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Atomkraft in Japan : „Ich stimme mit Frau Merkel überein“

Yoshinori Fukuda: Seit September 2014 demonstriert er in einem Zeltlager gegen das Kernkraftwerk in Sendai. Bild: Patrick Welter

In Südjapan streiten die Einwohner über die Nuklearenergie. Die Regierung subventioniert die unpopuläre Atomkraft mit vielen Mitteln. Dennoch steigt die Ablehnung. Ein Ortsbesuch.

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          „Hallo, kommen Sie hier herüber!“ Schon von weitem winkt der Mann am Strand freundlich. Eigentlich war die Wegbeschreibung einfach gewesen: vor dem Atomkraftwerk nach rechts abbiegen, der Straße folgen bis zum Restaurant am Hafen und dann am Strand nach links. Ein wenig dauerte es dann aber doch, bis die Zelte am Gumizaki-Strand gefunden waren.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          In brütender Sonnenhitze kommt Yoshihira Fukuda den Besuchern entgegen und führt sie in das Lager. Sechs zusammengesteckte und -gezimmerte Zeltbauten sind durch viele Bambusstäbe einigermaßen vor dem Wind geschützt. Vor dem Eingang des Lagers steht ein Fetisch, der böse Geister fernhalten soll. „Atomkraft tötet Menschen“ oder „Hinterlasst den Kindern keinen Atommüll“ steht auf Plakaten geschrieben.

          Im Hintergrund, 800 Meter weiter, erahnt man das Atomkraftwerk Sendai mehr, als dass man es hinter den hohen Erdwällen sieht. Immer wieder wehen von dort Lautsprecherdurchsagen herüber und geben der Strandidylle im Zeltlager eine besondere Note. Der Hausherr, der 64 Jahre alte Fukuda, würde nicht nur in Japan auffallen. Eine leichte Baumwollhose, ein buntes T-Shirt im Batiklook, ein Spitzbart und eine Mütze. Um den Hals trägt er ein großes Smartphone an einem Band. Fukuda lacht viel und oft. Der Blick in den teils zahnlosen Mund zeigt, dass es ihm wirtschaftlich nicht so gut geht. Er arbeitet morgens in einer Bäckerei in Satsumasendai, eine halbe Stunde mit dem Auto vom Strand entfernt.

          Das Handy erinnert täglich an die Fukushima-Katastrophe

          In gewisser Weise ist Fukuda die Speerspitze der Antiatomkraftbewegung in Japan. Seit zwei Jahren kampiert er mit zwei weiteren älteren Herren 800 Meter vom Sendai-Kraftwerk entfernt, um gegen die Nuklearenergie in Japan zu protestieren. Das Sendai-Kraftwerk mit seinen beiden Reaktoren auf der südlichen Hauptinsel Kyushu ist dabei ein besonderes Symbol. 2015 war es der erste Atommeiler in Japan, der nach dem Unfall in Fukushima Daiichi die neuen Sicherheitsbestimmungen erfüllte und nach jahrelanger Pause wieder ans Netz ging.

          Derzeit sind in Japan nur drei von 42 grundsätzlich lauffähigen Reaktoren am Netz. Ihm sei erst mit dem Unfall in Fukushima Daiichi bewusst geworden, welche Risiken die Atomenergie berge, sagt Fukuda. Japan müsse sofort wieder aus der Atomenergie aussteigen. „Ich stimme sehr damit überein, was Frau Merkel in Deutschland macht.“

          Das Zeltlager am Strand ist illegal, weil auf Japans Stränden keine Bauten dauerhaft errichtet werden dürfen. Die Polizisten, die vorbeigeschaut hätten, seien bislang aber sehr zurückhaltend gewesen, sagt Fukuda. Ein städtischer Tierschutzbeauftragter sei sogar erfreut über die Strandbewohner. Seit er und seine Kameraden den Strand von Treibgut reinigten, hätten im vergangenen Jahr erstmals 95 Seeschildkröten an dem Strand Eier gelegt, berichtet der Dauerdemonstrant. Denn er war schon in einem Protestzelt auf dem Gelände des Industrieministeriums in Tokio dabei.

          Um 14:46 Uhr klingelt Fukudas Handy. Es ist kein Anruf, sondern eine täglich Erinnerung an die Minute, in der am 11. März vor fünf Jahren ein Seebeben einen Tsunami auslöste. Dieser schaltete dann in Fukushima Daiichi die Kühlsysteme aus, was zur Kernschmelze in drei Reaktoren führte.

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