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Erbgut-Sequenzierung für alle : Das 1000-Dollar-Genom

Wer hat’s erfunden? Jonathan Rothberg, der Gründer der Sequenziersparte von Life Technologies, vor den neuesten Geräten des Biotechnologieunternehmens Bild: REUTERS

Ein neues Gerät soll das menschliche Erbgut schon für tausend Dollar sequenzieren - in weniger als 24 Stunden. Die Pharmabranche lässt das auf ein neues Geschäftsfeld hoffen.

          Für die Autobranche war es das Drei-Liter-Auto, für die Computerbranche der 100-Dollar-Laptop - ein markanter, einfach messbarer technischer Fortschritt, auf den die Entwicklungsabteilungen einiger Anbieter jahrelang eifrig hingearbeitet haben. Denselben Status hat in der Humangenetik das 1000-Dollar-Genom: Wenn der Preis für die Sequenzierung des menschlichen Erbguts mit seinen rund 3 Milliarden Basenpaaren unter die Schwelle von 1000 Dollar fällt, lautet die in der Branche übliche Prognose, wird diese früher sehr kostspielige Technik für den medizinischen Alltag verfügbar und damit auch die Pharmabranche in ein neues Zeitalter befördern.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Zukunft könnte schon Ende Januar beginnen. Dann will der amerikanische Anbieter Life Technologies das erste Gerät ausliefern, das die Gesamtkosten für die Sequenzierung auf 1000 Dollar senken und den Zeitaufwand dafür auf weniger als 24 Stunden begrenzen soll.

          Anbieter setzen auf „personalisierte Medizin“

          Große Hoffnungen verknüpft mit diesem symbolträchtigen Entwicklungsschritt vor allem die medizinische Biotechnologie. Nicht nur die vielen kleinen Anbieter der Branche setzen auf das Konzept der "personalisierten Medizin", auch die großen Konzerne versprechen sich selbst davon inzwischen Wachstumsimpulse - und den Patienten bessere Heilungsaussichten. Die Hersteller berufen sich auf die geringe Zielgenauigkeit konventioneller Arzneimittel: Wegen der unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen sind wissenschaftlichen Studien zufolge viele Medikamente für große Patientengruppen teils unwirksam, teils schädlich.

          Eine gängige Schätzung ist etwa, dass Arthritis-Medikamente derzeit nur in jedem zweiten, Krebsmittel sogar nur in jedem vierten Patienten ihre Wirksamkeit entfalten können. Arzneimittel, die nur nach einer positiv verlaufenen Untersuchung der relevanten Faktoren - das können Blutwerte sein, oft aber sind es bestimmte Gensequenzen - eingesetzt werden, sollen die Trefferquote und den Therapieerfolg erhöhen. Gleichzeitig könnten die Kosten für das Gesundheitssystem sinken, wenn nicht mehr so viele unwirksame Medikamente eingesetzt würden. Die Kombination aus Test und Medikament gilt in der Branche deshalb als zukunftsträchtiges Tandem.

          Besonders weit vorangetrieben hat diese Strategie unter den Pharmakonzernen der Schweizer Anbieter Roche. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden solche Kombinationen nach der Prognose des Vorstandsvorsitzenden Severin Schwan für die Hälfte der Konzernerlöse stehen; schon jetzt fallen sechs von zwölf besonders aussichtsreichen Arzneimittelneuentwicklungen von Roche in die Doppelpack-Kategorie. Auch am beständig wachsenden Umsatzanteil der Diagnostiksparte von Roche, die unter anderem Tests für solche Medikamente anbietet, lässt sich der Trend ablesen. Kritiker freilich, die schon die Bezeichnung "personalisierte Medizin" für eine Mogelpackung halten und darunter viel eher eine ganzheitliche Hinwendung zum Patienten verstanden wissen wollen, werfen der Branche mit denselben Zahlen vor, die Kosten für die Krankenkassen nicht senken, sondern in die Höhe zu treiben.

          In Deutschland sind nach Auskunft des Branchenverbands VFA Bio bislang 17 Wirkstoffe zugelassen, für die ein Begleittest nach den Maßgaben der europäischen Arzneimittelbehörde vorgeschrieben ist. Im Großteil der Fälle handelt es sich um biotechnologisch hergestellte Krebsmittel; meistens muss vor ihrer Anwendung die molekulare Ausprägung der Krebszellen untersucht werden, gegen die sie wirken sollen. Für die Molekulardiagnostik prognostizieren Branchenbeobachter wie die Frankfurter Beratungsgesellschaft BCNP Consultants auf dieser Grundlage jährliche Zuwachsraten von fast 14 Prozent. Die Beratungsgesellschaft PWC ihrerseits veranschlagt den Umsatz, der mit personalisierten Arzneimitteln und den dazugehörigen Diagnostika insgesamt erwirtschaftet wird, auf derzeit 24 Milliarden Dollar. Bis 2015 wird sich diese Summe demnach verdoppeln.

          Branchenpionier Craig Venter verkündete vor elf Jahren: „Das menschliche Genom ist entziffert“

          Die Nachricht aus dem kalifornischen Firmensitz von Life Technologies, einem Unternehmen mit rund 11.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt 3,8 Milliarden Dollar, wird solche Hochrechnungen anheizen; der Aktienkurs ist am Dienstag schon um 11 Prozent gestiegen. Immerhin geht nun die Prognose des Branchenpioniers Craig Venters in Erfüllung, der nach der ersten Sequenzierung eines menschlichen Genoms vor elf Jahren, deren Kosten mit mindestens 300 Millionen Dollar beziffert werden, das 1000-Dollar-Ziel ausgegeben hatte.

          Das Gerät kostet knapp 150.000 Dollar

          Als Paradigmenwechsel beschreiben Vertreter der drei als Erstkunden angegebenen amerikanischen Kliniken nun das neue, 149.000 Dollar teure Gerät. Es arbeitet nicht wie die meisten bisher gebräuchlichen Maschinen mit einem optischen Verfahren, sondern sequenziert das Genom mittels Halbleitertechnik anhand von pH-Werten. Wie groß der medizinische Nutzen davon sein wird, steht allerdings noch nicht fest - vom wirtschaftlichen Erfolg ganz zu schweigen. Zum Verkaufsschlager wurde schließlich auch der einst als Drei-Liter-Auto vermarktete VW Lupo nicht, und den 100-Dollar-Laptop will bis heute keiner der großen Computerhersteller kommerziell vermarkten. So ist auch eine Sequenzierung des gesamten Erbguts bisher kaum notwendig, meistens geben einzelne Gene und bestimmte Verknüpfungen den Ausschlag.

          Außerdem fehlen nach Ansicht vieler Mediziner noch die Voraussetzungen, um von der Sequenzierung zur Entschlüsselung des Genoms zu kommen. "Was man erhält, ist erst einmal nur ein Haufen Daten", sagt etwa die Frankfurter Humangenetikerin Daniela Steinberger, deren Unternehmen Biologis Gentests zu diagnostischen Zwecken durchführt. "Bis wir diese Daten auch sinnvoll interpretieren können, wird noch ein Jahrzehnt vergehen."

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