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Entlassungen bei Peugeot : Flächenbrand in Europas Autoindustrie

  • -Aktualisiert am

Die Kurve zeigt abwärts - nicht nur bei Peugeot. Bild: Reuters

Die Massenentlassungen und die Werksschließung bei Peugeot sind nur die Spitze des Eisbergs. Die verschärfte Absatzkrise in Europa trifft fast alle Massenhersteller.

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          Europas Autoindustrie steckt in einer handfesten und lang anhaltenden Absatzkrise. Die an diesem Donnerstag verkündeten Massenentlassungen und die Werksschließung bei Peugeot sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Vor allem in Frankreich und Italien beschleunigt sich der Niedergang der Massenhersteller. Der Käuferstreik trifft - abgesehen von den deutschen Exportmeistern Volkswagen, Daimler und BMW, die von steigender Nachfrage in Amerika und China profitieren - fast alle Hersteller: Der europäische Automarkt wird in diesem Jahr wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit das fünfte Jahr hintereinander schrumpfen. Es geht 2012 voraussichtlich um 7 Prozent abwärts - auf etwa 12,2 Millionen Neuwagenverkäufe.

          Das sind so wenige Neuzulassungen wie seit dem Jahr 1995 nicht mehr und zugleich 21 Prozent weniger als im Rekordjahr 2007. Auslöser ist nicht mehr nur die allgemeine Unsicherheit der Menschen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung, sondern eine zunehmende Massenarbeitslosigkeit unter den Jüngeren im Alter von bis zu 25 Jahren, von denen in Südeuropa ein Drittel keine Arbeit hat. Eine ganze Generation droht der Autoindustrie als Kunden verloren zu gehen. Hinzu kommt eine anhaltende Sättigung des Marktes, die noch von den milliardenschweren staatlichen Abwrackprämien während der vorigen Krise herrührt.

          Massenhersteller vom Niedergang betroffen

          Vom rasanten Niedergang betroffen sind vor allem die auf Europa konzentrierten Massenhersteller Fiat, Ford, Opel, Peugeot und Renault, die ihre Internationalisierung außerhalb von Europa und Amerika später und zögerlicher voran getrieben haben als der erfolgreiche VW-Konzern. Alle fünf Hersteller machen dieses Jahr im Europageschäft Milliardenverluste; fünf oder sechs Fabriken gelten als entbehrlich, ebenso wie einige zehntausend Beschäftigte.

          Die Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Flächenbrand handelt: Fiat-Chef Sergio Marchionne zögert die Einführung neuer Modelle heraus, um 500 Millionen Euro an Investitionen zu sparen, und will das Werk Pomigliano bei Neapel schließen. Ford hat Kurzarbeit angemeldet. Opel will Ende 2016 das Werk in Bochum schließen. Peugeot entlässt in Frankreich 8000 Leute. Und auch Renault-Chef Carlos Tavares geht davon aus, dass sich der Markt nicht vor 2018 wieder erholen wird.

          „Fast zwei Drittel der Autos in Europa werden von Marken verkauft, die nicht in der Lage sind, Gewinn zu erzielen“, sagt Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse. Nach Berechnungen des Branchenfachmanns hat sich der Börsenwert von Fiat, PSA Peugeot Citroen und Renault binnen zehn Jahren um 18 Milliarden Euro verringert. Die gegenwärtige Zwangslage der Unternehmen sei nicht nur eine Folge der schwachen Nachfrage der Endverbraucher, sondern resultierten auch aus falschen Strategien. Auch die jetzt eingeschlagene Richtung sei in den meisten Fällen nicht besonders viel versprechend.

          In Frankreich geht inzwischen die Angst um. Die Regierung will im August Hilfen für die strauchelnde Autobranche des Landes präsentieren. „Es wird einen Plan für die Autoindustrie geben“, sagte Finanzminister Pierre Moscovici. Unter den Maßnahmen wären auch Schritte, um die von Schließung bedrohte Peugeot-Fabrik in der Nähe von Paris zu sichern.

          Kommunen hatten auf staatliche Rettung gedrungen

          Zuvor hatten schon Frankreichs Kommunen auf eine staatliche Rettung der Autobranche gedrungen. Die Regierung müsse den Verkauf von sparsamen Fahrzeugen energisch fördern und umweltschädliche Modelle deutlich höher besteuern, schrieben die Kommunalpolitiker von 60 Städten mit Autofabriken in einem 70-Seiten-Bericht. Ansonsten drohe der Industrie mit rund 600.000 Beschäftigten ein fataler Niedergang.

          Die Stimmung richtet sich auch gegen die Deutschen. In dem Bericht der Kommunen heißt es, die Regierung müsse den französischen Automarkt „eindeutig feindseliger gegenüber großen Fahrzeugen mit hohem CO2-Ausstoß einstellen“. „Wenn wir nicht energisch handeln, werden wir einen kritischen Punkt erreichen, an dem der Abschwung der Industrie in einen fatalen unumkehrbaren Teufelskreis mündet“, schreibt die Gruppe der Auto-Kommunen, in der Finanzminister Pierre Moscovici den Vorsitz hat. „Großbritannien hat dies vor 20 Jahren erlebt und Italien erlebt es jetzt. Der französischen Autoindustrie droht diese Situation 2012.“

          Dramatischer Prozess auch in Italien

          Tatsächlich ist der Niedergang der westeuropäischen Autoindustrie außerhalb Deutschlands ohnehin schon weit fortgeschritten. Ein Vergleich des deutschen Branchenverbands VDA für die Auto-Produktion in den Ländern Deutschland, Frankreich und Italien über die letzten drei Jahrzehnte zeigt, wie sehr die Schere auseinander geht: Während die Fahrzeugproduktion in Deutschland von 3,5 Millionen Einheiten im Jahr 1980 auf 5,9 Millionen im Jahr 2011 stieg, ist sie in Frankreich im selben Zeitraum von 2,9 auf 1,9 Millionen Einheiten gesunken. Das ist ein Rückgang um eine Million Fahrzeuge oder rund ein Drittel gegenüber dem Jahr 2000.

          Noch dramatischer ist der Prozess in Italien: Von 1980 bis 1990 stieg zwar die Produktion von 1,4 auf 1,9 Millionen Einheiten, doch bereits im Jahr 2000 war man - wie in Frankreich - wieder auf dem Niveau des Jahres 1980 (1,4 Millionen) angelangt. Im Jahr 2011 hatte sich die Produktion gegenüber dem Jahr 2000 sogar um knapp zwei Drittel auf nur noch 500.000 Einheiten reduziert.

          Beschäftigung hat sich mehr als halbiert

          Die Beschäftigung in der Autoindustrie hat sich im Zeitraum 1980 bis 2010 in Frankreich mehr als halbiert (minus 52 Prozent auf 230.500 Mitarbeiter), in Italien ist sie um 42 Prozent auf 170.200 Mitarbeiter zurückgegangen. Deutschland hingegen hat - trotz der Krise 2008/2009 - seine Beschäftigtenzahlen in der Automobilindustrie stabil gehalten und lag mit 736.800 Mitarbeitern im Jahr 2010 sogar leicht über dem Stand von 1980.

          Die Massenhersteller geraten zunehmend in die Zange. Auf der einen Seite haben die deutschen Hersteller Volkswagen, Daimler und BMW den gehobenen Markt fest im Griff. Auf der anderen Seite hat der seit einem Jahr eröffnete Freihandel mit Korea der Billigkonkurrenz durch Hyundai und Kia die Tore noch weiter geöffnet. Neue Freihandelsabkommen mit Indien und Japan könnten den Angriff aus Fernost bald noch verschärfen.

          In der Folge werden ganz neue Allianzen geschmiedet: Im März beteiligte sich der amerikanische Opel-Mutterkonzern General Motors mit 7 Prozent an Peugeot. Seither werden Einkauf, Entwicklung, Logistik und bald auch Teile der Produktion zusammen gelegt. Schon wird über eine große Fusion von Peugeot mit Renault spekuliert.

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