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Grenzwerte : Kohlemeiler pusten tonnenweise Quecksilber in die Luft

  • -Aktualisiert am

Braunkohlekraftwerk von Vattenfall Bild: dpa

Kohlemeiler sind nicht nur schlecht für das Klima, sie stoßen auch rund sieben Tonnen gesundheitsschädliches Quecksilber pro Jahr aus. Ein „Armutszeugnis für die Bundesregierung“ findet die Opposition.

          2 Min.

          Die Kohle ist Verruf gekommen. Denn sie emittiert bei der Verbrennung Kohlendioxid, das die Erdatmosphäre aufheizt. Doch Umweltschützer haben weitere Einwände gegen die Kohleverbrennung. Denn dabei wird für Mensch und Natur schädliches Quecksilber freigesetzt. Das könne zu Hirn- und Nervenschäden führen, nicht zuletzt wenn Fische mit erhöhter Quecksilberkonzentration verzehrt werden. Technisch wäre eine bedeutende Reduzierung des Quecksilberausstoßes der Kraftwerke möglich, heißt es in einem Gutachten für die Grünen. Das zeige sich in Amerika, wo die Grenzwerte viel niedriger seien.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          „Die Vereinigten Staaten - wahrlich kein Hort des Umweltschutzes - haben strengere Quecksilber-Grenzwerte als Deutschland: Das ist ein Armutszeugnis für die schwarz-rote Bundesregierung, die hier auf Kosten der Gesundheit von Mensch und Natur nicht handelt“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Oliver Krischer. Auch die Bundesregierung dürfe „die gesundheitlichen Folgen der massiven Quecksilberemissionen nicht länger zu Gunsten der Kohleverstromung ignorieren.“

          Mit 10 Tonnen im Jahr sei Deutschland zusammen mit Griechenland und Polen „der traurige Spitzenreiter bei der Quecksilberfreisetzung in Europa“, hießt es in der Studie. Sieben Tonnen oder 70 Prozent der Quecksilberemissionen stammten in Deutschland aus Kohlekraftwerken. Die Menge entspreche der jährlichen Freisetzung von sämtlichem Quecksilber aus 3,5 Millionen Energiesparlampen.

          Im Jahr 2013 hätte die 53 Braun- und Steinkohlekraftwerke mit den höchsten Quecksilberemissionen zusammen 5 Tonnen ausgestoßen. Der Einsatz spezieller Technik könnte die Emissionen jedoch um 85 Prozent reduzieren. „Der Quecksilberausstoß verringert sich dadurch jährlich um 4,2 Tonnen“, behauptet der Autor der Untersuchung, Christian Tebert.

          Nur ein Kraftwerk schafft den Grenzwert

          Nur in einem der 53 deutschen Kohlekraftwerke sei 2013 der in Amerika gültige Grenzwert erreicht worden und zwar in dem inzwischen stillgelegten Kraftwerk Datteln. In den Vereinigten Staaten seien die Grenzwerte für Quecksilberemissionen 2015 gesenkt worden. In Deutschland sei nach EU-Richtlinien frühestens im Jahr 2019 eine Reduzierung der Grenzwerte zu erwarten. Die seien dann allerdings „immer noch 2,5- bis 6,7-fach höher als in den Vereinigten Staaten“.

          Würde man die amerikanischen Grenzwerte in Deutschland anwenden, dürfte kein Braunkohlekraftwerk länger am Netz bleiben, sagte Krischer. „Wir fordern Union und SPD auf, strengere Grenzwerte wie in den Vereinigte Staaten auch in Deutschland einzuführen.“ Die Koalition müsse zudem „endlich“ ein Konzept für einen Kohleausstieg vorlegen. Krischers Fraktionskollege Peter Meiwald, Grünen-Sprecher für Umwelt, sagte, da es technisch möglich sei, den Quecksilberausstoß der Kohlekraftwerke zu reduzieren, müsse das auch geschehen. Alles andere sei gesundheits- und umweltpolitisch grob fahrlässig. „Wir brauchen strenge Grenzwerte für Quecksilberemissionen, die einen wirklichen Beitrag zum Gesundheitsschutz leisten. So wie bisher kann es jedenfalls nicht weitergehen.“

          Die Beschlüsse der EU-Arbeitsgruppe zur Quecksilberminderung würden voraussichtlich im Jahr 2017 im Amtsblatt veröffentlicht und würden für bestehende Anlagen spätestens ab dem Jahr 2021 gelten, heißt es in der Untersuchung des Instituts Ökopol weiter. Allerdings verpflichten die neuen EU-Vorgaben nicht zwingend zur Anwendung der quecksilberspezifischen Techniken. Die EU lasse ein höheres Emissionsniveau zu, wenn, wie in Deutschland lange flächendeckend üblich, eine effiziente Abgasreinigung für Staub und Schwefeldioxide installiert sei. Als Nebeneffekt werde dabei der Ausstoß von Quecksilber gesenkt. Die dort vorgegebenen Emissionswerte würden in Deutschland überwiegend erreicht, so dass die EU-Mindestvorgabe im Jahr 2021 allerdings keine Quecksilberminderung bewirken werde.

          Die vergleichsweise hohen Quecksilberemissionen in Deutschland sind vor allem Folge des großen Einsatzes von Braun- und Steinkohle in der Elektrizitätserzeugung. Trotz des fortschreitenden Ausbaus regenerativer Energien haben sie einen weiter hohen Anteil an der Stromerzeugung. Nach vorläufigen Zahlen hatte die Braunkohle 2015 einen Anteil von 24 Prozent, die Steinkohle von 18,2 Prozent an der Stromerzeugung. Allerdings sinkt beider Anteil langsam. 2013 kamen sie zusammen noch auf 45 Prozent an der Stromerzeugung.

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