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Rohstoff-Förderung : Frisches Öl aus deutschen Landen

  • -Aktualisiert am

Fast malerisch: eine Pferdekopfkumpe von Wintershall in Landau Bild: dpa

Die Pfalz ist zwar nicht Texas – doch fast drei Prozent des deutschen Jahresbedarfs an Öl stammen aus deutschen Quellen. Und der Branchenführer investiert trotz schwieriger Rahmenbedingungen weiter.

          Sie nicken und nicken und nicken. Seit Jahrzehnten geht das schon so. Bis zu 5000 Mal am Tag, ohne zu klagen. Die archaisch anmutenden Maschinen erinnern ein bisschen an Texas und Western und die Anfänge der Ölindustrie, und doch fallen sie selbst inmitten der Pfälzer Weinberge kaum auf. Dutzende von ihnen verrichten in der malerischen Gegend um die kleine Weinbaumetropole Landau ihr Tagwerk, ohne dass die Menschen groß von ihnen Notiz nehmen. Es ist, als wären sie schon immer da gewesen, die Pferdekopfpumpen.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Seit 60 Jahren fördert die BASF-Tochtergesellschaft Wintershall Öl in der Pfalz. Wintershall ist ein internationaler Spieler, ein Konzern, der weltweit nach Öl und Gas sucht, in Sibirien, in Libyen, auf See und an Land. Der Pipelines durch die Nordsee bauen lässt, einer der wichtigsten europäischen Kooperationspartner des russischen Energieriesen Gasprom. Und doch will der Konzern das kleine heimische Geschäft nicht aufgeben, im Gegenteil: „Wir werden die Förderung in Landau ausbauen“, sagt Unternehmenssprecher Mark Krümpel.

          Förderung läuft nahezu geräuschlos

          Während um das Fracking heftige Debatten geführt werden, läuft die Erdölförderung in Deutschland nahezu geräuschlos. Die Menschen haben sich lange damit arrangiert. Die Pfalz mag nicht Texas sein, aber auch hier an der französischen Grenze gab es schon früh Hinweise auf Öl. Ölfunde im elsässischen Pechelbronn hatten schon lange vor dem Landauer Förderstart darauf hingedeutet, dass es im Oberrheingebiet größere Vorkommen gibt. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurde in Pechelbronn Öl gefördert: Wohl eine der ersten Bohrungen in der Welt.

          In der Südpfalz wurde das Öl dann Ende des neunzehnten Jahrhunderts zum Thema, als Hausbesitzer in Frankweiler bei Landau entdeckten, dass ihre Kellerböden schwarz schimmerten. 50 Tonnen Öl fördern die Pumpen zwischen den Weinbergen heute Tag für Tag. Seit dem Start kamen 4,5 Millionen Tonnen zusammen – so viel, wie die ganze Welt in acht Stunden verbrauche, wie der Konzern im vergangen Winter zur Sechzigjahrfeier errechnete.

          Größtes Ölförderfeld in der Nordsee

          Rheinland-Pfalz ist ein kleines Erdölförderbundesland. Das Gros des deutschen Öls kommt aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Gut ein Drittel der vergangenes Jahr geförderten 2,4 Millionen Tonnen stammt jedoch aus der Nordsee: Das Gebiet vor der Dithmarscher Küste gilt als größtes deutsches Ölfeld.

          Die Mengen seien insgesamt gering, aber doch bedeutender, als man annehme, sagt Krümpel. Sie deckten immerhin fast drei Prozent des Jahresbedarfs und etwa so viel, wie Deutschland aus Saudi-Arabien importiere. Die Einfuhren aus den Opec-Staaten machen freilich ohnehin nur einen geringen Teil der Importe aus. Von den 2015 eingeführten 91 Millionen Tonnen stammt ein gutes Drittel aus Russland. Ein weiteres gutes Viertel bekommt Deutschland aus Norwegen und der Europäischen Union. Auch die eigenen Erdölreserven sind im internationalen Vergleich unbedeutend; sie werden auf 32,5 Millionen Tonnen geschätzt. Saudi-Arabien kommt auf 33 - allerdings Milliarden Tonnen.

          Komplexe geologische Strukturen erschweren Förderung

          In Deutschland wird weiter in die Ölförderung investiert, trotz niedriger Ölpreise und aufkommender Elektromobilität. Das aktuelle Preisniveau spiele bei Investitionsplänen eine Rolle, viel wichtiger sei jedoch, welche langfristigen Erwartungen die Unternehmen hätten, sagt Miriam Ahrens vom Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie, dem Interessenverbund der öl- und gasfördernden Unternehmen. Die Branche denke langfristig, und schließlich verdiene man mit der Förderung auch Geld, sagt Manager Krümpel. Wintershall profitiert nach seinen Worten von der langen Historie, den bestehenden Infrastrukturen und der hohen Qualität des Öls, auch das spiele eine wichtige Rolle.

          Die Ölförderer argumentieren mit der Versorgungssicherheit, aber das allein ist es nicht. Weil auch international die Zeiten des „Easy Oil“ vorbei seien, könne man mit der in Deutschland gewonnenen Expertise weltweit punkten, zitiert Wintershall den Deutschland-Chef Andreas Scheck in einem aktuellen Positionspapier. In der Tat gilt die Förderung in Deutschland als schwierig, die Erschließung neuer Ressourcen in Niedersachsen beschreibt der Branchenverband mit dem Verweis auf komplexe geologische Strukturen sogar als hochriskant.

          Fast 10.000 Jobs

          Ein willkommener Nebeneffekt der Förderung in Deutschland ist fraglos der implizite Hinweis auf die wirtschaftliche Bedeutung. Immerhin fast 10.000 Mitarbeiter beschäftigen die Öl- und Gasbohrer in Deutschland. Und in den vergangenen drei Jahren flossen aus ihrer Schatulle zudem fast 1,8 Milliarden Euro Förderabgaben in die Landeshaushalte.

          Ein Ausbaustopp ist jedenfalls trotz der schwierigen Rahmenbedingungen nicht in Sicht. Wintershall hat gerade 30 Millionen Euro für weitere Bohrlöcher in Emlichheim an der deutsch-niederländischen Grenze bewilligt. Dass dort das Förderniveau auf hohem Niveau bleibe, sei der regelmäßig weiterentwickelten und auch im globalen Maßstab einzigartigen Dampfflut-Technik zu verdanken. 300 Grad heißer Wasserdampf mache das Erdöl in der Lagerstätte dünnflüssiger und leichter förderbar, so dass eines der ältesten deutschen Erdölfelder auch künftig Maßstäbe setzen werde. Wintershall könne dort noch die nächsten 25 Jahre fördern.

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