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Ökostrom : Die Baustelle

  • -Aktualisiert am

Dem Klima hilft es wenig: Trotz der vielen Windräder hat Deutschland sein CO2-Ziel verpasst. Bild: dpa

Wie steht es um das Mammutprojekt Energiewende? Ein Drittel des Stromverbrauchs stammt inzwischen aus regenerativer Erzeugung. Doch der Zuwachs ist teuer erkauft. Eine neue Technik soll alles besser machen.

          6 Min.

          In der Zukunftswerkstatt der Energiewende sieht es aus wie auf einer Baustelle. Ein paar Zangen, ein Ratschenschlüssel lehnen an der grob verputzen Mauer. Von der Decke baumelt ein Spannungsprüfer, Messgeräte auf dem Arbeitstisch. Im Wandregal Kabelrollen, grün, rot, schwarz, grau. Oben Pappkartons, unten Plastikboxen. Nicht zu übersehen ist ein übergroßer Verteilerkasten. Strom- und andere Anschlüsse ragen aus der Blechverkleidung. In einer Halterung klemmt ein iPad. Der Bildschirm leuchtet: LO3 Energy Microgrid.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Vor dem iPad steht Lawrence Oresini und redet. Lawrence ist Chef und Gründer von LO3 Energy. Sein Unternehmen handelt mit Strom. Viele Kunden in Brooklyn hat er noch nicht. Dennoch ist sein Kellerraum im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn weltweit bekannt. Besucher geben sich die Klinke der Stahltür in die Hand. Aus Japan, Taiwan, China, Deutschland. Lawrence lacht. Erst am Vortag waren Deutsche da. Auch das Bundesumweltministerium hat sich schon mal umgesehen. Jetzt löchert ihn eine vom Bundesforschungsministerium organisierte Delegation mit Vertretern aus Industrie, Hochschulen und Medien.

          Bisher muss Windstrom oft „weggeworfen“ werden. Es fehlen Transport- und Speichermöglichkeiten.
          Bisher muss Windstrom oft „weggeworfen“ werden. Es fehlen Transport- und Speichermöglichkeiten. : Bild: dpa

          Strom von den Nachbarn

          Das Interesse kommt nicht von ungefähr. Oresini will in New York eine dezentrale Stromversorgung aufbauen. Er plant ein Netz, in dem Nachbarn Nachbarn mit Strom versorgen. Zum Beispiel mit Sonnenstrom vom Dach. Oder aus einem Gaskraftwerk um die Ecke. Das liefert Wärme und Strom, wenn die Sonne nicht scheint oder die Batterie alle ist. Das kommt den Deutschen irgendwie bekannt vor – ist in New York aber überraschend. Energiewende auf Amerikanisch? Wollte Präsident Donald Trump nicht Kohle bevorzugen und den Klimavertrag kündigen?

          In Brooklyn, wo die Straßenzüge seit Jahren immer schicker werden, hält man nicht viel von Trump. Aber viel von lokalen Produkten. Warum nicht auch Strom? Ein paar Häuser haben sie an das Microgrid angeschlossen. Eines gehört Scott Kessler. Scott ist Managing Director bei LO3 Energy. Er sagt: „Wir wollen viel mehr als nur das Brooklyn-Microgrid.“ Sein Ziel ist ein „transaktives Netz“. Das verbindet Verbraucher und Erzeuger in Echtzeit. Scotts iPad zeigt den aktuellen Strompreis, zu dem sich seine Kunden beliefern lassen können: den ganz billigen aus Atomkraft, günstigen aus Kohle, den teureren aus dem Gaskraftwerk und den ganz teuren aus der Nachbarschaft.

          Auch deutsche Anbieter zeigen Interesse

          Beim „Nachbarschaftsstrom“ sei das Angebot knapp, die Nachfrage aber hoch. Das treibt den Preis, denn in Brooklyn subventioniert kein Erneuerbare-Energien-Gesetz die Ökostromförderung. Ob das Geschäftsmodell fliegt? Da werden Lawrence und Scott, sonst recht redselig, einsilbig. Lieber als über die Zahlen reden sie über Technologie, die Blockchain-Technologie, auf der ihr „transaktives Netz“ basiert. Die Blockchain habe, glauben Fachleute, das Zeug, die Energiewirtschaft von Grund auf zu verändern. Computer speichern dabei rechtssicher jeden Schritt im Verkaufs-, Liefer- und Abrechnungsprozess, Zwischenhändler werden überflüssig. Der deutsche Traum von der dezentralen und transparenten Stromversorgung könnte also in Amerika Wirklichkeit werden. Einen Moment lang sieht es so aus, als drohe der deutschen Energiewende in Brooklyn der Schneid abgekauft zu werden.

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