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Ölpreis steigt : Deswegen ist die Ölländer-Einigung so brisant

Um bis zu 750.000 Fass wollen die Ölförderländer die Produktion kürzen. Bild: dpa

Die Opec-Länder wollen weniger Öl fördern, der Preis schießt nach oben. Die Entscheidung könnte bahnbrechend sein. FAZ.NET erklärt warum.

          Die Überraschung ist den Ölförderländern der Opec sichtlich gelungen: Nachdem sie sich darauf geeinigt haben, die Fördermenge zu begrenzen, ist der Ölpreis stark gestiegen. Um mehr als 6 Prozent verteuerte sich amerikanisches WTI-Öl, der Preis für ein Fass (159 Liter) der europäischen Sorte Brent kletterte bis auf mehr als 49 Dollar. Auch die Aktienbörsen reagierten freundlich.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Die Entscheidung könnte bahnbrechend sein. Natürlich bleiben die Details abzuwarten. Welches Land verringert seine Produktion um welche Menge? Seit dem Ende nahezu aller Sanktionen ist mit Iran ein großer Anbieter auf den Weltmarkt zurückgekehrt, dessen Verhältnis zum größten Produzenten Saudi-Arabien angespannt ist.

          BRENT

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          Aber nicht nur deswegen sind Zweifel angebracht, ob sich auch jedes Förderland an die Vereinbarung halten und die tägliche Produktion wirklich um bis zu 750.000 Fass gedrosselt wird. „Die Saudis werden wahrscheinlich ihren Teil erfüllen, aber die Versuchung vieler andere Opec-Mitglieder wird groß sein, ihre Produktion zu steigern trotz der Vereinbarung, was wir etwa auch in den achtziger Jahren regelmäßig gesehen haben“, sagte Erick Norland, Ökonom der wichtigen Rohstoffbörse CME in Chicago dem Finanzsender CNBC. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass Saudi-Arabien im Wesentlichen die Kürzung stemmen wird, während andere Länder wie Iran sogar zugestanden bekommen, mehr zu fördern.

          Jedoch: Warum wird die Opec-Einigung allenthalben und zumal an den Börsen so positiv aufgenommen? Warum findet es „der Markt“ gut, dass Öl nachhaltig teurer werden könnte? Schließlich haben Verbraucher rund um die Welt doch mehr Geld übrig für andere Dinge, wenn sie weniger fürs Tanken und Heizen ausgeben müssen. Und was für Privatpersonen gilt, gilt in diesem Fall für viele Firmen ganz genauso.

          Stimmt alles. Ein niedriger(er) Ölpreis hilft der Wirtschaft tendenziell immer. Aber: Wenn der Ölpreis zu schnell zu stark fällt, etwa von 100 Dollar Ende 2014 auf weniger als 30 Dollar je Fass zu Beginn dieses Jahres, dann ist das auch ein Problem. Denn Öl bedeutet eben nicht nur Kosten, sondern ist für viele Länder und eine große Branche das wesentliche Einkommen.

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          Zur Erinnerung: Zu Jahresbeginn waren die Börsenkurse gerade von Banken überall auf der Welt deutlich gefallen, deutlicher als von Unternehmen aus anderen Branchen. Zu den drei damals sichtbaren Symptomen (sinkende Bankaktienkurse, sinkende Energiewerte, sinkender Ölpreis) passte ein Angst einflößendes „Krankheitsbild“: Haben die Banken etwa (zu) viele Kredite an Ölfirmen vergeben und bekommen sie vielleicht nicht oder nur teilweise zurück?

          Energieunternehmen hatten damals in Amerika sogenannte Hochzinsanleihen im Volumen von wohl rund 30 Milliarden Dollar ausstehend. Daneben haben die Geldhäuser aber auch ganz klassische Bankkredite an die Branche vergeben, auch dafür machten große Milliardenbeträge die Runde. Und schließlich wiesen Fachleute darauf hin, dass die Banken vielleicht sehr stark von den insgesamt gesunkenen Rohstoffpreisen betroffen sind – nicht über Kredite, sondern auch über Rohstoff-Derivate.

          Rohstoff-Firmen, so seine Überlegung, haben sich womöglich gegen zu starke Preiseinbrüche abgesichert und die entsprechenden Versicherer sind eben Banken. Den außerbörslichen Derivate-Bestand in diesem Bereich bezifferte ein Experte gegenüber FAZ.NET auf Grundlage von Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf rund zwei Billionen Dollar.

          WTI Light Sweet Crude Öl

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          „Die gängige 'bärische' Argumentation ist , dass aufgrund des Verfalls des Ölpreises Fracking-Unternehmen insolvent werden und dann in einer Kettenreaktion das amerikanische Bankensystem kollabiert“, sagte Bernhard Langer vom Vermögensverwalter Invesco im Januar in einem Interview mit FAZ.NET. Wenig später rechneten Fachleute der Unternehmensberatung Deloitte vor, dass allein in den Vereinigten Staaten zwischen dem 1. Juli 2014 und dem 31. Dezember des vergangenen Jahres 35 Firmen in der Ölexploration und Ölförderung Insolvenz beantragt („Chapter 11“) haben, mit Milliarden Schulden.

          Viele Ölförderländer wiederum verzeichneten massive Einnahmeeinbrüche durch den niedrigen Ölpreis - Saudi-Arabien und Russland sind die prominentesten Beispiele. Für die Staatshaushalts von Ländern wie Venezuela, Nigeria oder den Irak ist ein Ölpreis von mindestens 50 Dollar essentiell.

          Würden alle damit zusammenhängenden Sorgen nun kleiner, weil sich die Förderländer wirklich darauf geeinigt haben, dass sie die Produktion stabilisieren, erklärt sich schnell die Erleichterung vielerorts. Klar ist aber: Die Skepsis ist groß und viele Beobachter wollen nun erst einmal Details der Einigung sehen. Und die Frage steht im Raum, ob sich auch wichtige Förderländer der Einigung anschließen, die nicht der Opec angehören - vor allem Russland, dessen Vertreter in Algier nicht dabei waren. Das nächste Opec-Treffen ist übrigens am 30. November.

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