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Energiewende : Deutsches Stromnetz soll sicherer werden

  • -Aktualisiert am

Künftig sind noch mehr Stromleitungen nötig Bild: Bernd Arnold / VISUM

Der Netzbetreiber 50Hertz plant neue Verbindungen mit Schweden, Dänemark, Polen und Tschechien. Sie werden gebraucht, um überschüssigen Ökostrom verkaufen und deutsche Nachfragespitzen ausgleichen zu können.

          Deutschland baut das Stromnetz nicht nur innerhalb seiner Grenzen, sondern auch zu seinen Nachbarn im Osten und Norden weiter aus. „Wir stehen kurz vor dem Abschluss entsprechender Verträge mit Polen und Tschechien“, sagte der Vorstandsvorsitzende des ostdeutschen Netzbetreibers 50Hertz, Boris Schucht, dieser Zeitung. Pläne für den Bau eines zweiten Unterseekabels nach Schweden schritten voran; eine weitere Seekabelverbindung nach Dänemark werde wohl noch dieses Jahr ausgeschrieben. „Aus diesem Kern könnte ein Ostseenetz wachsen“, sagte er.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Verbindungen nach Norden und nach Osten hält er für die Sicherheit der Versorgung und das Gelingen der Energiewende für äußerst bedeutsam. Es gehe darum, den Ausbau regenerativer Energien so effizient wie möglich zu machen. Deshalb müsse zeitweilig in Deutschland nicht verwertbarer Ökostrom so wirtschaftlich wie möglich an ausländische Kunden verkauft werden, ohne die Stabilität ihrer Stromnetze zu gefährden. Genau das werfen Polen und Tschechen Deutschland seit Jahren vor; es kam schon zu Interventionen in Berlin und Brüssel.

          „Wir stehen kurz davor, mit beiden Ländern wirtschaftlich sinnvolle Lösungen vertraglich zu vereinbaren“, sagte Schucht dieser Zeitung. Konkret geht es um den Bau sogenannter Phasenschieber dies- und jenseits der Grenzen. 2017 soll der letzte fertig sein. Mit den „Stromventilen“ sollen der Fluss der Elektronen gelenkt und kalkulierbar gemacht werden.

          380-Kilovolt-Höchstspannungsnetz

          50Hertz schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen kann künftig mit Polen Stromhandel betrieben werden, was bisher nicht möglich war. Denn die Leitung aus Deutschland musste wegen „ungeplanter Lastflüsse“ – plötzlich anfallender Windstrom – freigehalten werden und war für von Polen erwünschte Importe nicht frei. Zum anderen sollen die Stromventile sicherstellen, dass die gegen viele Widerstände gebaute „Südwestkuppelleitung“ von Sachsen-Anhalt über Thüringen nach Bayern später ausgelastet ist – und der Strom nicht, dem Weg des geringsten physikalischen Widerstands folgend, den Weg über Polen und Tschechien nimmt, ehe er nach Bayern fließt.

          Ein gutes Geschäft für deutsche Stromkunden

          Parallel dazu soll der Leitungsausbau über die Ostsee nach Norden Deutschland mit den riesigen Wasserkraftpotentialen Schwedens und Norwegens verbinden. Überschüssiger Windstrom könnte nach Skandinavien verkauft werden, wo zu den Zeiten kein Wasserstrom produziert würde. Schwedischer Wasserstrom könnte helfen, deutsche Nachfragespitzen auszugleichen. Der Netzbetreiber Tennet hat ähnliche, wenn auch weiter fortgeschrittene Pläne mit Norwegen. „Schweden hat das gleiche Potential an Wasserstrom wie Norwegen“, sagt Schucht. Das Interesse sei groß. Schon heute profitierte Deutschland von einer Leitung von Lübeck ins schwedische Malmö. Weitere sollen in den nächsten Jahren hinzukommen. „Wir befinden uns in konkreten Gesprächen über die Planung eines Interkonnektors mit der schwedischen Seite“, sagte Schucht. Mit Dänemark wurde gerade der Bau einer 600-Megawatt-Verbindung von Windparks in der Ostsee verabredet, die, falls kein Windstrom anfällt, für den Stromhandel zwischen Skandinavien und Deutschland bereit stehen soll.

          Für deutsche Stromkunden sei das ein gutes Geschäft, meint Schucht: „Diese Projekte kommen ohne einen einzigen Euro Subvention aus.“ Denn die Kabel finanzierten sich allein durch den Handel. Der Anschluss an das „Wasserkraftwerk Skandinavien“ könnte sich auch sonst auszahlen. Selbst wenn der Ökostrom-Ausbau verlangsamt werde, so falle doch immer mehr Überschussstrom von Windrädern und Photovoltaikanlagen an. Szenarien belegten, dass er bis zum Jahr 2050 problemlos mit skandinavischem Wasserstrom ausgeglichen werden könne – und nicht mehr wie heute teils verschenkt werden müsse. Bis dahin sollten Ingenieure Speichermöglichkeiten für Wind- und Sonnenstrom gefunden haben.

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