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Gastbeitrag : Deutschlands gescheiterte Klimapolitik

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Der oft bejubelte amerikanisch-chinesische Deal ist im Grunde leeres Gerede. China verkündete den Vorsatz, „um 2030 herum“ seinen Höchststand an CO2-Emissionen zu erreichen. Das mag sich gut anhören, doch China hat damit im Grunde überhaupt nichts versprochen. Im Basisszenario der IEA würde China den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen um 2030 mit 25 bis 50 Prozent höheren Emissionen als heute erleben. Alles, was China versprochen hat, ist, deutlich mehr Emissionen zu verursachen und nichts anderes zu tun, als es ohnehin getan hätte.

Indien hat klargemacht, dass es seine Emissionen nicht senken wird. Die hartnäckigen Behauptungen, das Land werde „grüner“, entbehren jeder Grundlage. Heute erhält Indien 0,31 Prozent seiner Energie aus Windkraftanlagen und 0,02 Prozent aus Solaranlagen. Selbst 2040 werden Solar- und Windenergie wahrscheinlich weniger als 2 Prozent ausmachen.

Afrika ist der Kontinent mit dem höchsten Anteil erneuerbarer Energien. 50 Prozent seiner Energie stammen aus Erneuerbaren, während es in der EU nur 12 Prozent sind. Der Grund ist allerdings, dass Afrika arm ist und wenig Zugang zu modernen Energietechnologien hat. Die fast 900 Millionen Bewohner Subsahara-Afrikas ohne Südafrika verbrauchen jeweils lediglich 185 Kilowattstunden pro Jahr, weniger als ein handelsüblicher Kühlschrank. 35 Afrikaner verbrauchen weniger Energie als ein Durchschnittsdeutscher. Es überrascht kaum, dass Afrikaner sehr viel mehr Energie verbrauchen wollen, hauptsächlich aus fossilen Brennstoffen. Solar- und Windenergie machen derzeit verschwindend geringe 0,03 Prozent des Gesamtverbrauchs aus und im Jahr 2040 weniger als 1 Prozent.

Armut ist wichtiger als der Klimawandel

Verständlicherweise ist es China, Indien und Afrika wichtiger, durch Wirtschaftswachstum Millionen Menschen aus der Armut herauszuholen, als CO2-Emissionen zu senken. In den vergangenen 30 Jahren hat China durch die Nutzung billiger, wenn auch umweltschädlicher Kohle 680 Millionen Menschen aus der Armut befreit. Von China zu verlangen, diesen Prozess durch unausgereifte teure erneuerbare Energien zu verlangsamen, wird wohl nicht gelingen. Im Hinblick auf 800 Millionen in extremer Armut lebender Menschen in Indien und Afrika ist es Wunschdenken, von diesen Ländern ein Umsteigen auf Erneuerbare zu erwarten.

Der Klimawandel ist außerdem nicht unsere einzige Herausforderung. Die Armen sind mit viel wichtigeren Problemen konfrontiert. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass die Erderwärmung jährlich zu 141.000 Toten führt, im Jahr 2050 sogar zu 250.000 Toten. Doch diese Zahl verblasst gegenüber den 7 Millionen Menschen, die derzeit pro Jahr an Luftverschmutzung sterben, den 800 Millionen, die Hunger leiden, und den 2,5 Milliarden, die in Armut ohne sauberes Wasser und sanitäre Anlagen leben.

Doch ganz auf einer Linie mit der Botschaft der Klimakonferenzen, bestehen die Staats- und Regierungschefs der Industrieländer darauf, dass ihre Entwicklungsgelder in den Klimaschutz gesteckt werden. Die OECD schätzt, dass fast ein Drittel der bilateralen Entwicklungshilfe in den Umweltschutz fließt. Nahezu die gesamte Hilfe konzentriert sich auf den Klimaschutz, wobei der größte Teil wiederum für die Reduzierung von Treibhausgasen wie CO2 bestimmt ist.

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