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Enron-Skandal : Bilanztricks biblischen Ausmaßes

  • Aktualisiert am

Stück für Stück kommt der Skandal ans Licht Bild: dpa

Vor dem Enron-Untersuchungsauschuss trat eine der Hauptfiguren des Skandals auf: Ex-CEO Jeffrey Skilling. Der "Controlfreak" gab sich ahnungslos.

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          Mit Jeffrey Skilling und Andrew Fastow traten am Donnerstag zwei der Hauptfiguren im Enron Skandal vor den Untersuchungsausschuss im amerikanischen Kongress. Die Aussagen des ehemaligen CEO und CFO des bankrotten Konzerns waren mit Spannung erwartet worden. Firmengründer Kenneth Lay ist bisher nicht vor dem Ausschuss erschienen und wurde nun für nächsten Montag vorgeladen.

          Während der frühere Finanzvorstand Andrew Fastow, Architekt der fatalen Bilanzierungstricks bei Enron, gestern die Aussage verweigerte, ließ der Ex-CEO Jeffrey Skilling sich bereitwillig ausfragen: Er wusste angeblich von nichts. Firmengründer Kenneth Lay hatte das Amt des CEO im letzten August selbst übernommen, nachdem Skilling aus “persönlichen Gründen“ zurückgetreten war. Das hatte schon damals das Misstrauen der Investoren geweckt.

          Doch Skilling blieb vor dem Ausschuss bei dieser Darstellung und versicherte, bei seinem Abgang nichts von Schuldenverdeckung, inkorrekter Buchhaltung oder aufgeblasenen Profitbilanzen geahnt zu haben. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses zweifelte: “Sie wollen mir weismachen, nichts von all diesen Dingen gewusst zu haben?“ Skilling wies auf die Größe des Konzerns hin: “Ich konnte schließlich nicht jede Einzelheit wissen.“

          Mastermind und Controlfreak

          Doch um Kleinigkeiten handelte es sich kaum und die Aussage wird auch angesichts von Skillings Ruf fragwürdig. Nach Aussagen vieler Mitarbeiter war er ein perfektes Beispiel für die Enron-Firmenkultur: aggressiv, arrogant und risikofreudig. Manche beschrieben ihn als “Controlfreak“, manche nannten ihn gar “Darth Vader“ und sein Lieblingsbuch soll Machiavellis “Vom Fürsten“ gewesen sein.

          Skilling war 1990 von der Unternehmensberatung McKinsey zu Enron gekommen und galt als Kenneth Lays engster Vertrauter. Viele der neuen Geschäftsideen, die Enron von einer “Old-Economy“ Pipeline-Firma zum kaum mehr durchschaubaren Imperium aus Energiehandel, E-Commerce-Plattformen und Finanzprodukten machten, kamen von ihm. Seit 1997 war er “Chief Operating Officer“ (COO) der Firma und Anfang 2001 wurde er “Chief Executive Officer“ (CEO). Hinter dem Firmengründer und Politikerfreund Lay war Skilling durchgängig die Nummer 2 und er gilt in vielen Einschätzungen als eigentliches “Mastermind“.

          Aussage gegen Aussage

          Doch von mangelnden Profiten und dem Verstecken auflaufender Schulden in Hunderten von Subunternehmen und Schein-Partnerschaften will er nichts gewusst haben. Die Ausschussmittglieder fanden das mehr als unglaubwürdig und wurden durch die Aussage von Jeffrey McMahon bestärkt, dem derzeitigen neuen Vorsitzenden Enrons. Der erinnerte sich daran, Skilling Mitte letzten Jahres, damals in der Finanzabteilung tätig, auf die Unlauterkeit der Buchhaltungspraxis bei dem Konzern aufmerksam gemacht zu haben. Zwei Wochen später versetze ihn Skilling in eine andere Abteilung.

          Auf jene Unterhaltung angesprochen, erwiderte Skilling: “Soweit ich mich erinnere, ging es in diesem Gespräch um Jeffreys Gehalt. Er war damit unzufrieden.“ Hier steht sicher nicht zum letzten Mal Aussage gegen Aussage beim Spiel der Manager, sich die Schuld gegenseitig in die Schuhe zu schieben.

          Die Bilanztricks des Hexers

          Wenn Skilling mit seinem Unschuldsbeteuerungen recht hätte, dann bliebe Andrew Fastow, der 40-jährige ehemalige “Chief Financial Officer“ (CFO) als Dunkelmann übrig. Dessen Auftritt gestern war kurz und entäuschend. Er weigerte sich, als Zeuge gegen sich selbst auszusagen, sein verfassungsgemässes Recht. Die “New York Times“ nannte Fastow den Finanz-“Hexer“ Enrons. Die Bilanzierungstricks, mit denen Enron seine Schulden versteckte, gehen vermutlich größtenteils auf seine Rechnung.

          In der vergangenen Woche lies er durch seinen Anwalt verlautbaren, er habe mit Wissen von Skilling und Lay gehandelt und loyal der Firma gedient. Nach dem bisherigen Stand der Untersuchungen scheint er jedoch die komplizierten Buchhaltungsinstrumente mehr und mehr zu seinem Vorteil ausgenutzt und damit letzten Endes die Firma zu Fall gebracht zu haben. Gestern schwieg der “Hexer“ mit Unschuldsmiene.

          Doch selbst wenn Fastow ein Großteil der Schuld treffen sollte, ist es unwahrscheinlich, dass er ein Einzeltäter war. “Für Desaster dieser Größenordnung benötigt man die Komplizenschaft von mehr als einigen wenigen schwarzen Schafen,“ resümierte James Greenwood, der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, “das hat biblische Ausmasse!“

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