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Fossile Brennstoffe : Die Ölstrategien der Saudis

Er muss sich mit den Ölpreisen abfinden: Ein Saudi-Araber in der Tadawul Ölbörse in Riad Bild: AP

Saudi-Arabien hat seine Rolle als eine Art Preiswächter des globalen Ölmarktes aufgegeben. Warum? Wollen sie Niedrigpreise zulassen, um auf Geheiß der Amerikaner den Russen zu schaden? 

          Die klassischen Vorstellungen darüber, wie Märkte funktionieren, kann man im Ölgeschäft getrost vergessen. Binnen eines Jahres haben sich die Preise für Rohöl ungefähr halbiert. Die Erwartung war, dass zunächst die Ölförderer mit den höchsten Produktionskosten aus dem Markt fliegen. Zu dieser Gruppe zählen Amerikas Fracker. Die Vereinigten Staaten haben aber seit November 2014, dem Zeitpunkt des ersten Tiefstandes, ihre Produktion nicht gedrosselt, sondern weiter erhöht. Das Land produziert jetzt so viel Rohöl wie seit 40 Jahren nicht mehr und ist nicht mehr weit entfernt von den beiden Spitzenproduzenten Saudi-Arabien und Russland.

          Die Amerikaner holen mehr Öl aus der Erde, weil sie es müssen und weil sie es können. Viele Förderer in der Schieferölbranche sind hoch verschuldet. Sie brauchen Erlöse, um ihre Kredite zu bedienen. Zugleich haben sie es in der kurzen Zeitspanne weniger Monate verstanden, die Kosten und den Aufwand für jedes aus der Tiefe geförderte Barrel Öl (159 Liter) stark zu senken. Oder andersherum: Sie holen jetzt für jeden eingesetzten Dollar zwei Drittel mehr des kostbaren Rohstoffs aus der Tiefe, so schätzt es die Beratungsfirma IHS.

          Die Vereinigten Staaten sind nicht allein. Kanada, Russland, Iran, Irak und nicht zuletzt Saudi-Arabien - alle haben ihre Produktion nach oben gefahren. Die sechs wichtigsten Rohölproduzenten der Welt haben ihre Förderung vergrößert, statt sie zu verkleinern, seit dem Ölpreisschock im November. Jedes Land folgt einer eigenen Logik. Länder mit einer weitgehend verstaatlichten Ölindustrie, deren Staatshaushalte stark von den Erlösen aus dem Verkauf des Rohstoffs abhängen, reagieren auf den Preisverfall, indem sie die Pumpen beschleunigen. Sie müssen ihre Einnahmeposition sichern, um die Staatshaushalte finanzieren zu können. Dafür ist das von Sanktionen geplagte Russland ein gutes Beispiel.

          Saudi-Arabien wiederum hat seine Rolle als eine Art Federal Reserve des globalen Ölmarktes aufgegeben. Früher haben die Saudis etwas Rohöl in den Markt gegeben, wenn zu wenig da war und die Preise überzuschießen drohten. Und sie haben die Produktion gedrosselt, wenn die Preise nicht das erwünschte Niveau erreichten. Heute kämpft Saudi-Arabien nicht mehr für Preisziele, sondern für Marktanteile. Es will sie weder den Amerikanern überlassen noch den undisziplinierten Freunden in der Opec und schon gar nicht Iran. Dieses ist das Land mit den viertgrößten Ölreserven der Welt im Boden, es hat die Ambition und die technische Fähigkeit, seine Förderung zu verdoppeln. Darüber hinaus hat Iran knapp 40 Millionen Barrel in Tankern gebunkert, die nur darauf warten, die Märkte zu fluten, sobald die Sanktionen im Zusammenhang mit dem Nuklearkompromiss aufgehoben sein werden.

          Weltklimakonferenz in Paris wirft seine Schatten voraus

          Saudi-Arabiens Entschluss auf der historischen Opec-Sitzung im vergangenen Herbst, die Rolle des Preiswächters aufzugeben, hat eine Reihe von Spekulationen genährt, etwa dass die Saudis Niedrigpreise zulassen, um auf Geheiß der Amerikaner den Russen zu schaden. Realistisch ist aber eher, dass sie sich die Konkurrenz vom Hals halten wollen. Die unmittelbaren Produktionskosten in Saudi-Arabien sind so niedrig wie nirgendwo auf der Welt. Der Staatshaushalt hängt zwar von den Öleinnahmen ab und produziert deshalb aktuell Defizite, zugleich verfügt das Land aber über riesige Finanzreserven. Saudi-Arabien kann niedrige Preise also lange aushalten, und es hat die Bereitschaft dazu schon in früheren Jahren gezeigt.

          Die größte Sorge der Saudis gilt aber nicht der Konkurrenz, sondern der Kundschaft. Bisher regiert in der Ölindustrie und bei ihren Investoren die Vorstellung, dass mit dem Aufstieg Hunderter Millionen Armer in die Mittelklasse auch der Ölkonsum steigt. Allerdings sind mehrere Entwicklungen im Gange, welche die Nachfrage nach Öl auch global drosseln, nachdem der Verbrauch in den größten Industrienationen schon seit Jahren sinkt. China, das zwischen 2004 und 2014 die Hälfte des globalen Nachfragezuwachses nach Öl zu verantworten hatte, kränkelt nicht nur, es baut gerade auch seine Wirtschaftsstruktur um zu einer weniger ölschluckenden Dienstleistungsökonomie.

          Der Megatrend zur Urbanisierung verkürzt die Wege und macht zugleich Massentransport und energieeffizientere Varianten des Individualverkehrs wie den Taxikonkurrenten Uber attraktiver. Die Politik fördert in den reichen Ländern alternative Fahrzeugantriebe, in den armen Ländern werden Treibstoffsubventionen gestrichen. Wenn in diesem Jahr die Länder der Welt in Paris neue Klimabeschlüsse fassen, drohen weitere Hindernisse für den Ölkonsum.

          Die Vorstellung, dass Saudi-Arabien seine strategische Rolle aufgegeben hat, ist vermutlich falsch. Es hat eine neue eingenommen: Das Land will niedrige Ölpreise, damit das Autofahren attraktiv bleibt - und der Weg in einen dekarbonisierten Verkehr verlangsamt wird.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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