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Energie-Debatte : Die Erneuerbaren sind heute konkurrenzfähig

  • -Aktualisiert am

Energie aus Windkraft ist heute gar nicht mehr teuer - im Gegenteil, argumentiert Umweltministerin Hendricks. Bild: ZB

Die Energiewende sei teuer und unwirksam, schrieb der dänische Politologe Björn Lomborg jüngst in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. Nun antwortet ihm die Bundesumweltministerin persönlich - und wirft ihm falsche Behauptungen und Zynismus vor.

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          Es klingt wie ein schlechter Witz, und es ist auch einer: Seit Jahren werden einige nicht müde, den geballten Erkenntnisstand der Klimawissenschaft und die Klimapolitik der Staatengemeinschaft in Zweifel zu ziehen, traurigerweise stets mit den gleichen Argumenten, mit denen sie schon zuvor gescheitert sind. Getreu der Floskel: „Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Björn Lomborg gehört zu jenen Publizisten, die regelmäßig vor internationalen Klimagipfeln breiten Raum erhalten, um ihre Thesen gegen die Klimapolitik auszubreiten, und seien sie noch so dürftig begründet. So am 8. Mai in der F.A.Z.

          Ein bemerkenswerter Zufall wollte es, dass am selben Tag, an dem die F.A.Z. ihm eine Seite freiräumte, um über „Deutschlands gescheiterte Klimapolitik“ herzuziehen, am andern Ende der Welt eine weniger schmeichelhafte Entscheidung getroffen wurde: Die Universität von Westaustralien (UWA) in Perth kündigte einen Vertrag mit Lomborg über die Gründung eines „Consensus Institute“ mit Verweis auf die erhebliche Unruhe, die der Plan im Lehrkörper der Universität ausgelöst hatte. Lomborg sei weder Wissenschaftler noch Ökonom; man befürchte, dass er den Namen der Universität nutzen werde, „um Dinge zu verbreiten, bei denen es sich im Wesentlichen um politische Ansichten handelt, nicht aber um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, und das im Namen der Universität“, begründete ein Vorstandsmitglied des akademischen Rates der UWA den Professoren-Protest.

          Umweltministerin Barbara Hendricks mit einer Replik auf den Gastbeitrag von Björn Lomborg in der F.A.Z.

          Ich maße mir nicht an, die wissenschaftliche Qualifizierung von Lomborg zu beurteilen. Mich interessiert die Qualität seiner Argumente. Die erscheint mir nicht besonders belastbar. Das beginnt bei Lomborgs ebenso unhistorischer wie unpolitischer Ausgangsthese, die bisherigen 20 internationalen Klimakonferenzen hätten „so gut wie nichts erreicht“, weitere Veranstaltungen dieser Art seien überflüssig. Unbestreitbar ist: Diese Verhandlungen sind langwierig, zäh, häufig auch unbefriedigend. Nichts anderes ist angesichts der mit der Klimapolitik verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Interessen von mehr als 190 Staaten zu erwarten. Doch führt kein Weg an Absprachen und Verhandlungen mit allen Staaten vorbei. Das Forum der Vereinten Nationen ist dafür genau das richtige. Ich kenne keine überzeugende Alternative zu diesem Prozess. Lomborg weiß offenbar auch keine, jedenfalls benennt er keine.

          Falsch ist zudem seine Behauptung, der Prozess habe keine Fortschritte gebracht. Ein wichtiges Beispiel: Während früher nur Industrieländer in der Pflicht standen, Emissionen zu mindern und andere Länder dabei finanziell zu unterstützen, haben wir heute erreicht, dass alle Länder bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Zudem haben wir ein viel größeres Themenspektrum im Blick: die Verbindung von klimafreundlichem mit nachhaltigem Wachstum und Entwicklung, wozu nicht nur staatliche Finanzierung, sondern vor allem private Investitionen gehören.

          Erneuerbare Energien sind günstig geworden

          Erfolgreicher Klimaschutz braucht Wegbereiter, die Energieeffizienz und erneuerbare Energien als Wachstumsmotoren erkennen und entschlossen sind, in die Zukunft zu investieren. Dabei geht es um viel mehr als die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Es geht darum, die erhebliche Verschwendung von Strom, Wärme und Ressourcen zurückzudrängen, Städte und Gemeinden intelligenter und lebenswerter zu organisieren sowie die Landwirtschaft auf eine verringerte Stickstoffbelastung von Böden und Gewässern und gesündere Ernährungsgewohnheiten auszurichten.

          Der Rückgang der Emissionen in Deutschland um 27 Prozent gegenüber 1990 ist in hohem Maße auch in den Bereichen Gebäude, Energieeffizienz und Abfallwirtschaft erreicht worden. Die Emissionen der Stromerzeugung sind in diesem Zeitraum unterdurchschnittlich um gut 23 Prozent gesunken. In allen Bereichen gibt es zusätzliche Minderungspotentiale, die wir mit dem Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 kurzfristig heben wollen. Mit der nun beginnenden Arbeit am Klimaschutzplan 2050 werden wir die Weichen für die Zeit nach 2020 stellen.

          Dass die erneuerbaren Energien schon heute kostengünstig und konkurrenzfähig sind, haben sie unter Beweis gestellt: Strom aus neuen Windkraft- und großen Photovoltaikanlagen produzieren wir heute zu denselben Vollkosten wie neue Steinkohle- oder Gaskraftwerke. Mit einem Anteil von 27,8 Prozent am Bruttostromverbrauch sind die Erneuerbaren heute Deutschlands Stromquelle Nummer eins. Zudem ist erstmalig seit dem Jahr 2000 der durchschnittliche Strompreis für Haushalte leicht zurückgegangen. Auch weltweit zählen die Erneuerbaren zu den günstigsten Stromquellen: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur werden heute und bis 2035 weltweit mehr Investitionen in Erneuerbare-Energien-Kraftwerke getätigt werden als in konventionelle Kraftwerke. Erneuerbare Energien können heute auch deshalb zu signifikant geringeren Kosten genutzt werden, weil Deutschland die Anfangsinvestitionen schon geschultert hat.

          Die Erneuerbaren sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Deutschland: 2014 wurden rund 18,8 Milliarden Euro in die Errichtung von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien investiert. Dagegen hat fossile Erzeugung über Jahrzehnte deutlich höhere Subventionen verschlungen als Erneuerbare, die Folgekosten durch Schadstoffe, nukleare Abfälle und Klimawandel noch nicht eingerechnet. Die Branche hat erkannt, dass es zu einer auf erneuerbaren Energien und Energieeffizienz beruhenden Zukunft keine vernünftige Alternative gibt.

          Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird gerade durch die Kombination mit ambitionierten Energieeffizienzmaßnahmen kostengünstig. Die günstigste Kilowattstunde ist diejenige, die eingespart wird. Senken wir etwa den Stromverbrauch bis 2020 um 10 Prozent gegenüber 2008, benötigen wir deutlich weniger Erzeugungskapazitäten. Wir entkoppeln damit den Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum und machen uns unabhängiger von den schwankenden Preisen für fossile Energieträger auf den Weltmärkten. 2012 konnten schon Brennstoffkosten in Höhe von 10 Milliarden Euro durch erneuerbare Energien beziehungsweise 26 Milliarden Euro durch Energieeffizienz eingespart werden. Unsere Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind konsequenter Klimaschutz und eine Versicherung für die Zukunft. Das ist eine Jahrhundertaufgabe, nur dass wir keine 100 Jahre Zeit haben.

          Gesundheitspolitik gegen Klimaschutz - das ist zynisch

          Es gibt zudem ohne Klimaschutz in vielen Entwicklungsländern kaum planbare Entwicklungsperspektiven, wie die Beispiele Bangladesch, viele kleine Inselstaaten oder die vielen Regionen Afrikas und des Mittleren Ostens zeigen, die schon heute mit politischer und gesellschaftlicher Destabilisierung zu kämpfen haben - nicht zuletzt durch sich immer mehr verschärfenden Wassermangel in Folge des Klimawandels. Es ist zynisch, wenn man wie Lomborg vorschlägt, Gesundheitspolitik und Bildungsförderung gegen Klimaschutz abzuwägen: Verantwortungsbewusste Entwicklungspolitik muss mit konsequentem Klimaschutz Hand in Hand gehen. Damit nutzen wir auch die Synergien etwa im Kampf gegen Luftverschmutzung durch die mit der Reduzierung der Kohlenutzung in Kraftwerken und Industrieanlagen verbundene ganz erhebliche Entlastung der Bevölkerung und der Gesundheitskosten.

          Es geht in der Klimapolitik darum, gesellschaftliche Strukturen neu zu denken und neue Geschäftsmodelle für die Wirtschaft zu entwickeln. Dazu braucht es Pioniere, die innovative Konzepte und Techniken nicht nur in Forschung und Entwicklung fördern, sondern erproben, weiterentwickeln und kosteneffizient machen. Deutschland ist entschlossen, dafür auch in Zukunft ein Wegbereiter zu sein.

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