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Enron-Skandal : „Das Wirtschaftsprüfer-Testat ist fast bedeutungslos“

  • Aktualisiert am

Interessensverquickung bei Bilanzprüfern Bild: Marc Oeder/STOCK4B

Der Skandal um Enron und die Bilanzprüfer von Arthur Andersen hat zu einem erheblichen Vertrauensverlust bei Wirtschaftsprüfern geführt.

          2 Min.

          In den Vereinigten Staaten schwindet bei vielen Investoren das Vertrauen in die Branche der Wirtschaftsprüfer. Deren Job ist es, die Unternehmensbilanzen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Aber das Versagen von Arthur Andersen, die Unregelmäßigkeiten beim zusammengebrochenen Energiekonzern Enron rechtzeitig aufzuspüren, ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs.

          „Früher hatte ein testierter Finanzausweis noch einen Wert," beklagt Edmund Cowart, Fondsmanager bei Eagle Asset Management in St. Petersburg. „Mittlerweile ist das Testat eines Wirtschaftsprüfers fast bedeutungslos." Heutzutage fragen sich die Anleger, wem sie noch trauen können. Einige Experten warnen, dieser Vertrauensverlust könnte dramatische Auswirkungen auf die US-Finanzmärkte haben.

          Verlust an Glaubwürdigkeit

          „Das Enron- Debakel wird die Finanzmärkte destabilisieren, denn die Anleger glauben den Finanzausweisen nicht mehr," beklagt Thomas Tribunella, Vorsitzender der Abteilung Rechnungslegung an der State University of New York in Utica. „Die Wirtschaftsprüfer sollten eigentlich über die Qualität dieser Informationen wachen." Nach dem Börsencrash von 1929 hatten die USA eingeführt, dass die Unternehmen ihre Finanzausweise einem externen Prüfer vorlegen müssen.

          Im Dezember beantragte Enron Gläubigerschutz, nachdem der Energiehändler den Gewinn über viereinhalb Jahre zu hoch ausgewiesen hatte und auf Grund eines "Bilanzierungsfehlers" das Aktienkapital um 1,2 Milliarden Dollar aufgebläht hatte. Die amerikanische Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde SEC und der Kongress untersuchen nun Andersens Prüfungstätigkeit bei Enron.

          Die Branche der Wirtschaftsprüfer räumt selbst ein, dass die Anleger zunehmend skeptisch werden. „Seit dem Zusammenbruch von Enron stehen wir Wirtschaftsprüfer, unsere Rolle an den Finanzmärkten und unsere Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit im Rampenlicht des Interesses," erklärten die fünf großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Andersen, Ernst & Young, KPMG, Deloitte Touche Tohmatsu und PricewaterhouseCoopers.

          Wiederholungstäter

          Aber Enron ist nicht der einzige Fall, bei denen Unternehmen die Bilanzen geschönt haben und die Wirtschaftsprüfer ihnen nicht auf die Schliche gekommen sind. Auch in einigen anderen Fällen taucht der Name Andersen auf. Im letzten Jahr erklärten sich die Bilanzprüfer bereit, 100 Millionen Dollar zu zahlen, um eine Aktionärsklage über ihre Prüfungstätigkeit bei dem Gerätehersteller Sunbeam beizulegen. Im November beendete die Gesellschaft durch eine Zahlung von 20 Millionen Dollar einen Rechtsstreit über ihre Prüfungsaktivitäten bei dem Entsorgungskonzern Waste Management.

          Angesichts der wiederholten "Bilanzierungsirrtümer" verlassen sich immer weniger Anleger auf die Wirtschaftsprüfer. Der Investor Irwin Jacobs von Jacobs Trading macht seine eigenen Untersuchungen und führt stichprobenartig Prüfungen bei den Unternehmen, die er analysiert, durch. „Heutzutage müssen Sie sich genau ansehen, wohin Sie investieren wollen," rät er.

          Mehr Kontrollen, weniger Interessensverquickung

          Michael Granoff, Professor für Bilanzierung an der University of Texas in Austin, sagt dazu: „Nie hatten die Wirtschaftsprüfer einen schlechteren Ruf. Die Politiker sind aufgewacht, und sie werden erhebliche Veränderungen in der Branche herbeiführen." Der frühere SEC-Vorsitzende Arthur Levitt verlangt stärkere Kontrollen in der Branche. So soll es Wirtschaftsprüfern nicht mehr erlaubt sein, ihren Prüfungskunden Beratungsleistungen anzubieten.

          Selbst ihr Honorar wirft Probleme auf. „Ich glaube nicht, dass sie objektiv prüfen können, wenn sie dafür von ihrem Kunden bezahlt werden," befürchtet Frederic Russell, Präsident bei Fredric Russell Investment Management. Kommen noch Beratungstätigkeiten hinzu, verschärft sich das Problem. „Aufgrund dieser Interessenverquickung ist eine saubere, unvoreingenommene Beurteilung praktisch Utopie." Auch Tribunella sieht dies mit Skepsis: „Die Aufgabe eines Wirtschaftsprüfer besteht darin, misstrauisch zu sein und jeden Stein umzudrehen, und nicht darin, Beziehungen zu pflegen."

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