https://www.faz.net/-gqe-884o9

Rekord-Kraftwerk : Ein neuer Kohlegigant im Windradbiotop

Der neue Block 9 des Kohlekraftwerks in Mannheim, vor weiteren Kraftwerksblöcken. Bild: dpa

In Mannheim ist am Nachmittag das größte Steinkohlekraftwerk Deutschlands in Betrieb genommen worden. Es ist auf mehrere Jahrzehnte angelegt - trotz Energiewende.

          2 Min.

          Die Energiewende treibt eine weitere sonderbare Blüte. Während das modernste Gaskraftwerk Deutschlands im bayerischen Irsching vor dem Aus steht, geht heute 300 Kilometer westlich in Mannheim das größte Steinkohlekraftwerk Deutschlands offiziell in Betrieb. Seit der Planung vor zehn Jahren aber haben sich die Rahmenbedingungen radikal verändert. Heute muss sich das Kohlekraftwerk gegen die staatlich subventionierte Armada von Windrädern durchsetzen und als Reservekraftwerk gegen Gaskraftwerke behaupten – ein Kraftakt schon zur Geburt.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          1,3 Milliarden Euro hat sich das Betreiber-Trio RWE, ENBW und MVV Energie den neuen Block 9 der Großkraftwerk Mannheim AG (GKM) kosten lassen. Sechs Jahre wurde gebaut, beständig begleitet von Bürgerprotesten und Klagen. An diesem Dienstag musste ausgerechnet der grüne Umweltminister Franz Untersteller das Megaprojekt eröffnen. „Kohle ist nicht der Brennstoff der Zukunft. Aber noch brauchen wir sie für eine sichere Energieversorgung“, äußerte er sich diplomatisch. Das Kraftwerk leiste dazu einen effizienten Beitrag.

          Der Kraftwerkspark in der Kurpfalz ist mit dem Neubau zum größten Stromproduzenten Baden-Württembergs avanciert. 2,5 Millionen Menschen kann das GKM mit Strom versorgen, zudem ist es einer der größten Stromlieferanten der Deutschen Bahn. Mit neu installierten 911 Megawatt Leistung kommt das GKM auf 2.150 Megawatt, deutlich mehr, als ein durchschnittliches Atomkraftwerk leistet.

          Betreibertrio gibt sich optimistisch

          Doch obwohl der Kraftwerkskomplex über Strom-Wärme-Kopplung zugleich Strom und Fernwärme produziert und mit 70 Prozent Wirkungsgrad zu den effizientesten Anlagen seiner Art zählt, verdient er wie die meisten anderen konventionellen Kraftwerke vermutlich kein Geld. Zwar erwirtschaftet das GKM nach Aussagen des kaufmännischen Vorstandes Markus Binder seine Kosten „und einen zusätzlichen Deckungsbeitrag“, wie er dem „Mannheimer Morgen“ sagte. Für eine Milliardeninvestition ist das aber zu wenig. Anders als Eon-Chef Johannes Teyssen, der mit den Schließungsplänen für das Gaskraftwerk Irsching die Politik unter Druck gesetzt hat, demonstriert das Betreibertrio in Mannheim trotzig Optimismus. Man gehe davon aus, dass auch in der konventionellen Stromerzeugung wieder bessere Zeiten kämen, sagte Binder. Das Kraftwerk sei schließlich für mehr als 40 Jahre angelegt.

          Die Energiewende hat den Preis für konventionellen Strom an den Börsen einbrechen lassen. Zur gleichen Zeit, in der in Mannheim die Öfen hochgefahren werden, versuchen immer mehr Kraftwerksbetreiber unrentable Kraftwerke abzuschalten – mehr als 50 Kraftwerksblöcke hat die Industrie bereits stillgelegt oder zur Stilllegung bei der Bundesnetzagentur angemeldet. Wenn die Agentur nicht zustimmt, müssen die Meiler als Reservekraftwerke am Netz bleiben. Dank effizienter Produktion von Strom und Wärme zugleich hat das GKM nach Betreiberangaben den Kohleeinsatz deutlich reduziert. Weil mit dem Neubau zwei alte Kraftwerksblöcke ersetzt worden seien, sei der Kohlendioxidausstoß erheblich zurückgegangen. Zudem gilt das Kraftwerk für eine Steinkohleanlage als vergleichsweise flexibel und kann nach Einschätzung der Betreiber mit den eigentlich als Reservekraftwerke bevorzugten Gaskraftwerken mithalten. Der neue Block kann nach Angaben eines Sprechers bei Bedarf jede Minute 40 Megawatt Strom in das öffentliche Netz zuschalten. Das sei in zehn Minuten aus dem Stand so viel Energie, um ganz Mannheim zu versorgen.

          Damit komme das GKM als eines der ersten Kraftwerke ans Netz, wenn Strom aus Wind und Sonne fehlt – ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Die verfeuerte Kohle stammt nicht mehr aus Deutschland. Heute wird Kohle aus aller Herren Ländern nach Mannheim transportiert. Neben dem Block 9 ist Platz für 300.000 Tonnen. Wenn das Kraftwerk brummt, werden 10.000 Tonnen am Tag verbrannt.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Dax steigt auf Rekordhoch Video-Seite öffnen

          Trotz Corona : Dax steigt auf Rekordhoch

          Der Höhenflug an den Aktienmärkten hält an. Befeuert von soliden Firmenbilanzen stieg der Dax bis zum Freitagnachmittag um 1,2 Prozent auf ein Rekordhoch von 15.431,09 Punkten.

          Topmeldungen

          Statistisch betrachtet, ist es für Frauen in den eigenen vier Wänden oder im Bekanntenkreis gefährlicher als allein im Wald. Was aber, wenn doch etwas passiert?

          Serienvergewaltiger in Berlin : Der Albtraum jeder Frau

          Allein im Wald, und plötzlich ist da ein fremder Mann: Im vergangenen Sommer ist das sieben jungen Frauen passiert. Jetzt steht der Vergewaltiger in Berlin vor Gericht. Aber wie geht es den Frauen?
          September 2020: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verfolgt im Bayerischen Landtag eine Rede von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

          Die K-Frage der Union : Söder muss nur noch zuschauen

          Die Unterstützung in der CDU für die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet bröckelt Stück für Stück. Umso entschlossener wirkt die CSU. Die christsoziale Kampfmaschine funktioniert reibungslos.
          Er will gehen: Hansi Flick, seit November 2019 Cheftrainer beim FC Bayern.

          Der Trainer will weg : Flick kündigt dem System Hoeneß

          Weil der Trainer, der sechs Titel holte, beim FC Bayern trotzdem nicht viel zu sagen hat, überrumpelt er zum Abschied auch den eigenen Klub. Die Spieler sind berührt. Nur die Führung missbilligt das einseitig verkündete Ende.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.