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Energiepolitik : "Wir werden eher die Produktion zurückfahren, als Emissionsrechte kaufen"

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Er bezeichnet sich gern als Berufsoptimist. Aber die derzeitige Energiepolitik in Deutschland und die Pläne des Umweltministeriums zum Emissionshandel nehmen ihm die gute Laune.

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          Er bezeichnet sich gern als Berufsoptimist. Aber die derzeitige Energiepolitik in Deutschland und die Pläne des Umweltministeriums zum Emissionshandel nehmen ihm die gute Laune. "Die deutsche Stahlindustrie braucht 52 Millionen Tonnen Handelsrechte; mit weniger geht es nicht", erklärt Ekkehard Schulz. Mit dem im Hochofen zur Stahlherstellung benötigten Kohlenstoff, sprich Koks, sei man bereits nahe dem technisch Machbaren. "Andere Staaten sehen das auch so." Entsprechend bedarfsgerecht würden in Großbritannien oder Belgien die "Verschmutzungsrechte" zugeteilt. Österreich gehe sogar noch weiter und habe Handelsrechte für den Ausbau der Marktposition vorgesehen, moniert der Thyssen-Krupp-Chef. Diese ungleiche Behandlung beschädige im scharfen Preiswettbewerb die Konkurrenzfähigkeit.

          Schulz nimmt kein Blatt vor den Mund: "Wenn es bei dem bisher bekannten Konzept des Bundesumweltministeriums bleibt, fehlen unserem Stahlunternehmen Rechte für die Emission von mindestens einer Million Tonnen Kohlendioxyd. Dann werden wir aus Wettbewerbsgründen die Produktion eher zurückfahren, als Rechte zuzukaufen." Das allein könnte 700 der 12 000 Arbeitsplätze im Werk Duisburg kosten, erklärt Schulz und verweist auf ein Szenario des Betriebsrates mit bis zu 4000 in Duisburg untergehenden Arbeitsplätzen. In diesem Werk hat er gerade Pläne für den Ersatz eines 30 Jahre alten Hochofens auf Eis gelegt. Das wird, wenn Vormaterial aus dem Ausland zugekauft wird, nicht nur die Beschäftigung in der Roheisenerzeugung, sondern auch im Stahlwerk verringern.

          Ideologen

          Thyssen Krupp betreibt in Duisburg die größte integrierte Stahlhütte der Welt. Nach zwei Dekaden mit teilweise sehr schmerzhaften Restrukturierungen vereint Thyssen Krupp an diesem verkehrsgünstigen Standort nun die früher von Thyssen, Krupp und Hoesch in drei Revierstädten erzeugte Rohstahlmenge. Das hat Zehntausende von Arbeitsplätzen gekostet. Aber der Konzern hat sich auf diese Weise bei Flachstahl in vielen Arbeitsfeldern die Kostenführerschaft erarbeitet und Arbeitsplätze gesichert, ein Erfolg, den Schulz nun bedroht sieht.

          Was uns grüne Ideologen zumuten, gefährdet viele Arbeitsplätze", klagt er. Bundesumweltminister Jürgen Trittin müsse von der Vorstellung Abschied nehmen, daß die Unternehmen auch künftig neue Belastungen irgendwie wegdrückten. Das, was Bürgerinitiativen anfangs angestoßen hätten, sei notwendig gewesen, räumt Schulz ein. Die Industrie, der man früher eine Reihe von Umweltsünden habe anlasten können, habe seither viel unternommen. Die Lage habe sich erheblich verbessert, aber nun schlage das Pendel jenseits von ökonomischer Vernunft und ökologischer Notwendigkeit zu stark in die andere Richtung aus.

          Kräftedreieck

          "In unserem Unternehmensbereich Stahl haben wir heute in Deutschland durch Umweltmaßnahmen verursachte Kosten von rund 300 Millionen Euro", rechnet der Thyssen-Krupp-Chef vor. Damit der Konzern in absehbarer Zeit sein ehrgeiziges Ertragsziel von 1,5 Milliarden Euro erreichen kann, müsse das Stahlergebnis von zuletzt 384 Millionen auf 800 Millionen Euro verbessert werden. "Aber zuvor müssen wir Jahr für Jahr die 300 Millionen Euro Umweltaufwand erwirtschaften." Schulz fordert die Politiker auf, stärker auf den richtigen Energiemix und die deutlich verbesserten Wirkungsgrade der vorhandenen Kraftwerke zu achten. Energiepolitik sei Wirtschaftspolitik. "Um im internationalen Wettbewerb keine Nachteile zu erleiden, ist eine ausgewogene Berücksichtigung der - nicht selten entgegengesetzt wirkenden - Komponenten des Kräftedreiecks aus Versorgungssicherheit, Preisgünstigkeit und Umweltverträglichkeit nötig." Eine Belastung der deutschen Volkswirtschaft durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz und durch den Handel mit "Verschmutzungsrechten" bedrohe Tausende von Arbeitsplätzen.

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