https://www.faz.net/-gqe-8xjgr

Ökostrom : Die Baustelle

  • -Aktualisiert am

Dem Klima hilft es wenig: Trotz der vielen Windräder hat Deutschland sein CO2-Ziel verpasst. Bild: dpa

Wie steht es um das Mammutprojekt Energiewende? Ein Drittel des Stromverbrauchs stammt inzwischen aus regenerativer Erzeugung. Doch der Zuwachs ist teuer erkauft. Eine neue Technik soll alles besser machen.

          In der Zukunftswerkstatt der Energiewende sieht es aus wie auf einer Baustelle. Ein paar Zangen, ein Ratschenschlüssel lehnen an der grob verputzen Mauer. Von der Decke baumelt ein Spannungsprüfer, Messgeräte auf dem Arbeitstisch. Im Wandregal Kabelrollen, grün, rot, schwarz, grau. Oben Pappkartons, unten Plastikboxen. Nicht zu übersehen ist ein übergroßer Verteilerkasten. Strom- und andere Anschlüsse ragen aus der Blechverkleidung. In einer Halterung klemmt ein iPad. Der Bildschirm leuchtet: LO3 Energy Microgrid.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Vor dem iPad steht Lawrence Oresini und redet. Lawrence ist Chef und Gründer von LO3 Energy. Sein Unternehmen handelt mit Strom. Viele Kunden in Brooklyn hat er noch nicht. Dennoch ist sein Kellerraum im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn weltweit bekannt. Besucher geben sich die Klinke der Stahltür in die Hand. Aus Japan, Taiwan, China, Deutschland. Lawrence lacht. Erst am Vortag waren Deutsche da. Auch das Bundesumweltministerium hat sich schon mal umgesehen. Jetzt löchert ihn eine vom Bundesforschungsministerium organisierte Delegation mit Vertretern aus Industrie, Hochschulen und Medien.

          Bisher muss Windstrom oft „weggeworfen“ werden. Es fehlen Transport- und Speichermöglichkeiten.

          Strom von den Nachbarn

          Das Interesse kommt nicht von ungefähr. Oresini will in New York eine dezentrale Stromversorgung aufbauen. Er plant ein Netz, in dem Nachbarn Nachbarn mit Strom versorgen. Zum Beispiel mit Sonnenstrom vom Dach. Oder aus einem Gaskraftwerk um die Ecke. Das liefert Wärme und Strom, wenn die Sonne nicht scheint oder die Batterie alle ist. Das kommt den Deutschen irgendwie bekannt vor – ist in New York aber überraschend. Energiewende auf Amerikanisch? Wollte Präsident Donald Trump nicht Kohle bevorzugen und den Klimavertrag kündigen?

          In Brooklyn, wo die Straßenzüge seit Jahren immer schicker werden, hält man nicht viel von Trump. Aber viel von lokalen Produkten. Warum nicht auch Strom? Ein paar Häuser haben sie an das Microgrid angeschlossen. Eines gehört Scott Kessler. Scott ist Managing Director bei LO3 Energy. Er sagt: „Wir wollen viel mehr als nur das Brooklyn-Microgrid.“ Sein Ziel ist ein „transaktives Netz“. Das verbindet Verbraucher und Erzeuger in Echtzeit. Scotts iPad zeigt den aktuellen Strompreis, zu dem sich seine Kunden beliefern lassen können: den ganz billigen aus Atomkraft, günstigen aus Kohle, den teureren aus dem Gaskraftwerk und den ganz teuren aus der Nachbarschaft.

          Auch deutsche Anbieter zeigen Interesse

          Beim „Nachbarschaftsstrom“ sei das Angebot knapp, die Nachfrage aber hoch. Das treibt den Preis, denn in Brooklyn subventioniert kein Erneuerbare-Energien-Gesetz die Ökostromförderung. Ob das Geschäftsmodell fliegt? Da werden Lawrence und Scott, sonst recht redselig, einsilbig. Lieber als über die Zahlen reden sie über Technologie, die Blockchain-Technologie, auf der ihr „transaktives Netz“ basiert. Die Blockchain habe, glauben Fachleute, das Zeug, die Energiewirtschaft von Grund auf zu verändern. Computer speichern dabei rechtssicher jeden Schritt im Verkaufs-, Liefer- und Abrechnungsprozess, Zwischenhändler werden überflüssig. Der deutsche Traum von der dezentralen und transparenten Stromversorgung könnte also in Amerika Wirklichkeit werden. Einen Moment lang sieht es so aus, als drohe der deutschen Energiewende in Brooklyn der Schneid abgekauft zu werden.

          Weitere Themen

          Kabinett läutet Soli-Ende ein Video-Seite öffnen

          Nur die Reichen sollen zahlen : Kabinett läutet Soli-Ende ein

          Die Bundesregierung hat die Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags beschlossen. Zukünftig soll der Soli für 90 Prozent der Zahler wegfallen und für weitere 6,5 Prozent zumindest reduziert werden.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.
          Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.