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England : Lehrer beginnen Massenstreiks

  • -Aktualisiert am
Ob hier auch gestreikt wird? Der englische Premierminister David Cameron bei einem Besuch der Kingsdale Foundation School in London
          2 Min.

          Am Donnerstag werden Tausende englische Kinder frohlocken: Etwa 750.000 Lehrer und Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes werden streiken. Landesweit werden fast 6000 Schulen geschlossen bleiben müssen, es sei denn, freiwilliges Lehrpersonal und Eltern halten einen Notunterricht aufrecht. Es ist der erste große Streikaufruf seit März 2006, als mehrere Hunderttausend Angestellte der britischen Stadtbehörden wegen einer bevorstehenden Rentenreform die Arbeit niederlegten. Damals sorgten die Streiks der Müllabfuhr, der Straßenreinigung und der öffentlich Angestellten in Flughäfen 24 Stunden lang für chaotische Verkehrsverhältnisse.

          Auch jetzt richtet sich die Wut der öffentlich Bediensteten gegen die Rentenreform: Alle Beamten sollen künftig bis zu ihrem 65. Lebensjahr arbeiten und einen höheren Beitrag von 3,2 Prozent ihres Gehaltes zu ihrer eigenen Staatsrente beisteuern. Der Anstieg ihrer Pension wird im Alter an die Inflation und nicht mehr den Preissteigerungsindex gekoppelt. Damit bleiben steigende Immobilienpreise und Hypothekenzinsen bei der Rentenanpassung künftig unberücksichtigt. Die Gewerkschaften erzürnt besonders, dass die Reform in einer Zeit durchgepaukt wird, in der öffentlich Bedienstete ohnehin zwei Jahre auf eine Steigerung ihrer Bezüge verzichten müssen und etwa 300.000 Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen werden.

          Die größte Gewerkschaft schweigt noch

          Vier Gewerkschaften, die National Union of Teachers, die Association of Teachers and Lecturers, die University and College Union und die Public and Commercial Services waren daher sehr schnell bei der Hand, ihre Mitglieder über Streiks abstimmen zu lassen. Sie preschen mit der Niederlegung ihrer Arbeit voran, während die Regierung noch mit den Gewerkschaften verhandelt, vor allem mit Vertretern der gewerkschaftlichen Dachorganisation. Die große Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes (Unison) mit ihren 1,2 Millionen Mitgliedern hat daher vorläufig auf Streikabstimmungen und Arbeitsniederlegungen verzichtet.

          Am Montag wurden die Gespräche zwar zunächst abgebrochen. Im Juli soll aber weiterverhandelt werden. Sollten die Gespräche endgültig scheitern, drohen allerdings auch Gewerkschaften wie Unison möglicherweise mit Massenstreiks im Herbst, die das öffentliche Leben der Briten so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr beeinträchtigen könnten. Für die Gewerkschaften ist der Kampf gegen die Rentenreform eine der wenigen Gelegenheiten, ihre nur noch im öffentlichen Dienst verbliebene Macht zu demonstrieren. Dort sind noch 56,3 Prozent der Bediensteten gewerkschaftlich organisiert. In der privaten Wirtschaft ist die Macht der Gewerkschaften seit den achtziger Jahren gebrochen und der Grad der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten auf 14,2 Prozent gefallen. Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder in Großbritannien hat sich seit 1979 auf 6,5 Millionen halbiert.

          Die Regierung zeigt sich nicht verhandlungsbereit

          Allerdings haben die Argumente der jetzt streikenden Gewerkschaften kurze Beine. Die Labour-Regierung unter dem damaligen Premierminister Tony Blair zog zunächst eine umfangreiche Rentenreform für die Arbeiter und Angestellten in der Privatwirtschaft durch und verfügte eine Rentenreform für die staatlich Bediensteten der lokalen Stadtbehörden. Allerdings hatte Blair eine Reform der Renten für den Großteil der Beamten hinausgezögert, was die Streiks der lokalen Stadtbehörden in seiner Regierungszeit erklärte. Mit der jetzigen Reform soll die bisher bevorzugte Situation der Beamten an den Stand ihrer Kollegen in den Stadtbehörden angeglichen werden.

          Die Regierung zeigt sich daher in den Kernpunkten der Reform bisher nicht verhandlungsbereit. Beide Seiten hoffen allerdings, bis Herbst einen Kompromiss ausarbeiten zu können. Über das Vorpreschen der Lehrergewerkschaften, vor allem der Public and Commercial Services Union (PCS), sind die großen Gewerkschaften und ihre im Vergleich zu früheren Gewerkschaftsführern sehr moderaten Generalsekretäre daher wenig begeistert. Der stark links orientierte Chef der PCS, Mark Serwotka, drückte eine Streikabstimmung durch, an der nur 32 Prozent der PCS-Gewerkschaftsmitglieder teilnahmen und nur 61 Prozent für eine Arbeitsniederlegung stimmten.

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