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Entmündigung des Fahrers : Das digitale Auto

  • -Aktualisiert am

In der Zukunft entmündigt: Autofahrer Bild: AP

In der Zukunft wird nicht mehr gefahren - vielleicht wird es sogar verboten. Damit kommt der Knackpunkt: Wie löst das vollautomatische Fahren ethische Dilemmata?

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          Emotionalität und Mobilität sowie Freiheit und Sicherheit machten das Auto so begehrenswert, dass es zu einem der erfolgreichsten Produkte der Industriegeschichte wurde. Wie groß die Faszination noch immer ist, lässt sich an den leuchtenden Augen der vielen Besucher der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt ablesen. Dort werden sie Zeuge einer Zeitenwende. Nicht mehr die Freude am Fahren, die Dynamik des Motors, der Stolz auf die Marke wie früher oder der geringere Spritverbrauch und die klimafreundliche Batterie wie zuletzt, sondern das digitale Auto steht im Mittelpunkt der Messe.

          Das Auto der Zukunft wird nicht mehr gefahren. Der Gang über die Messe löst beim leidenschaftlichen Selbstfahrer deshalb zwiespältige Gefühle aus. Wie lange noch darf man mit dem Lenkrad sein Schicksal in die eigene Hand nehmen? Wann übernehmen Prozessoren die komplette Regie im Auto? Führen noch mehr Komfort und Sicherheit nur zur Entlastung oder zur Entmündigung des Fahrers?

          Der Knackpunkt ist ein ethisches Dilemma

          So schnell wird das vollautomatische Auto, das dem Fahrer alles abnimmt, nicht kommen. Der exponentielle technische Fortschritt von Kameras und Sensoren könnte zwar schon in fünf bis zehn Jahren das digitale Fahrzeug möglich machen. Doch auf absehbare Zeit sind noch zu viele Leute individuell auf den Straßen unterwegs, vor allem in den Städten. In der Zwischenzeit werden wir uns an das halbautomatische Fahren im Stau auf der Autobahn gewöhnen - und diese wie viele andere Annehmlichkeiten nicht mehr missen wollen. Irgendwann in ferner Zukunft dürfte das Selbstfahren sogar verboten werden, weil es für den Menschen angeblich zu gefährlich ist. Ähnliches dürfte dann auch für den Schmorbraten, den Bewegungsmangel und zu viel getrunkenen Rotwein gelten. Zuvor hatte natürlich das digitale Auto seinen „Fahrer“ immer wieder auf den ungesunden Lebenswandel hingewiesen.

          Die größte Hürde, die das vollautomatische Auto zu nehmen hat, ist nicht technischer Natur. Auch an den komplexen Versicherungsfragen wird es nicht scheitern. Der eigentliche Knackpunkt ist ein nur schwierig lösbares ethisches Dilemma. Wenn der Algorithmus in einer Notsituation vor die Frage gestellt wird, etwa einen von zwei Radfahrern umfahren und unter Umständen töten zu müssen: Welche Wahl trifft er? Der Mensch entscheidet in solch einer Lage intuitiv. Nach welcher Regel wählt der Computer ein Unfallopfer aus? Soll er blitzschnell berechnen, welcher Radfahrer eine vielleicht höhere Überlebenschance hat? Wie kann er das, wenn er die Reaktionsweise des Radfahrers nicht vorhersagen kann, weil dieser ebenfalls intuitiv reagieren wird? Oder soll ein Zufallsgenerator die schreckliche Wahl übernehmen? Was dazu wohl die Angehörigen und Rechtsanwälte des toten Unfallopfers sagen?

          Auf dem Weg zum vollautomatischen Fahren wird die Entmündigung des Fahrers schleichend, aber unaufhörlich voranschreiten. Wie auch das griffbereite Smartphone oder das zunehmend vernetzte Zuhause wird das digitale Auto immer mehr zur Datenkrake. Vorgeblich geht es um mehr Komfort und Sicherheit, wenn in einem VW Golf heute schon 100 Sensoren laufend Informationen über den Fahrer und das Fahrzeug sammeln. Allein die Zahl der eingebauten Prozessoren macht das Auto zu einem der besten Datenträger der Welt. Die Datenmenge lässt sich sogar potenzieren, wenn man alle Fahrzeuge miteinander vernetzt. Aber in Wahrheit geht es um mehr als nur darum, einem Autofahrer mit einem Assistenzsystem in einen Parkplatz zu helfen oder mittels Vernetzung den nachkommenden Wagen vor dem Stau zu warnen.

          Chance für europäische Autohersteller

          Es geht um Big Data, das globale Geschäft mit persönlichen Daten. Deshalb drängen die Internetgiganten mit Macht ins Fahrzeug. Apple, Google und andere wollen an die Daten der Hersteller, und weil diese die Daten nicht freiwillig herausrücken, werden sie wohl bald eigene Autos bauen, die mehr können als die elektrischen Golfwägelchen mit aufgeschraubter Kamera, die derzeit durch Silicon Valley surren. Die finanziellen Mittel haben sie, die Expertise für Antrieb und Fahrwerkoptimierung kaufen sie ein, indem sie entsprechende Teams von den Herstellern abwerben. Sie können sich die Basis fürs Auto auch einfach von den Zulieferern der Automobilbranche bauen lassen. Von Design, Vertrieb, Emotion und Markenführung verstehen die Internetkonzerne so viel wie deutsche Autohersteller.

          Die Frage, ob die Daten eigentlich dem Fahrer und nicht den Herstellern oder den Internetdienstleistern gehören, wird gar nicht mehr gestellt. Dabei wäre eine solche Grundsatzdebatte überfällig, damit nicht länger allein Facebook oder Google die Regeln der globalisierten Digitalisierung bestimmen. Die Nonchalance, mit der das Silicon Valley Sicherheitsbedenken beiseitewischt, sollten die Hersteller ihnen nicht durchgehen lassen. Hacker haben in Amerika aus der Ferne das Kommando über den Motor und die Bremsen eines Jeeps übernommen. Hier liegt eine Chance für die europäischen Autohersteller. Sie könnten mit sicheren digitalen Autos und dem Schutz der Privatsphäre in die Offensive gehen - allein oder gemeinsam.

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