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Nachhaltige Zukunft : Ein Leben ohne Kohle

  • -Aktualisiert am

Mit Braunkohlekraftwerken, wie hier in Niederaussem, soll nach dem Wunsch der G-7-Staaten in diesem Jahrhundert Schluss sein. Bild: dpa

Das Jahr 2100 ist noch fern. Bis dahin wollen die G-7-Staaten komplett auf fossile Energien verzichten. Was aber bedeutet das für den Alltag der Menschen?

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          Die Wirtschaftsgeschichte der Energienutzung geht, kurz gefasst, so: Über mehr als 4 Milliarden Jahre speist die Sonnenenergie das Leben auf der Erde. Was stirbt, bleibt auf dem Boden liegen und wird über die Zeit zu Kohle, Öl oder Gas. In etwa 200 Jahren verbrennen die Menschen diese Stoffe in einem solchen Maß, dass es möglich wird, dass statt 1 Milliarde etwa 7 Milliarden Menschen genügend zu essen haben, um zu überleben, dass sie Weltreisen machen und ein Auslandsstudium, global handeln, zum Mond fliegen und so weiter. Es ist politisch nicht populär, solche nachdenklichen Sätze zu sagen - aber es kann gut sein, dass ein vollständiger Verzicht darauf, künftig fossile Energieträger zu verbrennen, mit erheblichen Einschränkungen dieser Freuden für die Bürger verbunden sein wird.

          Die Staatschefs der G7 wünschen sich ein Klimaabkommen mit Treibhausgas-Reduktion um 40 bis 70 Prozent von 2010 bis 2050 - und einigten sich auf unverbindlicher Basis, bis 2100 auf Öl, Gas und Kohle im Strom-, im Wärme- und Verkehrssektor zu verzichten. In der Vergangenheit gelang es in Deutschland immerhin schon, nach zuvor steilem Anstieg den Primärenergieverbrauch je Kopf zu senken, sagen Zahlen der Weltbank.

          Und wie heizen wir künftig, wenn Öl und Gas verboten sind? Derzeit befeuern die meisten Haushalte - ungefähr die Hälfte - ihre Heizungen mit Gas, ein Drittel mit Öl. Die Antwort darauf, wie diese ersetzt werden können, lautet: mit Wollpullovern und Passivhäusern. „Es geht in erster Linie darum, den Heizwärmebedarf vollständig zu reduzieren“, sagt der Energieexperte Jochen Diekmann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

          Technik muss effizienter werden

          Den Energiebedarf für eine solche energetische Sanierung des alten Gebäudebestandes - von den Styroporplatten, die letztlich selbst aus Erdöl gemacht werden, bis hin zu den nötigen Baumaschinen und dem Materialtransport - hat noch niemand umfänglich berechnet. Auch Stromheizungen und mit Strom betriebene Wärmepumpen sollen eine größere Rolle spielen. Der verfügbare Strom aber, der bis 2100 aus ausschließlich erneuerbaren Energien bestehen soll, müsste mehr werden - wobei mehr als 70 Prozent der derzeitigen Energieträger für dessen Gewinnung wegfielen. Der Strom muss dann nicht nur Wärme für Wohnungen liefern, sondern auch für die Industrie und den Verkehr.

          Im DIW ist die Rede von einem wesentlich größeren Anteil des öffentlichen Nahverkehrs, viel leichteren Autos und eingeschränktem Individualverkehr. „Es gibt trotzdem keinen generellen Grund, dass man sagt, das wäre alles nicht möglich“, meint der Energieexperte Diekmann. Laut dem neuesten Bericht des Instituts für 2013 trugen die erneuerbaren Energien erst 11,1 Prozent zum Primärenergieverbrauch Deutschlands bei - Mineralöl, Erdgas und Kohle zusammen aber fast 85 Prozent. Vom kleinen Beitrag der Erneuerbaren trug die Hälfte die Biomasse bei, die großteils von ökologisch unerwünschtem Mais gespeist wird. Wind- und Solarenergie spielen trotz massiven Ausbaus eine Statistenrolle. „Die Potentiale in Deutschland sind aber längst noch nicht ausgereizt“, meint Diekmann.

          Ohne Sparen geht es nicht. Industrie, Verkehr und Haushalte, je mit rund einem Fünftel des Primärenergieverbrauchs ähnlich große Verbraucher, müssen effizienter werden. Wie das gelingen soll, ist nur in Schlagworten fassbar: Abwärmenutzung, Wärmeschutz, architektonische Optimierung, thermische Solarkollektoren, und so weiter. Das Wort vom Verzicht mag niemand in den Mund nehmen. Doch wie funktioniert der Welthandel ohne fossile Brennstoffe? Containerschiffe für Beluga oder Maersk sind schon heute testweise mit Windsegeln nach China unterwegs - allerdings nur zur Unterstützung der Dieselmotoren. Ingenieure präsentierten am Jahresbeginn ein windgetriebenes Schiff, aber wird es annähernd so viele Container fassen wie ein dieselgetriebenes?

          Ohne Brennstoffe geht es wohl nicht. Flugzeuge können mit Biosprit oder vielleicht künftig mit Wasserstoff betrieben werden. Boeing hat die ersten Patente angemeldet. In Amerika ist seit vergangenem Jahr ein postfossiles Kerosin zugelassen, das aus zuckerfressenden Mikroorganismen gemacht wird. Um das Ziel der G 7 zu erreichen, müssten Sonnen- und Windkraft aber wohl so ausgebaut werden, dass mit dieser Energie auch eine Menge an Methan („Power to Gas“) oder Wasserstoff erzeugt werden kann. Ersteres praktizieren schon Vattenfall oder RWE. Experten meinen, dass es großen Importbedarf an solchen Energieträgern geben wird, etwa aus sonnigen Ländern wie Marokko oder Saudi-Arabien.

          Gipfeltreffen : G-7-Spitzen wollen Ausstieg aus der Kohle

          Und wie reisen unsere Enkel? Womöglich selten. „Man muss fragen: Wie viel Flugverkehr will man haben, muss man haben?“, meint Diekmann. Dann gäbe es eventuell weniger Früchte, die in reifem Zustand um die Welt geflogen werden. Und der Fleischkonsum würde klimaschutzinduziert sinken, da das Tierfuttersoja weit transportiert wird und Waldflächen verdrängt. Und was ist mit den Erdölderivaten, die auf Mülldeponien verbrannt werden - Plastiktüten, Polyesterpullover, Styroporplatten? Im Beschluss der G 7 stehen keine Antworten. Kanadische Regierungsbeamte relativierten am Tag nach dem Beschluss, es handle sich ja nur um eine Absichtserklärung. Sie sei nur durch technischen Fortschritt erreichbar, den heute noch niemand kenne.

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