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Energiewende : Atomausstieg? Nein danke

Nicht überall auf der Welt wehen diese Fahnen. Bild: dpa

Deutschland steht mit seiner Politik des Ausstiegs aus der Kernenergie auch fünf Jahre nach Fukushima in der Welt ziemlich allein da. Wo wird noch am meisten Atomenergie genutzt und was sind die Argumente gegen die globale Energiewende?

          Es ist der letzte Sonntagabend im Februar. Im Fernsehen hat gerade der „Tatort“ aus Köln begonnen. Im Kernkraftwerk Grohnde aber hat niemand Augen für den Krimi. Dort schaut man auf die Anzeiger der Leitwarte. Um 20.22 Uhr ist es so weit. Das Atomkraftwerk an der Weser hat 350 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. So viel, wie kein anderes Kraftwerk auf der Welt zuvor. Ein schöner Rekord für Werksleiter Michael Bongartz und seine Truppe, aber kein Grund zum Feiern. Erfolgsmeldungen wie diese sind zwar seit dem Unfall von Fukushima vor genau fünf Jahren selten geworden. Doch Deutschland steigt bis 2022 aus der Kernenergie aus. Bis dahin werden alle Atommeiler abgeschaltet. Das hatte die Regierung in Berlin als Reaktion auf den Unfall in Japan kurzerhand beschlossen und sich dafür am Donnerstag noch einmal gelobt. Stromerzeugungsweltmeister Grohnde geht Ende 2021 vom Netz. Heute sind noch acht deutsche Kernkraftwerke am Netz. Vor fünf Jahren, zum Zeitpunkt der Katastrophe in Fukushima waren es noch 17. Damals deckte die Kernkraft 23 Prozent der hiesigen Stromnachfrage, heute sind es 16 Prozent.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Doch in der Welt ist nach dem ersten Erschrecken niemand dem deutschen Beispiel gefolgt. Aktuell ist sogar ein Kernkraftwerk mehr am Netz als damals. Laut Angaben des Fachblatts „ATW“ waren Anfang März 443 Reaktoren am Netz. Vor fünf Jahren waren es 442. Doch hat die Statistik ihre Tücken. Mitgezählt werden auch jene 45 Kernkraftwerke in Japan, die zwar am Netz sind, aber bis auf drei stillstehen, auch wenn die Regierung das ändern möchte. Deshalb und wegen der Abschaltungen in Deutschland ist die erzeugte Strommenge aus Kernenergie heute geringer als 2011. Damals wurde mit 2630 Terawattstunden (TWh) die höchste Menge erreicht, 2014 waren es nach letzten Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) 2410 TWh.

          Hohe Belastung der Umwelt durch Kohlekraftwerke

          Nach dem Unfall von Fukushima hätten viele Staaten die weitere Entwicklung der Kernenergie auf den Prüfstand gestellt, sagt Ralf Güldner, der Präsident des Deutschen Atomforums. Dennoch sei die Kernenergie in vielen Ländern „weiterhin ein fester Bestandteil der CO2-freien Stromerzeugung“. Für die EU fordere das Europäische Parlament, dass die Kommission günstige Rahmenbedingungen für Investitionen in neue Kernkraftwerke für diejenigen Staaten schaffen soll, die Kernenergie langfristig nutzen möchten, sagt Güldner. Japan nehme seine Anlagen schrittweise wieder in Betrieb. China forciere den Neubau, und einige Länder stiegen neu in die Kernenergie ein. Insgesamt sind in aller Welt derzeit 65 Anlagen im Bau.

          China verfolgt dabei die umfangreichsten Ausbaupläne. Gerade ist der vierte Block des chinesischen Atomkraftwerks Hongyanhe angefahren worden und soll in den nächsten Monaten Strom erzeugen. Die Blöcke 5 und 6, deren Bau gerade begonnen wurde, sollen dann ab 2019 den Betrieb aufnehmen. Bis 2020 soll der Kernkraftwerkspark 58 Gigawatt groß sein, zwischenzeitlich geplant war allerdings ein Ausbau auf 70 bis 80 Gigawatt. Aktuell am Netz sind aber nur 28 Gigawatt. Deshalb werden in China derzeit 24 Kernkraftwerke gebaut – so viele wie in keinem anderen Land. Als Gründe werden genannt: Versorgungssicherheit, Preiswürdigkeit und die hohe Belastung der Umwelt durch Kohlekraftwerke.

          Zeit für die Stilllegung

          Mit 31 arbeitsfähigen Reaktoren belegt China in der Liste der Atomstromstaaten Platz fünf. Ganz vorn stehen die Vereinigten Staaten von Amerika mit 99 Anlangen, gefolgt von Frankreich mit 58 Kraftwerken, Japan mit 45 Anlagen und Russland mit 34 Kraftwerken. Auf den folgenden Plätzen kommen Korea (24), Indien (21), Kanada (19) sowie Großbritannien und die Ukraine mit je 15 Anlagen. Die größten Ausbaupläne verfolgen neben China noch Russland (9 Anlagen), Indien (6), Amerika (5) sowie Korea und die Vereinigten Arabischen Emirate mit je 4 im Bau befindlichen Atomkraftwerken.

          Sehr durchwachsen ist das Bild in Europa. Deutschland, Belgien und die Schweiz planen den Ausstieg – spätestens bis 2035. Tschechien, Finnland und Ungarn wollen ihre Kapazitäten dagegen ausbauen, wobei sich das neue Kernkraftwerk in Finnland schon um Jahre verzögert hat. Großbritannien hat das Projekt Hinkley Point C aufgelegt. Die französischen und chinesischen Bauherren sollen für Bau und Betrieb einen Zuschuss erhalten. Litauen, Polen und die Türkei gelten als potentielle Newcomer. Frankreich will seinen Atomstromanteil indes bis 2025 von derzeit 75 auf 50 Prozent reduzieren.

          Die Grünen haben ausgerechnet, in Europa würden heute 128 Reaktoren betrieben. Sie rufen die Bundesregierung auf, stärker auf die Nachbarstaaten einzuwirken, damit die ihre Reaktoren abschalten. Knapp 30 Prozent aller Kernkraftwerke stehen in Europa. Aber nur vier der 65 Neubauten finden hier statt. Ein Grund dafür ist die auch in der Branche bezweifelte Wirtschaftlichkeit neuer Kernkraftwerke. Die Hälfte der in Europa betriebenen Atomanlagen sei 30 Jahre und älter, stellt die IEA fest. Für deutsche Kraftwerke heißt das in der Regel: Zeit für die Stilllegung. Anderswo werden Laufzeiten verlängert.

          Kein akzeptables Szenario für viele Staaten

          Wichtiger als die Zahl der Reaktoren ist die Abhängigkeit von der Kernenergie im Strommix. In der Statistik stehen die Europäer vorn. Nirgends ist die Abhängigkeit so groß wie in Frankreich mit 75 Prozent. Die Slowakei, Ungarn, die Ukraine und Belgien beziehen die Hälfte ihres Stroms aus Kernreaktoren. In Schweden waren es im Jahre 2014 noch 42 Prozent. In der Schweiz, Slowenien, Tschechien, Finnland und Bulgarien stammt rund ein Drittel des Stroms aus Atomkraftwerken. In Amerika und Russland erzeugen Kernkraftwerke ein Fünftel der Elektrizität. Kanada, Großbritannien und Deutschland liegen mit einem Sechstel Atomstrom im Erzeugungsmix etwa gleichauf. Bei den aufstrebenden Ländern China und Indien liegt der Atomstromanteil bislang unter einem Prozent.

          Für viele Staaten ist der deutsche Ausstiegsweg kein akzeptables Szenario. Auch nicht für die Energieagentur IEA. Sie hat ausgerechnet, dass elf Prozent der globalen Stromnachfrage durch Kernenergie gedeckt werden (18 Prozent in den OECD-Staaten). Atomstrom ist demnach die größte Stromerzeugungsquelle, die weitgehend ohne Emission des Klimagases Kohlendioxid (CO2) auskommt. Wolle die Welt tatsächlich weniger CO2 ausstoßen und den Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius begrenzen, müsste „die installierte Kapazität bis 2050 von heute 396 auf dann 930 Gigawatt mehr als verdoppelt werden“, schreibt die IEA. Der Anteil des Atomstroms an der Versorgung der Welt würde um die Hälfte auf 17 Prozent steigen.

          Die IEA verbindet das mit einem Kranz alter Forderungen, von denen schon heute viele nicht erfüllt sind: Betreiber müssten Zeitpläne und Budgets einhalten, Sicherheitsanforderungen sollten geschärft, der Informationsaustausch verbessert werden. Regierungen müssten Bürger besser beteiligen und um deren Akzeptanz werben. Nicht zuletzt sollten sie sich frühzeitig darum Gedanken machen, wo der Atommüll begraben werden soll.

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