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Energiehunger und Klimawandel : Wiese ohne Blume, Weide ohne Kuh

  • Aktualisiert am

Weithin sichtbar: Windräder in der Eiffel. Bild: dpa

Windräder statt Weizen, Solar statt Salat. Hunger nach Energie. Das verändert die Landschaft. Aber auch der internationale Wettbewerb, gestiegene Konsumbedürfnisse, Klimaerwärmung und neue technische Möglichkeiten wandeln das Bild.

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          Wenigstens das Plastik ist weg: Der Spargel braucht jetzt keinen Kälteschutz mehr. Immer früher im Jahr, wenn es noch kalt ist, lechzen die Deutschen nach Spargel. Die Bauern versuchen mit wärmenden Folien und beheizten Beeten, den Appetit zu befriedigen. Umweltschützer sehen das gar nicht gern. „Man soll das Gemüse essen, wenn es auf den Feldern wächst“, mahnt Herbert Bartel, Klimaschutzreferent des Bundes Naturschutz in Bayern.

          Bundesumweltministerin Barbara Hendricks führt auch das Ausmaß der jüngsten Unwetter in Deutschland zumindest teilweise auf den Wandel in der Landwirtschaft zurück. Man dürfe zwar nicht jeden Starkregen unmittelbar auf den Klimawandel zurückführen. „Aber klar ist: Die Anzahl und die Intensität extremer Wetterlagen in Mitteleuropa nehmen zu, das sind Zeichen für einen Klimawandel“, so Hendricks.

          Umweltschützer kritisieren den Anbau von Spargel unter Plastikplanen. Stattdessen solle man das Gemüse essen, das eben auf den deutschen Feldern wächst.

          Bedürfnisse und Konsumgewohnheiten wandeln sich - und damit die Landschaft. Preisdruck, Klimawandel und Energiewende wirken sich aus. „Wir erleben eine massive Veränderung unserer Kulturlandschaft“, sagt der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Hubert Weiger. „Die große Herausforderung: Wie kann dieser Wandel so gestaltet werden, dass er naturverträglich ist?“

          Flächenfraß

          Durch die Ausbreitung von Siedlungs- und Industriegebieten werden immer mehr natürliche Flächen mit Beton versiegelt.

          Naturflächen schwinden - täglich. Gewerbe- und Wohngebiete wachsen an Ortsrändern. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2014 in Deutschland 13,6 Prozent der Fläche bebaut, 73 Hektar werden jeden Tag zugepflastert - 104 Fußballfelder. Bis 2020 sollen es 30 Hektar sein.

          Mais

          Maisernte: Auf deutschen Feldern wird immer mehr für Kraftstoffe angebaut.

          Auf den Äckern spielt nicht mehr nur eine Rolle, was den Magen füllt, sondern auch den Tank. Wo früher Wiesen und Weiden waren, steht oft Mais: Futter für das Vieh, aber auch Energiepflanze. Umweltschützer warnen nicht zuletzt vor Bodenverdichtung und steigender Gefahr bei Regen. Mais stehe oft auf den Rückhalteflächen, sagt Weiger. „Der Boden wird abgeschwemmt. Das sind die braun-gelben Fluten, die man dann in den Bächen und Flüssen sieht. Das ist nichts anderes als abgetragene fruchtbare Bodenkrume.“

          Raps

          Der gelbe Raps bestimmt vielerorts - so wie hier in der Wetterau - das Landschaftsbild.

          Gelbe Rapsfelder bestimmen mehr als früher die Landschaft. Neue Kulturen haben die Qualität des Öls verbessert. „Das sind jetzt richtig gefragte Öle, fast wie Olivenöle. Sie haben hervorragende ernährungsphysiologische Werte“, sagt Anni Neu vom Deutschen Bauernverband. Das Öl dient auch als Beimischung für Biotreibstoff. Der Rest ist Futter, Rapsblüten bieten Bienen Nektar und Pollen.

          Kuh

          Die wenigsten Kühe kommen noch auf die Weide. Die meisten bleiben auch den ganzen Sommer über in ihrem Laufstall.

          Auf den Wiesen blüht inzwischen weniger. Der Trend: Die Kuh bleibt im Sommer in ihrem - immerhin komfortablen - Laufstall. „Heute ist die Weide eher Grünland, die Kuh wartet im Stall auf ihr Futter“, sagt Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Betreuten früher fünf Helfer 30 Kühe, so sind es nun zwei für 60 Kühe. Wenig Kapazität, die Tiere auf die Weide zu treiben. Dafür rollen Mähmaschinen. Grasballen in weißem, grünem oder sogar rosa Plastik liegen verschweißt auf Wiesen. Das Gras muss nicht trocknen, die Wiese kann früher gemäht werden - Blumen kommen nicht zum Blühen.

          Bauer

          Aufgrund der intensiven Felderwirtschaft ist immer weniger Platz für wilde Pflanzen und Natur.

          Brachflächen - Lebensraum für Rebhühner und Feldlerchen - werden nicht mehr bezuschusst. Verwilderte Gräben oder Zäune, an denen Schlüsselblume, Bachnelkenwurz oder Wiesenknopf wuchsen, schwinden. Bewirtschaftete Felder dagegen werden größer, und wo kein Vieh weidet, sind Zäune unnötig.

          „Das sind Veränderungen, die sich schleichend einstellen mit der Veränderung der Arbeit der Bauern - und die einem nur auffallen, wenn man genau hinschaut“, sagt Foldenauer. Ohne grasende Kuh wandelt sich die Landschaft. Im Schwarzwald zeigten Bilder aus den 1940er Jahren: „Es gibt eine Zunahme des Waldbewuchses.“ 1,5 bis 2 Prozent der Bauern geben jährlich auf, bei den Milchbauern wegen niedriger Preise sogar fünf Prozent. Große Höfe und Ställe sind auch Antworten auf den wirtschaftlichen Druck.

          Sonne

          Solarenergie wird nicht nur vereinzelt auf Dächern produziert, sondern auch immer häufiger in riesigen Solarparks mitten in der Landschaft.

          Auf Dächern und entlang Gleisen oder Autobahnen spiegeln blauschwarz Solarpanele. Damit nicht ganze Felder zugebaut werden, gibt es Förderungen nur bis mit einem Abstand von bis zu 150 Metern von Verkehrswegen.

          Wind

          „Verschandelung der Landschaft“: Einige Gemeinden wehren sich vehement gegen den Bau von Windrädern in ihrer Nähe. Das drängt diese weiter hinaus in die Natur.

          Über grünen Wiesen drehen Windräder. Saubere Energie. Doch die Rotorblätter stören mit Wummergeräuschen und wechselnden Schatten Anwohner. Der Bayerische Verfassungsgerichtshof erklärte im Mai den von der CSU durchgesetzten Mindestabstand zu Siedlungen für zulässig: Er muss das Zehnfache (10H) der Bauhöhe betragen. Bei 200 Meter hohen Anlagen sind das also zwei Kilometer. „Die 10H-Regelung verdrängt die Windräder hinaus in die Natur. Für den Landschafts- und Naturschutz ist sie eine Katastrophe“, kritisiert BN-Klimaschutzreferent Bartel.

          Berge

          Auch in den Bergen gibt es kaum noch Natur: Wo im Sommer Wanderer ihren Müll hinterlassen, pulvern Schneekanonen im Winter Kunstschnee auf abgenutzte Hänge.

          Selbst in den Bergen wird unberührte Natur seltener. Wanderer laufen unter Liftstützen und an teils betonierten Teichen vorbei. Zum Baden taugen sie nicht. Ihr Wasser dient nur den Schneekanonen, die im Sommer auf den Almwiesen zwischen käuenden Kühen ein befremdliches Bild abgeben. Gegner kämpften etwa bei Bayrischzell vergeblich gegen den Bau. Der Deutsche Alpenverein (DAV) fordert seit langem: „Keine Steuergelder für Schneekanonen“. Nach einer DAV-Studie sind selbst bei einem weiteren Ausbau der Beschneiung in rund 20 Jahren nur noch 50 bis 70 Prozent der bayerischen Skigebiete schneesicher.

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