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Ausstieg aus der Kernkraft : Wer bringt den Atommüll weg?

  • -Aktualisiert am

Erst einmal ist der Atomausstieg außerordentlich teuer. Je nach Schätzung kosten der Rückbau von Kraftwerken und die Lagerung des Atommülls in den kommenden Jahrzehnten zwischen 30 und 70 Milliarden Euro. Falls die Suche nach einem Endlager für den Atommüll noch einmal neu aufgerollt wird, was sehr wahrscheinlich ist, könnten es sogar dreistellige Milliardenbeträge werden. Welche Kosten genau auf Staat und Atomkonzerne zukommen, lässt sich also kaum kalkulieren.

Drei Viertel des Börsenwerts verloren

Das wäre nicht annähernd so dramatisch, wenn sich die Atomkonzerne in guter Verfassung befänden. Dann könnten sie unerwartete Zusatzkosten zumindest eine Zeitlang wegstecken, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Doch mittlerweile geht es den Unternehmen derartig schlecht, dass fraglich ist, ob es sie überhaupt noch geben wird, wenn die Kosten für den Rückbau anfallen.

Am deutlichsten sieht man das an den beiden Dax-Konzernen Eon und RWE. Das Kerngeschäft der beiden Unternehmen, die konventionelle Stromerzeugung, lohnt sich kaum noch, seit wegen der Energiewende massenweise subventionierter Ökostrom in die Netze eingespeist wird, der den Strompreis nach unten treibt. RWE hat in den vergangenen viereinhalb Jahren drei Viertel des Börsenwerts verloren. Eon verlor mehr als 60 Prozent und machte vergangenes Jahr mit drei Milliarden Euro den größten Verlust der Firmengeschichte. Beide Konzerne haben jeweils rund 30 Milliarden Euro Schulden.

Seit Jahren kämpfen die Unternehmen daher an allen Fronten, um irgendwie heil aus der Sache herauszukommen. Sie verklagten den Staat auf Schadenersatz wegen der frühzeitigen Abschaltung der Atomkraftwerke nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima und einer Zusatzsteuer auf Brennelemente - nur um vergangenes Jahr anzubieten, die Klagen fallen zu lassen, falls die Regierung sich bereit erklären sollte, das angesparte Geld für den Atomausstieg in eine staatliche Stiftung einzubringen und die verbleibende Haftung selbst zu übernehmen.

Kein Entgegenkommen der Regierung

Allerdings blieb das Entgegenkommen der Regierung bisher aus. Also versuchten die Konzerne, sich das Problem intern vom Hals zu schaffen. Vattenfall spaltete sein Atomgeschäft schon vor drei Jahren ab. Auch Eon kündigte im vergangenen Winter an, seine Atomkraftwerke gemeinsam mit dem sonstigen konventionellen Energiegeschäft in eine neue Gesellschaft namens Uniper auslagern zu wollen. Denn bisher sieht die deutsche Rechtslage vor, dass die Unternehmen für ausgelagerte Geschäfte nur fünf Jahre lang haften müssen. Ginge zum Beispiel Uniper nach Ablauf dieser Frist pleite, müsste sich der Staat um die Konkursmasse aus ausgemusterten Atomkraftwerken und Giftmüll kümmern.

Dieser Plan geht nun nicht mehr auf. Gabriels Gesetzesentwurf ist ein klares Signal an die Konzerne, dass die Regierung sie nicht aus der Verantwortung für den Atomausstieg entlassen wird, und Eon-Chef Johannes Teyssen hat die Botschaft verstanden. Vergangene Woche gab er bekannt, dass der Konzern seine Atomkraftwerke nicht wie geplant auslagern, sondern behalten wird. Die Kontrolle über ein Geschäftsfeld abzugeben und gleichzeitig weiter unbegrenzt für dessen Risiken zu haften - dazu ist Eon nicht bereit. Das bedeutet, dass die „neue“ Eon, die sich eigentlich, befreit von Atom- und sonstigen Altlasten, auf Zukunftsmärkte in den erneuerbaren Energien konzentrieren sollte, die alten Meiler weiterhin mit sich herumschleppen wird. Teyssens Reformstrategie ist futsch, ob Eon sich unter diesen Bedingungen erholen kann, steht in den Sternen.

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