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Marokkos Energiewende : Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht

König Mohammed VI. treibt Entwicklung voran

Wie ist ein solches Hightech-Projekt möglich in einem Land, in dem geschätzt 40 Prozent der Bewohner nicht lesen und schreiben können? Wer investiert in einem Land, das umgeben ist von fragilen Staaten wie Algerien, Tunesien und Ägypten? Antworten gibt Mustapha Bakkoury. In der Hauptstadt Rabat managt Bakkoury den marokkanischen Solarstromausbau, er ist der Geschäftsführer der staatlichen Behörde MASEN (Moroccan Agency for Solar Energy), die nur zu diesem Zweck gegründet wurde. „Marokko hat sich entschieden“, sagt der Mann, der einer dem König nahestehenden Partei im marokkanischen Parlament vorsitzt. Was Bakkoury vor allem meint: Der König hat sich entschieden.

Mohammed VI., dessen Vermögen Forbes auf 2,1 Milliarden Dollar beziffert, sagt, wo es langgeht. „Es hat drei Regierungswechsel gegeben, seitdem wir begonnen haben, die erneuerbaren Energien auszubauen“, sagt Bakkoury, „aber das Projekt läuft trotzdem planmäßig, weil der König es unterstützt.“ Als 2011 in den Nachbarländern die Zivilgesellschaft Herrscher zu Fall brachte, gab es in Marokko nur zaghafte Demonstrationen. Mit einer Verfassungsreform nahm Mohammed VI. den Demonstranten den Wind aus den Segeln. Marokko ist keine lupenreine Demokratie – aber ein Stabilitätsanker in der Region.

Bringt die marokkanische Energiewende voran: König Mohammed VI.
Bringt die marokkanische Energiewende voran: König Mohammed VI. : Bild: AP

Die Gründe dafür, dass der Monarch die Energiewende will, liegen auf der Hand. Marokko verbraucht immer mehr Strom. Selbst entlegene Dörfer sind inzwischen an das Stromnetz angeschlossen. Und auch die Wirtschaft hat wachsenden Energiehunger. 4,4 Prozent Wachstum werden für dieses Jahr erwartet, fünf Prozent im kommenden Jahr. Geht es so weiter wie zuletzt, benötigt Marokko in einem Jahrzehnt fast doppelt so viel Strom wie heute.

Und dann ist da noch der Klimawandel, den die Marokkaner als Begründung für ihr Mammutprojekt anführen. Denn schon heute bedrohten Überschwemmungen und Trockenheit die Entwicklung des Landes. Für die saubere Energieerzeugung gibt es auch Unterstützung aus dem Ausland.

Deutsche Entwicklungsbank KfW gibt Marokko Kredite

Ohne finanzielle Hilfe könnte sich Marokko die Milliardeninvestitionen in die Ökostromanlagen nicht leisten. Und an Unterstützung mangelt es nicht. Das Solarkraftwerk in Ouarzazate finanzieren mehrere internationale Entwicklungsbanken, allein die deutsche Förderbank KfW, die Journalisten nach Marokko eingeladen hat, um den Fortschritt des Projekts zu besichtigen, stellt im Auftrag der Bundesregierung 834 Millionen Euro in Form zinsvergünstigter Kredite zur Verfügung. Das ist mehr als ein Drittel der Investitionskosten.

„Unser Ziel als Entwicklungsbank ist es, das Thema erneuerbare Energien speziell in Nordafrika voranzubringen“, sagt KfW-Direktor Wolfgang Reuß. „Es werden Projektstrukturen gewählt, in denen der private Sektor sehr stark eingebaut ist.“ Das Solarkraftwerk in Ouarzazate wird nicht vom Staat gebaut und betrieben – in der internationalen Ausschreibung hat ein Konsortium von Unternehmen aus Saudi-Arabien und Spanien das Rennen gemacht.

Wer profitiert von der Energiewende am Ende?

Ausschlaggebender Punkt war der Preis, zu dem das Konsortium den Strom liefern wird. 12 Cent je Kilowattstunde kassieren die Betreiber künftig vom staatlichen Auftraggeber. Das ist zwar noch immer mehr, als marokkanische Haushalte für Strom bezahlen können. Das Kalkül der Regierung ist jedoch: Während der Import fossiler Energien aus dem Ausland auf Dauer ein Zuschussgeschäft bleibt, sollen die Subventionen für Ökostrom nach und nach sinken. Von langfristig niedrigeren Strompreisen sollen dann der Staatshaushalt, die Bevölkerung und die Wirtschaft profitieren.

Wer einfache Bürger in Ouarzazates Fußgängerzone nach dem Großprojekt fragt, der hört noch viele Zweifel daran, ob sie tatsächlich zu den Profiteuren gehören werden, oder ob es nicht doch nur „ausländische Konzerne“ oder besonders gut ausgebildete Arbeitskräfte aus den marokkanischen Metropolen sein werden, denen die Energiewende hilft.

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