https://www.faz.net/-gqe-90r7c

AKW-Restlaufzeiten noch offen : Schweizer nehmen sich Zeit für ihre Energiewende

  • Aktualisiert am

Atomkraftwerk und Kirchturm in Leibstadt, unweit der deutschen Grenze. Bild: Reuters

Per Volksentscheid, mit Kompromissen und gemächlich: So geht Atomausstieg auf Schweizerisch. Reich gesegnet mit erneuerbaren Energien ist das Land auch – doch ausgerechnet hier macht der Klimawandel Probleme.

          Auch die Schweiz bekommt nun ihre Energiewende. Im Frühjahr besiegelten die Eidgenossen bei einer Volksabstimmung mit fast 60 Prozent Zustimmung den Atomausstieg. Künftig sollen – ähnlich wie beim großen Nachbarn Deutschland – vor allem erneuerbare Stromquellen Haushalte und Industrie versorgen. Allerdings ist noch offen, wann genau die fünf Nuklearmeiler vom Netz gehen.

          Während in Deutschland die letzten Atomkraftwerke 2022 abgeschaltet werden sollen, beschloss die Schweiz nur, dass ab 2018 keine weiteren gebaut werden dürfen. „Die Atomkraft ist ein Auslaufmodell“, betonte Bundespräsidentin Doris Leuthard in einem TV-Interview. „Aber wir brauchen Zeit, um sie mit heimischer, sauberer Energie zu ersetzen.“

          Der Atomkritiker Rudolf Rechsteiner, Ökonom und Dozent für erneuerbare Energien an der ETH Zürich, hätte den Komplettausstieg gern so früh wie möglich. „Die Schweiz kann alle Atomkraftwerke jederzeit abstellen, ohne dass die Versorgungssicherheit gefährdet ist“, schrieb er in einer Studie. Es sei über eine Dauer von 15 Jahren fast 10 Milliarden Euro teurer, die alten Anlagen weiterlaufen zu lassen, als die ausfallende Menge Strom am Markt zuzukaufen.

          60 Prozent aus Wasserkraft

          Doch so funktioniere das in der Schweiz nicht, sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für das Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. „Hier wurde immer wieder abgestimmt, um sich langsam auf einen Kompromiss zu einigen, den alle langfristig akzeptieren und mit dem man arbeiten kann.“ Anders als etwa Deutschland oder Spanien vor ihren jeweiligen Atomausstiegen ist die Schweiz in einer komfortablen Situation. Sie deckt schon knapp 60 Prozent ihres Strombedarfs aus Wasserkraft. Rund ein Drittel kommt nach Angaben des Bundesamtes für Energie aus der Atomkraft. Dafür sind jetzt Alternativen nötig.

          Umgerechnet 422 Millionen Euro an Fördermitteln gibt es für den Ausbau der Erneuerbaren, ein Drittel davon geht in die Wasserkraft. Für diese Energiequelle hat die Schweiz ideale Voraussetzungen. In den Alpen gibt es häufige Niederschläge, Schmelzwasser aus Gletschern und starke Gefälle. Hier entspringen einige der längsten Flüsse Europas wie Rhein und Rhône. Es sind bereits 643 Wasserkraftwerke mit einer Leistung von jeweils mehr als 300 Kilowatt in Betrieb.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Das Potenzial der Wasserkraft sei allerdings in höher gelegenen Alpenregionen durch das langfristige Schmelzen der Gletscher gefährdet, warnen Forscher der Universität Bern. Denn auf lange Sicht könnte dort weniger Schnee und Eis liegen – und damit auch weniger Schmelzwasser für die Kraftwerke vorhanden sein. Laut der Universität sollen bis 2100 viele Gletscher weitgehend verschwunden sein.

          Klimawandel bringt Probleme

          Dann sollen nach ihrer Prognose nur rund 25 Prozent der heutigen Fläche und des heutigen Volumens der Schweizer Gletscher noch vorhanden sein. Am Kraftwerk des Stausees Mattmark im Kanton Wallis, dessen Staumauer der größten Erddamm Europas ist, rechnen Forscher aufgrund des Klimawandels mit einem Rückgang der Stromproduktion um 30 Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts. Das Kraftwerk liegt auf 2200 Höhe Metern und bezieht Wasser aus sieben Gletschern. Es produziert im Jahr 607,5 Millionen Kilowattstunden.

          Auch die Solarenergie soll gefördert werden. Hier hat die Schweiz noch Ausbaupotenzial. Deutschland ist beispielsweise fast neun Mal so groß wie die Schweiz, hatte 2014 aber 41 275 Megawatt 25 Mal so viel installierte Solarleistung. Finanziert wird der Großteil der neuen Energiestrategie durch die Steuerzahler. Pro Kilowattstunde steigt der entsprechende Netzzuschlag ab 2018 auf zwei Cent.

          Atomstrom ist zu teuer

          Verlierer der Abstimmung sind die Betreiber der Atomkraftwerke. Aber wirtschaftliche Faktoren hätten sie ohnehin früher oder später in die Knie gezwungen, meint Wüstenhagen. Im Kraftwerk Leibstadt nahe der deutschen Grenze bei Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg) etwa lagen die Kosten pro Kilowattstunde Strom in den vergangenen zehn Jahren bei durchschnittlich fünf Cent, während der Strom im Großhandel nur knapp vier Cent oder weniger kostete. Auch Gösgen – das zweitgrößte und modernste Atomkraftwerk der Schweiz – gilt als nicht mehr rentabel.

          Leibstadt sowie die Kraftwerke Beznau I und II stehen schon jetzt aufgrund von Sicherheitsbedenken immer wieder still. Zusammen erzeugen diese drei Anlagen mehr als die Hälfte des Atomstroms. Beznau I ist das älteste Atomkraftwerk der Welt. Auch Mühleberg bei Bern gehört zu den alten Modellen und soll 2019 stillgelegt werden. „Ich rechne mit einer Stilllegung des letzten Atomkraftwerks in 10 bis 15 Jahren“, sagt Wüstenhagen.

          Restlaufzeiten unklar

          Das sehen die Betreiber anders. Antonio Sommavilla – Sprecher von Axpo, dem größten Atomkraftwerk-Betreiber in der Schweiz – glaubt, dass es mit der Stilllegung bis spätestens 2045 dauert. Das jüngste der Kraftwerke, Leibstadt, wurde 1984 gebaut und soll auch das letzte sein, welches abgestellt wird. „Unser Ziel ist es, die Anlage bis mindestens ins Jahr 2045 zu betreiben“, sagt er.

          Die Rahmenbedingungen des Energiegesetzes reichen Sommavilla zufolge für eine konkrete Umsetzung der Ziele der Regierung in Bern noch nicht aus. Die Auswirkungen der vorhandenen Marktverzerrungen auf die längerfristige Versorgungssicherheit der Schweiz würden darin nicht berücksichtigt. Für ihn ist klar: „Der Weiterbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke ist von größter Bedeutung für die Aufrechterhaltung von Versorgungssicherheit und Netzstabilität.“

          Weitere Themen

          Die Gamescom-Highlights im Überblick Video-Seite öffnen

          Videorundgang : Die Gamescom-Highlights im Überblick

          Ab heute können alle auf die Gamescom. Doch welche Hallen und Stände lohnen einen Besuch? F.A.Z.-Redakteur Bastian Benrath verrät es auf einem Videorundgang.

          Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.

          Topmeldungen

          Venedig will mit einer Gebühr gegen den Gästeansturm ankommen.

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.
          Klara Geywitz will nicht die zweite Geige neben Olaf Scholz spielen.

          Neues SPD-Duo stellt sich vor : Mehr als ein dekoratives Salatblatt

          Die brandenburgische Landtagsabgeordnete Klara Geywitz ist nicht gerade bekannt, will aber im Team mit Olaf Scholz SPD-Vorsitzende werden. Bei einer Pressekonferenz stellte Geywitz klar, dass sie nicht bloß Dekoration ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.