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Energieversorgung : Netzkosten treiben den Strompreis

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Neue Stromautobahnen und Verteilzentren braucht das Land – das treibt die Netzentgelte und damit die Strompreise in die Höhe Bild: dapd

Die Bundesnetzagentur erwartet in den kommenden Jahren eine Verteuerung des Stroms um bis zu 7 Prozent. Ein weiterer Anstieg wird folgen. Grund ist die Energiewende.

          3 Min.

          Höhere Netzentgelte zur Finanzierung neuer Stromautobahnen und Verteilerleitungen werden die Strompreise empfindlich nach oben treiben. Nach Schätzungen der Bundesnetzagentur wird sich Haushaltsstrom allein dadurch in den kommenden Jahren um 5 bis 7 Prozent verteuern. Dabei wird eine Steigerung der Netzentgelte um 16 bis 24 Prozent unterstellt. Für Industriestrom ist eine Erhöhung der Netzentgelte um bis zu 54 Prozent und eine Strompreissteigerung von bis zu 8 Prozent absehbar. Die Energiewende werde zwangsläufig „zu einer weiteren Erhöhung der Netzentgelte und damit des Strompreises führen“, heißt es in einem Bericht für die Sitzung ihres politischen Beirates.

          Die Behörde stützt sich darin auf Szenarien für den Netzausbau. Die angenommene Investitionsspanne reicht von knapp 30 bis zu 47,5 Milliarden Euro. Genauere Rechnungen werden erst möglich sein, wenn im Laufe dieses Jahres der Bundesbedarfsplan für die Netze vorliegt. Andere Kostenfaktoren der Energiewende wie höhere Strombeschaffungspreise durch den Bau neuer Kraftwerke oder eine steigende Umlage für erneuerbare Energien sind in den Prognosen nicht berücksichtigt.

          Ein Posten auf der Streichliste

          Der neue Netzagenturpräsident Jochen Homann steht vor einem Spagat. Während die Netzbetreiber angesichts des Investitionsbedarfs darauf dringen, die Regulierung zu lockern, muss er versuchen, den Preisauftrieb zu bremsen. „Die Energiewende wird längerfristig nur dann politisch durchzuhalten sein, wenn sie zu vertretbaren Kosten umzusetzen ist. Hierzu ist eine durchschlagkräftige Regulierung mit Augenmaß erforderlich“, heißt es in dem Papier für den Beirat, in dem Bundestagsabgeordnete und Vertreter der Bundesländer sitzen. Einschnitte drohen den Netzbetreibern bei den bisherigen Zusatzentgelten für eine dezentrale Stromeinspeisung, die 2011 mit fast einer Milliarde Euro zu Buche schlugen. Diese Sonderregelung der „vermiedenen Netzentgelte“ fußt auf dem Gedanken, dass Anlagen, die die Stromversorgung aus Großkraftwerken ergänzen, den Bau von Stromleitungen überflüssig machen. Doch bei immer mehr Strom aus Wind und Sonne, der auch über große Entfernungen abgeführt werden muss, geht die Rechnung nicht auf. Zudem werden neue Leitungen benötigt, um an grauen und windstillen Tagen die Versorgung Strom zu garantieren. Die Netzagentur schlägt deshalb vor, die Sonderentgelte für nicht gezielt steuerbare Anlagen, also Windräder und Photovoltaik, ganz zu streichen und für steuerbare Anlagen wie Biomassekraftwerke um mehr als die Hälfte zurückzufahren.

          Bild: F.A.Z.

          Die Schätzungen für die Entwicklung der Netzentgelte markieren nur eine Untergrenze. Die Behörde verweist auf Sonderlasten, „die perspektivisch zu einer weiteren Erhöhung der Netzentgelte führen“ und den Strom noch teurer machen werden. Dazu gehört die Entschädigung für Unternehmen, die bei Stromengpässen Anlagen vorsorglich abschalten. Für 2012 kalkuliert die Netzagentur dafür mit 100 Millionen Euro, mittelfristig mit bis zu 270 Millionen Euro im Jahr. Netzkosten von bis zu 700 Millionen Euro im Jahr würde die flächendeckende Einführung „intelligenter Stromzähler“ verursachen. Auf weitere 200 Millionen Euro veranschlagt die Behörde den Aufwand für elektrische Wechselrichter, die die Stromversorgung aus der Photovoltaik stabilisieren sollen. Das ist einer der Posten auf ihrer Streichliste: Statt von allen Stromkunden sollten die Wechselrichter von den Anlagenbetreibern bezahlt werden. Einzelne Netznutzer zu subventionieren, gefährde die „Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der notwendigen Kosten- und Entgelterhöhungen“.

          In die Höhe geschnellt sind die Anträge auf Ermäßigung oder Befreiung von den Netzentgelten. Dieser Weg steht vielen Branchen offen. Dazu gehören nicht nur besonders energieintensive Industriezweige wie Chemie, Metall oder Glas, sondern auch der Lebensmittelhandel, Hotels und Gaststätten sowie Rechenzentren. Mehr als 1600 Unternehmen sind bei der Netzagentur vorstellig geworden. Sie erwartet ein Gesamtvolumen der Befreiungen und Rabatte von mehr als 400 Millionen Euro im Jahr. Dieser Betrag wird auf alle übrigen Stromkunden umgelegt.

          Derweil nimmt das Interesse der Bürger an der Energiewende nach Erkenntnissen des Allensbach-Instituts ab. Derzeit zählten nur noch 40 Prozent der Bundesbürger die Sicherung der Energieversorgung zu den vordringlichen Aufgaben der Bundesregierung, schreibt die Chefin des Meinungsforschungsinstituts, Renate Köcher, in der „Wirtschaftswoche“. Unter dem Eindruck des plötzlichen Atomausstiegs 2011 seien es noch 53 Prozent gewesen. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) widersprach in der „Bild am Sonntag“ Behauptungen, dass Verbraucher die Energiewende teuer zu stehen komme: „Steigende Strompreise haben nichts mit der Energiewende zu tun. Die Stromversorger geben zum Teil falsche Begründungen für ihre Erhöhungen ab.“

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