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Lohngleichheit für Frauen : Der kleine Unterschied

Ungewohnter Anblick: Eine Mechanikerin in einer Hamburger Auto-Werkstatt. Bild: ddp

Am „Equal Pay Day“ wird alle Jahre wieder die Einkommenskluft zwischen Männern und Frauen beklagt. Dabei haben es Frauen selbst in der Hand, die Verdienstlücke zu schließen - schließlich haben sie es auch größtenteils selbst verschuldet.

          Es gibt Debatten, die kehren im Jahresrhythmus wieder. Die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen ist so ein Thema. Denn an diesem Freitag ist wieder „Equal Pay Day“ – das Englische hat sogar schon Einzug ins Amtsdeutsch gehalten. Das Statistische Bundesamt ist deswegen zu Wochenbeginn mit der Meldung herausgekommen, dass die Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern mit 22 Prozent unverändert groß geblieben ist. Wenn Männer ein Fünftel mehr verdienen als Frauen, klingt das zunächst nach einer himmelschreienden Ungerechtigkeit, was wiederum den Regulierungsdrang der Politik entfacht. Kein Wunder, dass Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gerade an einer Vorlage für ein „Entgeltgleichheitsgesetz“ arbeitet. Für eine Berufspolitikerin scheint es unvorstellbar, dass sich Karrieren nicht an Quoten und Vergütung nicht an Einheitssätzen orientieren.

          Frauen vorzumachen, die Lohndifferenz ließe sich aus der Welt regulieren, bedeutet aber, ihnen Sand in die Augen zu streuen. Denn die Statistiker weisen zu Recht drauf hin, dass es sich bei den 22 Prozent um das „unbereinigte“ Delta zwischen Männern und Frauen handele. Das heißt, ein Großteil des Lohnunterschieds lässt sich durch verschiedene Einflussfaktoren gut begründen. Bündelt man diese Erklärungen, kommt man unweigerlich zu einem Schluss: Frauen haben sich diese Verdienstlücke größtenteils selbst eingebrockt. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Sie haben es selbst in der Hand, daran etwas zu ändern.

          Frauen lassen sich schwer für Technikberufe begeistern

          Da wäre vor allem die Wahl von Branchen und Berufen. Denn die Entgelte variieren zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen enorm. In der Industrie legten die Verdienste innerhalb von fünf Jahren um fast 12 Prozent zu. Im Gesundheits- und Sozialwesen waren es im selben Zeitraum weniger als 7 Prozent. Theoretisch könnte man natürlich das Gehaltsgefälle zwischen den Branchen einfach verbieten. Ein derart tollkühner Frontalangriff auf die Tarifautonomie fiele aber wohl selbst der großen Koalition nicht ein. Also heißt die Antwort: Wenn Frauen besser bezahlt werden wollen, müssen sie häufiger dort arbeiten, wo Männer es schon tun.

          Es ist auch nicht so, dass Arbeitgeber in der Industrie etwas gegen Mitarbeiterinnen hätten. Im Gegenteil, seit Jahren versucht die Wirtschaft gerade Mädchen für Technikberufe zu begeistern. Doch der Erfolg von Girls Day & Co. stellt sich nur langsam ein. Der beliebteste Ausbildungsberuf war in diesem Jahr der für Bürokaufleute. Frauenanteil: 74 Prozent. Wenn es junge Frauen überhaupt in die Industrie zieht, dann auch dort nur an den Schreibtisch. In den klassischen Lehrberufen hat sich nichts verändert. Angesichts marginaler Frauenanteile würden wohl selbst die politisch Korrektesten von „Industriemechaniker“ (6 Prozent), „Kraftfahrzeugmechatroniker“ (5) und „Elektroniker“ (2) sprechen.

          Auch an den Hochschulen gestaltet sich der Wandel zäh. Männer wählen noch immer wesentlich häufiger die techniklastigen Studiengänge als Frauen. Erfolge sind allenfalls langfristig über Einstellungswechsel zu erreichen. Einige Entwicklungen lassen aber hoffen. So meldet der Branchenverband Bitkom, dass sich mittlerweile 23 Prozent der Mädchen vorstellen können, später einmal im IT-Bereich ihr Geld zu verdienen – unter den Jungen sind es 27 Prozent.

          Selbstbewusst die eigenen Interessen vertreten

          Daneben gibt es einen weiteren wichtigen Grund für die Gehaltskluft: Frauen tragen in der Familie nach wie vor den Großteil der Kosten für die Kindererziehung. Mit dem ersten Kind kommt der große Einschnitt, weil die Rückkehr in den Beruf meist bloß in Teilzeit erfolgt. Damit sitzen berufstätige Mütter nicht nur in der Karriere-, sondern auch in der Vergütungsfalle. Mit 20 Stunden in der Woche lässt sich bestenfalls der Besitzstand wahren. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter wird unendlich hoch. Das erklärt auch, warum Frauen bei den Boni-Zahlungen so weit hinter den Männern liegen. Oft dringen sie erst gar nicht in die Sphäre variabler Vergütungsmodelle vor. Mehr Kinderbetreuungsangebote und Teilzeitmodelle in Richtung 30-Stunden-Woche helfen aber, den Spagat zwischen Kindern und Karriere künftig besser zu bewältigen.

          Bereinigt um diese Faktoren, schrumpft der große Unterschied zwischen den Geschlechtern zum kleinen. Etwa 7 Prozent Verdienstunterschied bleiben. Hier heißt es kämpfen. Von den Männern können die Frauen lernen, selbstbewusst über das eigene Gehalt zu verhandeln, statt bescheiden darauf zu setzen, dass die eigenen Qualitäten schon erkannt und honoriert werden. Ein angemessener Hinweis beim Vorgesetzten auf den eigenen Erfolg ist nichts Ungebührliches – im Zweifel hat der Kollege aus dem Nachbarbüro auch schon vorgesprochen. Über Geld zu reden ist keine Männersache.

          Zugegeben: Es wäre eine andere Gesellschaft, in der zunehmend Mädchen in Overalls in Werkstätten an Autos herumschrauben, Programmiererinnen mit ihren Einstiegsgehältern den Personalmanagern die Tränen in die Augen treiben und Männer nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen können, dass die Sozial- und Pflegedienste auch ohne ihr Zutun geleistet werden. Doch es ist das gute Recht der Frauen, darauf hinzuarbeiten. Dafür gibt es kein Gesetz.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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