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Atomfonds : Wie 24 Milliarden Euro sicher und rentabel anlegen?

  • -Aktualisiert am

Der Salzstock in Gorleben könnte als Endlager dienen. Bild: dpa

Die Atomkonzerne kaufen sich von der Last des Atommülls frei. Jetzt hat der Staat ein Problem. Denn es sollen einmal knapp 170 Milliarden Euro daraus werden.

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          Für die Lagerung der Atomabfälle ist seit Montag der deutsche Staat verantwortlich. Die vier Konzerne Eon, RWE, Vattenfall und ENBW sowie die Stadtwerke München haben am Montag 24,3 Milliarden Euro auf Konten der Regierung bei der Bundesbank überwiesen. Das hat die F.A.Z. aus dem Bundeswirtschaftsministerium erfahren. Die Unternehmen können nun im Gegenzug in den kommenden Tagen mit einer schriftlichen Erklärung der Bundesregierung rechnen, die sie endgültig von der Haftung für die Zwischenlagerung sowie die Kosten der Suche und des Baus eines Endlagers für hochradioaktiven Abfall freistellt. Sie müssen jetzt lediglich den Abriss ihrer Kernkraftwerke bewerkstelligen und selbst bezahlen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die 24,1 Milliarden Euro setzten sich zusammen aus zwei Teilbeträgen: jenen 17,58 Milliarden Euro, die die Energiekonzerne als Rückstellung gebildet hatten, sowie dem einmaligen Risikozuschlag von 35 Prozent, den die Regierung für unerwartete Kostensteigerungen verlangt hat. Zusammen mit den darauf aufgelaufenen Zinsen für 2016 und das erste Halbjahr 2017 beträgt der Risikozuschlag 6,8 Milliarden Euro. Da die Beträge für das Sepa-Überweisungssystem der Banken zu groß waren, das nur neun Ziffern für maximal 999 Millionen Euro vorsieht, mussten die Konzerne die Beträge stückeln.

          Bundesbank berechnet Strafzins

          Montagmittag war das Geld da. Und es wird damit ein Schlussstrich unter die jahrzehntelange Debatte darüber gezogen, wer für die auf bis zu 80 Jahre kalkulierte Suche nach und den Bau eines Endlagers aufkommen muss. Doch für den Staat birgt der Geldsegen eine neue, schwierige Aufgabe.

          Der Staat muss die Milliarden sicher und verzinslich anlegen. Am Ende sollen Zins und Zinseszins 169 Milliarden Euro daraus machen. So viel Geld könnte es kosten, das Endlager bis zur Jahrhundertwende betriebsfertig zu haben. Deshalb muss der Staatsfonds, der das Geld anlegt, eine jährliche Rendite von netto knapp 3 Prozent einbringen, zumindest auf den Kernbetrag von 17,6 Milliarden. Im aktuellen Zinsumfeld wird das nicht einfach.

          Schon vom Start an verliert der Fonds Geld. Die Bundesbank berechnet einen „Einlagenzins“ von minus 0,4 Prozent – es ist also faktisch ein Strafzins. Bei den 24,3 Milliarden Euro verliert der Fonds jeden Tag 266.000 Euro auf dem Bundesbankkonto. Damit der Kapitalverzehr nicht zu weit führt, soll das Geld bald investiert werden. Schon in der kommenden Woche soll ein erster kleiner Millionenbetrag angelegt werden, wohl in einer jedem größeren Fonds bekannten Mischung aus Aktien und Anleihen.

          Investition in große Infrastrukturprojekte?

          Jedoch fehlen dem „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“, der formell erst seit der Genehmigung des Verfahrens durch die EU vor zwei Wochen arbeitsfähig ist, noch ein paar Grundlagen. Zwar ist ein dreiköpfiger Vorstand aus Finanzfachleuten ebenso bestellt wie das Kuratorium, das den Vorstand beaufsichtigt, und ein Anlageausschuss, der mit Rat zur Seite stehen soll. Doch fehlt es noch an einer ausgetüftelten Anlagestrategie. Dafür werde man noch zwei bis drei Monate brauchen, heißt es bei Beteiligten. Man wolle das lieber „nicht übers Knie brechen“.

          Den Rahmen für die Investitionen beschreibt die amtliche Pensionsfonds-Aufsichtsverordnung, kurz PFAV, der Bundesregierung. Demnach haben Pensionsfonds sicherzustellen, „dass sie jederzeit auf sich wandelnde wirtschaftliche und rechtliche Bedingungen, insbesondere Veränderungen auf den Finanz- und Immobilienmärkten, auf Katastrophenereignisse mit Schadensfällen großen Ausmaßes oder auf sonstige ungewöhnliche Marktsituationen angemessen reagieren können“. Demnach darf das Atom-Geld in beinahe jede mögliche Anlage investiert werden – Aktien, Anleihen, Unternehmen, solange diese aus den Ländern des Industriestaatenclubs OECD oder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stammen.

          Allerdings muss das Management die sogenannten ESG-Kriterien bei der Auswahl beachten. ESG steht für Environment Social Governance, also Umwelt, Soziales und (gute) Unternehmensführung. Unternehmen, die in den Verdacht geraten, Kinderarbeit zu billigen, oder auch Rüstungsunternehmen dürften damit ausgeschlossen sein. Es liegt auf der Hand, dass Investitionen in erneuerbare Energien möglich sein werden.

          Da der Fonds auf Jahrzehnte planen muss, könnten auch große europäische Infrastrukturprojekte in Frage kommen. Das Management wird auf eine Mischung aus kurz-, mittel- und langfristigen Anlagen setzen. Immerhin muss auch der laufende Betrieb bezahlt werten – nicht nur des Fonds, sondern vor allem der Zwischenlager und der Institutionen, die das Endlager suchen. Dafür sollte die Kleinigkeit von 300 bis 400 Millionen Euro im Jahr bereitgehalten werden.

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