen, aber andere Länder sind mit der Erschließung noch nicht annähernd so weit, etwa weil die Opposition wegen etwaiger Umweltrisiken größer ist oder weil die Infrastruktur fehlt. Auch in Deutschland bremst der Widerstand von Bürgerinitiativen und Politikern bislang den Einsatz von Fracking. „Zehn plus x Jahre“ dürfte der Vorsprung der Amerikaner bei der Schiefergasförderung sein, meint Beate Ehle, die bei der amerikanischen Tochtergesellschaft des deutschen Chemiekonzerns BASF als Executive Vice President für die Produktionsstandorte in dem Land zuständig ist.

Der Preisverfall in Amerika bereitet zwar Erdgasförderern wie Chesapeake oder Exxon-Mobil Kummer, er freut aber Unternehmen aus anderen Industrien, die den Rohstoff einsetzen. Das schlägt sich mehr und mehr in den Investitionen nieder, wie etwa bei Dow Chemical. Der Konzern will zum Beispiel 1,7 Milliarden Dollar in ein neues Ethylen-Werk in Texas stecken, während anderswo gespart wird. So wurde im Oktober die Schließung von zwanzig Anlagen in Ländern wie Belgien, Spanien oder Japan verkündet.

Neue Produktionsstätten werden gebaut

Martin Richenhagen, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Landmaschinenbauers Agco, sagt, Agrochemieunternehmen wie Pflanzenschutz- und Düngemittelhersteller erzählten ihm derzeit ständig von Überlegungen, ihre Produktionskapazitäten in Amerika aufzustocken. „Das ist im Moment eine richtige Welle, die die Wirtschaft beleben wird.“ Umgekehrt drohe Deutschland, wo die Energiewende die Preise steigen lässt, ins Hintertreffen zu geraten.

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