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Energiewirtschaft : Ohne Masterplan droht die Krise

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“Es geht also auch ohne Kernenergie“, lautet der Tenor in der Politik. Und als in diesem Februar das Atomstromland Frankreich aus Deutschland Elektrizität einführen musste, erklärten sogar Bundesminister die Energiewende für gelungen.

Doch der Schein trügt. Bereits 2011 zeigte sich, dass weniger eine zu geringe Erzeugungskapazität, sondern vor allem das Stromnetz auf allen Spannungsebenen die Achillesferse der Energiewende ist. Stromproduzenten halten für das öffentliche Netz mit Kernkraftwerken, fossilen Anlagen, Laufwasser- und Pumpspeicher-Kraftwerken eine Kapazität von gut 90000 Megawattstunden als im Bedarfsfall verfügbare „Nettoengpassleistung“ vor. Darüber hinaus addieren sich regenerative Anlagen auf eine Kapazität von 60000 Megawatt. Davon entfallen knapp 30 000 Megawatt auf Wind- und 22 000 Megawatt auf Solarenergie, also auf eine wetterabhängige Stromerzeugung.

An normalen Werktagen mit mittleren Temperaturen liegt der Kapazitätsbedarf in den Stunden des Spitzenbedarfs bei rund 70 000 Megawatt und an den Tagesrändern eher bei 40000 Megawatt. So gibt es inzwischen Zeiten, in denen die Windenergie mehr als die Hälfte des Verbrauchs decken könnte, und Stunden, in denen vor allem in Süddeutschland die Photovoltaik-Anlagen im ländlichen Raum mehr Elektrizität gewinnen, als die Niederspannungsleitungen aufnehmen können. Erst gut ein Jahr nach dem Atomausstieg wird nun in einem Netzentwicklungsplan festgelegt, wie das Stromnetz auf solche Herauforderungen ausgelegt werden muss.

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Aber das ist nur ein Teil der Lösung. Die Netzgesellschaften beklagen die auch durch Bürgereinsprüche zeitraubenden Genehmigungsverfahren. Und Transportnetzbetreiber haben zudem Kapazitäts- und Finanzierungsprobleme in den Küstenregionen, wo der Bau von Offshore-Windparks Fahrt aufnehmen soll.

Der zunehmende Anfall von Solar- und Windenergie wirkt preisdämpfend auf den Großhandel. Die für hohe Verbrauchsstunden gebauten Kraftwerke - überwiegend Gaskraftwerke - kommen immer seltener zum Einsatz. Selbst Mittellastkraftwerke müssen viel häufiger als bisher vom Netz genommen werden. Dadurch ist in der Stromwirtschaft das Interesse am Bau neuer fossiler Kraftwerke, die als Ersatz für die Abschaltung der noch neun Atommeiler benötigt werden, auf den Nullpunkt gesunken.

Aber selbst für die alternative Technik schwinden die Investitionsanreize. Der Ausbau der wetterabhängigen Energie erforderte eine gewaltige Erweiterung der Speicherkapazität. Nur bei den immer häufiger in Verbrauchsspitzen von Wind und Sonne gekappten Strompreisen sind Pumpspeicherwerke nicht rentabel.

So konzentrieren sich fast alle Stromversorger, also auch die der großen Konzerne, auf neue Produktionskapazitäten, die durch garantierte Einspeisevergütungen für viele Jahre kalkulierbar sind.

Der Umbau zu einer nachhaltigen Stromerzeugung präsentiert sich inzwischen als ein großer Flickenteppich. Die meisten Neuerungen sind kostentreibend und nicht wenige effizienzmindernd. Aber die daraus resultierenden Nettoeffekte für den Strompreis in fünf oder zehn Jahren sind seriös nicht abzuschätzen. Ohne einen Masterplan droht die Stromwirtschaft in eine Krise zu laufen.

Das aktuelle Gehaltsgefüge in der Energiebranche
Das aktuelle Gehaltsgefüge in der Energiebranche : Bild: F.A.Z.

Arbeitsmarkt: Stromer ringen um ihr Ansehen

Seit einigen Jahren findet in der Strom- und Gaswirtschaft ein umfassender Personalabbau statt. Im Zuge von Sparmaßnahmen der heimischen Energieversorger, die durch den jüngsten Atomausstieg der Regierung ausgelöst wurden, dürfte sich dieser Prozess weiter beschleunigen: Tausende Arbeitnehmer sollen möglichst frühzeitig in den Vorruhestand gehen oder zu Transfergesellschaften wechseln. Zeitverträge werden oftmals nicht verlängert. Dennoch wachsen die Nachwuchsprobleme der Versorger, die durch den demographischen Wandel wie auch durch die Wettbewerbssituation im Arbeitsmarkt ausgelöst werden. Vor allem im Tagesgeschäft ist der Mangel an Ingenieuren und qualifizierten Fachkräften groß, um die Energiewende technisch vorantreiben und fristgemäß umzusetzen. Nach einer Studie des Bundesumweltministeriums bietet die regenerative Energie gegenwärtig 380 000 Menschen Arbeit - doppelt so viel wie noch im Jahr 2004. Bei der Rekrutierung von Nachwuchs tut sich die Branche schwer. Während bei Hochschulabsolventen Markenartikler wie Audi, Lufthansa oder Google hoch im Kurs stehen, leiden Energieversorger an ihrem schlechten Ansehen. Sie gelten bei den Neueinsteigern als wenig zeitgemäße Arbeitgeber. (dutu.)

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