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Energiekrise : Blackout in Kalifornien

  • -Aktualisiert am

Eine Stadt sieht Schwarz Bild: dpa

Der Sonnenstaat im amerikanischen Westen steckt in einer schweren Energiekrise. Das Problem scheint auf absehbare Zeit nicht lösbar. Eine Analyse.

          2 Min.

          Noch im Wahlkampf 2000 hatten sich George Bush und Al Gore lang und breit vor der Nation gestritten, was sie wohl anstellen würden mit dem great surplus der US-Wirtschaft in den nächsten zehn Jahren. Keine drei Monate später spricht niemand mehr davon - der vor zehn Jahren von seinem Sieg über den Sozialismus selbst überraschte Kapitalismus scheint in eine handfeste Krise geraten. Bestes Beispiel ist Kalifornien. In dem Sonnenstaat gewöhnt man sich an die Stromkrise wie Europa an die Maul- und Klauenseuche.

          Die Energiekrise in Kalifornien schlägt wieder mit voller Wucht zu. Ampeln schalten auf rot, Schranken gehen vorsichtshalber runter, ganze Schulen ziehen auf die Wiese um, weil die Klassenzimmer so dunkel gebaut sind und die Mailserver sind down. Die Übermittlung eines normalen Textes zum Beispiel dauerte länger, als eine Lufthansa-Maschine von San Francisco nach Frankfurt braucht.

          Planmäßiges Abschalten

          Seit Montag ist jeder in Kalifornien mindestens einmal täglich betroffen von den planmäßigen rolling black outs, die wie mit der Frohnatur der Planwirtschaft das Unheil landesweit verteilen, damit das Dunkel die Landkarte gleichmäßig Kaliforniens überzieht. Die Lage scheint so ernst und auf absehbare Zeit nicht wirklich lösbar, dass es bislang kaum zu Schuldzuweisungen an die Adresse jener Politiker kommt, die vor zehn Jahren mit der Liberalisierung des Strommarktes die Kassen des Sonnenstaates mit dieser zweifelhaften Dividende gefüllt und in Wahrheit die Zukunft beliehen haben. Schon melden sich Anthropologen, die sich fragen, ob vielleicht mehr als nur verfehlte Politik dieser Pleite zugrunde liegt.

          Strom sparen als Fremdwort

          Dr. Laura Nader von der Universität Berkeley sieht die Ursache für die Stromkrise in der Heranbildung von zu eng spezialisierten Entscheidungsträgern auf allen Ebenen und einem „multiple choice Denken“, das hier von Kindesbeinen an als einzige Methode des Abrufs von Wissen eingeimpft wird. In der Schule wie in der Fahrschule, an der Universität wie in Kundenbefragungen hat man anzukreuzen, was man weiß; also lernt man nur dafür. Hinzukommt, dass Amerika nicht eben das Mutterland des Gemeinsinns ist. Selbst im dunkelsten Dezember, als die ersten Massenabschaltungen den Fortschrittsglauben des Durchschnittsamerikaners für Augenblicke ins Wanken brachte, fand sich kaum jemand, der seine elektrische Weihnachtskerzengirlanden, die ganze Häuser, Straße umrankten, abschaltete - manche waren sogar bis Anfang März in Betrieb.

          Klimaanlage im März

          Und so kam es dann auch zu den Abschaltungen seit Montag dieser Woche, weil nach einer langen, ziemlich kühlen Regenzeit, nun der warme Frühling kam - und wozu hat man schließlich air-conditioning. Allein die Supermarktketten zeigen Vernunft - oder eher Einsicht in die Logik des totalen blackouts, der nur durch die gezielten Abschaltungen abgewendet wird, wenn plötzlich Kühltruhen auslaufen und kein Kreditkartenterminal, keine Überwachungskammer mehr geht: Sie schalten ihre Beleuchtung auf 50 Prozent herunter und siehe da - mit halbem Licht glänzt alles immer noch stark genug. Umsatzeinbußen werden nicht gemeldet.

          Es gibt auch Glücksritter

          Doch wie in jeder Krise so gibt es auch in dieser Glücksritter, die sich an den Feuern der Verknappung ein zünftiges Süppchen kochen: so berichtete die Los Angeles Times, dass fünf Strom-Großhändler allein in den vergangen zehn Monaten mehr als 5,5 Milliarden Dollar wegen überhöhter Preise verdient hätten. Internet Service Provider gehören nicht dazu, profitieren dennoch: Auf ihren Servicetelefonen, wo man sich sonst beschweren kann über die zu langsame oder gar keine Verbindung, hört man nun verständnisvolle Bandansagen, die etwa so lauten: „All unsere Server funktionieren exzellent. Sie sollten keinerlei Probleme mit Ihrer internet connection haben, wenn doch, dann sind allerdings wir nicht schuld, sondern die regulären Maßnahmen der Energiebehörde, denn selbst wenn sie Strom haben, liegt es an einem outage - irgendwo in Kalifornien.“

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