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Three Miles Island : Das Unfall-Atomkraftwerk wird zu teuer

Das Kernkraftwerk Three Mile Island wenige Tage nach der Kernschmelze im Jahr 1979. Bild: AFP

Das Kernkraftwerk Three Miles Island in Harrisburg hat den größten Reaktorunfall Amerikas hinter sich. Danach lief es noch 40 Jahre. Doch jetzt findet es der Betreiber zu teuer.

          Das Kernkraftwerk Three Miles Island in Harrisburg, Pennsylvania, soll 15 Jahre vor dem Ablauf der Betriebsgenehmigung stillgelegt werden. Der Betreiber Exelon plant die Stilllegung für Ende September 2019, rund 40 Jahre nach dem schweren Reaktorunglück, das in der ganzen Welt für Aufsehen gesorgt hatte.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          In dem Kraftwerk bei Harrisburg hatten Bedienungsfehler und falsche Managemententscheidungen 1979 eine Teil-Kernschmelze ausgelöst, während der größere Mengen Radioaktivität in die Außenwelt gelangten. Der Reaktor war gerade drei Monate im Betrieb, der Betreiber ging damals insolvent, die Dekontaminierungskosten beliefen sich auf mehr als eine Milliarde Dollar. Die amerikanische Regierung verhängte ein Moratorium für die Lizensierung neuer Atomkraftwerke, einige Reaktoren wurden vorübergehend stillgelegt.

          Im ganzen Land protestierten damals Atomkraftgegner. Eine staatliche Kommission vermeldete in einen Untersuchungsbericht, dass es keine schwerwiegenden Gesundheitsgefährdungen gegeben habe, Kernkraftgegner bezweifelten die Resultate. Der havarierte Reaktor ist nie wieder in Betrieb genommen worden.

          Jetzt wird der zweite Reaktor stillgelegt

          Die aktuelle Stilllegungsentscheidung bezieht sich auf den zweiten Reaktor am selben Standort. Dessen Betriebsgenehmigung für diesen reicht noch bis 2034. Das Kraftwerk schreibt allerdings seit fünf Jahren rote Zahlen. Vor allem das günstige Erdgas in den Vereinigten Staaten macht den Betreibern zu schaffen. Immer mehr Energiekonzerne setzen auf Gaskraftwerke zur Erzeugung von Strom, seitdem Erdgas dank des Frackingbooms billig geworden ist.

          Dazu kommt, dass zahlreiche Bundesstaaten und die Bundesregierung in Washington die Produktion von erneuerbarer Energie fördern. Die Unternehmensführung von Exelon bietet der Regierung des Bundesstaates von Pennsylvania einen Ausweg, die vorzeitige Stilllegung noch abzuwenden. Subventionen oder andere Formen der staatlichen Hilfe könnten das Aus noch stoppen.

          Erneuerbare Energien erhalten die 100-fachen Subventionen

          Exelon-Chef Chris Crane wies darauf hin, dass der Bundesstaat Pennsylvania zahlreiche erneuerbare Energien subventioniere, nur Atomkraft nicht. Ein Bericht des überparteilichen Budgetbüros des amerikanischen Kongresses kam zum Ergebnis, dass erneuerbare Energien in den Vereinigten Staaten 112 Mal so hohe Subventionen erhalten wie die Kernkraft.

          Dem Unternehmen Exelon zufolge produziert Three Miles Island 93 Prozent des emissionsfreien Stroms im Bundesstaat, vermeide damit jährlich den Ausstoß von 37 Millionen Tonnen Kohlendioxid, was den jährlichen Emissionen von zehn Millionen Autos entspreche. Exelon argumentiert, dass die Abschaltung des Kraftwerks die Stabilität des Hochspannungsnetzes verschlechtern, die Luftverschmutzung erhöhen und Energie für die Konsumenten verteuern würde.

          Zudem gingen Tausende gut bezahlter Arbeitsplätze in der Region verloren. Three Miles Island beschäftigt direkt 675 Mitarbeiter, weitere 1500 arbeiten für Zulieferer des Atomkraftwerks. Exelon will Sonderabschreibungen in Höhe von eine Milliarde Dollar für das Kraftwerk vornehmen.

          Noch 99 Reaktoren in Betrieb

          Die Stilllegung ist ein weiterer schwerer Rückschlag für die amerikanische Kernkraftindustrie. In den vergangenen fünf Jahren sind in den Vereinigten Staaten sechs Atomkraftwerke stillgelegt worden, weitere fünf sollten in den nächsten Jahren dichtgemacht werden. Im Moment sind noch 99 Reaktoren an 60 Standorten in Betrieb. Jüngst war Westinghouse, Tochtergesellschaft der japanischen Toshiba und einer der führenden Anbieter für Kernkrafttechnologie, in die Insolvenz gegangen.

          Die Komplexität der Technologie, die hohen Regulierungskosten und die unsicheren Marktverhältnisse lassen Investoren auf der ganzen Welt zögern, in die Großprojekte zu investieren. Die Entwicklung besorgt allerdings führende Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten, vor allem Klimaforscher. Sie halten den Erhalt der weitgehend CO2-freien Energieerzeugung, die zuverlässig hohe Produktionsmengen bereitstellt, für zentral in der Bekämpfung des globalen Klimawandels.

          In einem offenen Brief wiesen der bekannte Klimaforscher James Hansen und drei seiner Kollegen drauf hin, dass auf der ganzen Welt 115 Atomkraftwerke im Jahr ausreichen würden, um die gesamte globale Stromerzeugung bis zum Jahr 2050 komplett zu dekarbonisieren, sprich von CO2-Emissionen zu befreien. Entsprechende Bemühungen in Schweden und Frankreich zeigten, dass das zu schaffen sei.

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