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Dezentrale Stromnetze : New York probt die Abschaffung der Energieversorger

Der Gowanus-Kanal im New Yorker Stadtteil Brooklyn Bild: AP

Im New Yorker Stadtteil Gowanus hat im Frühjahr ein Experiment begonnen. Es könnte die Energiewirtschaft revolutionieren. Allerdings gibt es noch viele unbeantwortete Fragen.

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          New-York-Besuchern wird der Stadtteil Gowanus in Brooklyn aus mancherlei Gründen angepriesen. „Coole Kunstgalerien und Musikclubs“ verdrängten den „muffigen Geruch des Kanals“, der dem Viertel seinen unverkennbaren Duft verleihe. Der Mix aus Industriebauten und einfachen Reihenhäusern biete der Kreativszene Platz, die Underground-Szene mache ihrem Namen Ehre.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          An das alles denkt die Energiewirtschaft weniger, wenn sie über das aufstrebenden Viertel Park Slope in Gowanus nachdenkt. Sondern daran, dass dort in diesem Frühjahr ein Experiment begonnen hat, das die Energiewirtschaft revolutionieren könnte. Längs der President Street versorgen Bürger von der einen Seite der angegrauten Reihenhäuser die Bewohner der anderen Seite seit April mit selbsterzeugtem Strom. Der kommt von den Solarpanels auf ihren Dächern. So weit ist das alles nicht revolutionär.

          Bei Stromversorgern klingeln die Alarmglocken

          Neu an dem „Brooklyn Microgrid“ ist, dass sie auch Abrechnung und Bezahlung direkt untereinander abwickeln, ohne einen dazwischen geschalteten Versorger. „Der Mechanismus zeigt, wie die Zukunft eines dezentralen, in Nachbarschaften selbst verwalteten Stromnetzes aussehen könnte“, analysiert die Beratungsgesellschaft PWC. Was die Berater so nüchtern hinschreiben, lässt bei Stromversorgern die Alarmglocken klingen. Denn wer braucht ihre Dienste noch, wenn Verbraucher und Erzeuger im digitalisierten Strommarkt ihre Geschäfte dezentral und allein untereinander abwickeln?

          An dem New Yorker Modell nehmen zwar nur zehn Haushalte teil, doch hat es sich schon weit herumgesprochen. Unlängst ließ sich die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) das Bürgerstromprojekt vor Ort erklären. Und im fernen Deutschland machen sich die Verbraucherzentralen schon Gedanken darüber, wer Gewinner und wer die Verlierer der nächsten Stufe der Digitalisierung sein werden.

          „Das wird den Strukturwandel beschleunigen und neue Akteure auf den Markt rufen“, sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Er fügt hinzu: „Von diesem Wettbewerb können Verbraucher profitieren: die klassischen Kunden im Strom- und Gasmarkt, besonders aber die Prosumer, die sich als Anbieter selbst erzeugten Stroms ein Stück vom Kuchen sichern.“ Für eine Bestandsaufnahme hat PWC für die Verbraucherzentrale das Thema genauer durchleuchtet.

          Kern des New Yorker „Nachbarschaftsnetzes“ ist die digitale Abrechnung. Sie geschieht mittels eines neuartigen Verfahrens namens Blockchain. Dabei werden, vereinfacht gesagt, alle zwischen Anbieter und Kunden ausgetauschten Daten verschlüsselt und gespeichert. Bei neuen Transaktionen werden deren Daten den bestehenden hinzugefügt, die Datenketten verlängern sich. Da diese Daten allein auf beteiligten Rechnern gespeichert werden, sollten sie manipulationssicher sein. Jeder Befugte hat jederzeit Zugriff darauf, niemand kann behaupten, er hätte weniger Strom bezogen oder weniger Geld bekommen als abgemacht.

          „Emanzipation von den Versorgern“

          Die Blockchain-Technologie wurde erstmals im größerem Umfang für die Digitalwährung Bitcoin genutzt. Vor allem in der Finanzindustrie sorgt sie inzwischen für manche Aufregung. Schließlich könnten Banken als Organisatoren des Zahlungsverkehrs glatt überflüssig werden. Viele Banken und Start-ups entwickelten bereits eigene Anwendungen. Auch in der Energiewirtschaft sind die ersten Unternehmen dabei, die Möglichkeiten von Blockchain zu erkunden. Mit dabei sind die Konzerne RWE und Vattenfall. Die direkte und dazu noch automatisierte Abrechnung der mit „smarten“ Zählern ausgestatteten Produzenten und Konsumenten könnte viele heute notwendige Dienstleistungen überflüssig machen: Ablesen, abrechnen, Dokumentation, auch Herkunftsnachweise würden überflüssig.

          Verbraucher könnten je nach Angebot und Kosten den Lieferanten wechseln oder das von ihrer App auf dem Smartphone übernehmen lassen. Das Elektroauto lädt automatisch seine Batterien auf, solange der Wagen geparkt ist, und rechnet die Kosten automatisch per Blockchain ab. Auch die Abrechnung von Heizkosten oder Warmwasser könnte darüber abgewickelt werden – und die Geschäftszweige der darauf spezialisierten Anbieter gleich mit. Die Mieter könnten sich damit „gegen die ihnen auferlegten Gebühren wehren“, schreibt PWC.

          Gowanus, New York: An der Spitze des Fortschritts
          Gowanus, New York: An der Spitze des Fortschritts : Bild: © Bildagentur Huber

          Solche Sätze sind Musik in den Ohren der Verbraucherschützer. Werde die Blockchain im Energiemarkt in letzter Konsequenz umgesetzt, könnte das für die Haushalte enorme Kosteneinsparungen und eine neue Souveränität bedeuten, sagt Sieverding. „Möglich ist eine Emanzipation von den Energieversorgern, deren finanzieller Effekt mit der Einführung des Online-Handels vergleichbar sein dürfte.“

          Allerdings gilt auch hier: Viel Sonne erzeugt viel Schatten. Das Aufbrechen der klassischen Versorgungsstruktur würde ganz neue Finanzierungsmodelle für die Ökostrom-Umlage, Netzentgelte und Stromsteuer notwendig machen. Das bisherige Modell der Finanzierung über die verbrauchte Kilowattstunde funktioniere dann nicht mehr. Auch darüber hinaus bleibt eine lange Reihe unbeantworteter Fragen offen: Allen voran die, ob die Verbraucher es überhaupt gutheißen würden, auf einen zentralen Ansprechpartner bei ihrem Versorger zu verzichten.

          Ist die Technik wirklich manipulationssicher?

          Weiter folgen auf dem Fuße: Ist die Technik wirklich manipulationssicher? Ist die Versorgungssicherheit mit Elektrizität weiterhin garantiert, für die heute der Versorger geradesteht? Was, wenn der Nutzer seine Anmeldedaten vergisst, wenn er einen Fehler macht, der nach dem Prinzip der Datenkette nie mehr korrigiert werden kann? Nicht zuletzt benötige man für den Betrieb der Infrastruktur aus Rechnern, Servern und Datenspeichern sehr viel Energie. Das stellt die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens in Frage und auch den ökologischen Nutzen für die Energiewende.

          „Mit dieser Studie wagen wir bewusst den Blick in die Glaskugel und sehen darin die Blockchain“, sagt Sieverding. „Da klingt vieles noch verrückt, visionär und schwer vorstellbar, gleichwohl stärken technologische Entwicklungen wie diese die Zuversicht, dass bestehende Markt- und Kräfteverhältnisse zugunsten der Verbraucher aufgebrochen werden können.“

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