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Kommentar : Die Seewind-Sensation

  • -Aktualisiert am

Windräder auf See rentieren sich besonders. Bild: dpa

Zum ersten Mal verzichtet ein Windenergie-Projekt auf Staatsgeld. Die Zeit der Ökostrom-Förderung geht langsam zu Ende. Doch die Bürger werden noch jahrelang zu viel bezahlen – weil die Politik einen Fehler gemacht hat.

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          Die erste deutsche Ausschreibung für Windstromerzeugung auf See ist mit einem sensationellen Ergebnis zu Ende gegangen. Im Schnitt verlangen die beiden von der Bundesnetzagentur ausgewählten günstigsten Bieter eine Förderung von weniger als einem halben Cent je Kilowattstunde. Der Energiekonzern EnBW verzichtet gar ganz auf eine Förderung und bot für unschlagbare null Cent – ein Weltrekord. Die Karlsruher versprechen damit, Ökostrom ganz ohne Förderung zu erzeugen und zu verkaufen und damit auch noch Geld zu verdienen. Der Traum, den viele grüne energiepolitische Propheten geträumt haben, scheint Wirklichkeit geworden.

          Die ganze Dramatik der Mitteilung vom Gründonnerstag wird erst sichtbar, wenn man diese Preise zur aktuellen Förderhöhe in Bezug setzt. Derzeit bekommen die Betreiber von Meereswindparks an die 19 Cent je Kilowattstunde, an Land gibt es immer noch 20 Jahre lang um die 9 Cent je Kilowattstunde für neue Windkraftanlagen. Und die letzte Ausschreibung für Offshore-Wind bei unseren dänischen Nachbarn hatte unter 5 Cent geendet. Schon das war eine Sensation.

          Umso erklärungsbedürftiger ist das Ergebnis. Es wirft in der Tat mehr Fragen auf, als es Antworten bietet.

          Zunächst einmal ist das Ergebnis positiv für die deutschen Stromkunden. Denn die bezahlen per Umlage die Förderung des Ökostroms über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Gelangt der Ökostrom billiger ins Netz, weil die Erzeuger mit weniger Förderung auskommen, muss der Verbraucher weniger bezahlen. Allerdings wird er auf die Entlastung noch einige Jahre warten müssen. Die jetzt genehmigten Projekte gehen frühestens 2021, tatsächlich wohl erst Mitte des nächsten Jahrzehnts ans Netz. Und auf den Kosten für Leitungsausbau und die Anbindung der Parks an das Stromnetz bleibt er auch sitzen.

          Warum gibt es so große Preisunterschiede?

          Zu fragen ist vor allem, warum die erfolgreichen Bieter so viel günstiger abschneiden konnten als ihre Konkurrenz. Alle Bieter standen zunächst vor demselben Problem. Sie mussten abschätzen, wie sich Kosten und Preise in den kommenden Jahren entwickeln werden, kurz, wie der Strommarkt Mitte des nächsten Jahrzehnts aussieht.

          Dabei sind viele Variable zu beachten: Technischer Fortschritt bei der Herstellung der Windanlagen. Größer Rotoren können mehr Strom erzeugen und weit draußen auf dem Meer stört es auch nicht, wenn die Anlage höher ist als der Kölner Dom. Wenige große statt vieler kleiner Windkraftwerke verringern den Aufwand und die Kosten für Montage und Wartung.

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          Wenn die Flügel sich dann mittels kluger Beschichtung und elektronischer Fernsteuerung noch besser im Wind drehen – umso besser. Denn weit draußen vor der Küste weht der Wind öfter und beständiger als an Land. Meereswindparks kommen in Leistung und Einsatzbereitschaft an Kohlekraftwerke heran – und die sollen ja wegen des Klimaschutzes auf Sicht eh verschwinden.

          Es reiht aber nicht, sich den technischen Fortschritt zu Nutze zu machen. In die Kalkulation muss auch einfließen, welche Preise 2021 oder 2025 an der Strombörse für den Ökostrom aus dem Meer wohl zu erzielen sind. Ganz unabhängig von der Frage, wie der von der Politik alle paar Jahre gerne mal geänderte Rechtsrahmen dann wohl aussieht.

          Vielleicht gehen manche Konzerne ins Risiko

          Eine genaue Preis- und Kostenkalkulation kommt damit gefährlich nahe an einen Blick in die Glaskugel heran. Vermutlich waren manche Bieter auch bereit, einen „strategischen“ Preis zu zahlen und betriebswirtschaftliche Unsicherheiten und Unschärfen zuzulassen. Denn für die 1500 Megawatt gab es viele Bewerber. Inzwischen wollen alle großen Energiekonzerne große Offshore-Windparks betreiben, mehr noch: Es ist ein Kern ihres Geschäftsmodells. Große Meereswindparks zu bauen und zu betreiben fällt ihnen erheblich leichter, als an Land mühsam einzelne Windanlagen zusammenzukaufen.

          Insofern ist das Ergebnis der Ausschreibung ein herber Rückschlag für Eon, die RWE-Ausgründung Innogy oder den schwedischen Vattenfall-Konzern. Sie waren offenbar nicht bereit oder in der Lage, dieser Konkurrenz stand zu halten und die notwendige Rendite zu erzielen. Aber wenn nicht hier, dann wo? Der technische Fortschritt bei Bau und Montag der Riesenflügler kommt schließlich auch ihnen zugute.

          Ungeachtet dieser Fragen – die eine simple Wiederholung bei der nächsten Ausschreibung im kommenden Jahr unwägbar erscheinen lassen – ist das Ergebnis ein Beleg für die Überlegenheit der Ausschreibung als wettbewerbliches Modell der Preisfindung. Viel zu spät hat die Politik das erkannt und danach gehandelt. Die Stromkunden zahlen deshalb heute und noch viele Jahre überzogene Umlagen für den Aufbau der neuen dezentralen Kraftwerksstruktur aus Windanlagen und Photovoltaikpaneelen. Erst der Wettbewerb hat belegt, dass es auch mit niedrigeren Zuschüssen geht.

          Das Resultat der Ausschreibung zeigt, dass die  Ökostromförderung 20 Jahre nach dem Start des EEG langsam zu Ende geht. Und noch eine Frage hat sie beiläufig im Gepäck, die jetzt breit diskutiert werden muss: Warum leisten wir uns einen so teuren Ausbau der Windkraft an Land, wenn es auf See (fast) kostenlos geht?  

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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