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Ende kostenloser Bürgertests : „Wir können ja schlecht Schwangerschaftstests machen“

Ein Testzentrum von CoviMedical in Dresden Bild: dpa

Die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz setzen Testzentren-Betreiber unter Druck. Viele wissen nicht, wie sie sich auf die neuen Vorschriften vorbereiten sollen. Besonders für Test-Stationen auf dem Land könnte es das Aus bedeuten.

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          Lange herrschte unter den Betreibern der Corona-Testzentren Goldgräberstimmung. Bis zu 21 Euro bekamen die Unternehmen vom Bund zunächst für jeden Test. Damit ließ sich gut Geld verdienen, die Schlangen vor den Läden, die viele Jungunternehmer anmieteten, waren lang, ihre Kassen voll. Doch mit der steigenden Impfquote gerät das Geschäftsmodell unter Druck. Zusätzlich senkte der Bund den Preis je Test im Juli auf 11,50 Euro. Jetzt haben Bund und Länder bei der Ministerpräsidentenkonferenz am Dienstag beschlossen, dass Testwillige für den bislang kostenfreien Bürgertest vom 11. Oktober 2021 an wieder zahlen müssen. Ist das der Sargnagel für die vor wenigen Wochen noch so erfolgreichen Testzen­tren?

          Maximilian Sachse
          Redakteur in der Wirtschaft

          „Durch den Beschluss werden natürlich deutlich weniger Menschen Tests machen“, sagt Martin von der Hocht, Geschäftsführer des Testzentrumbetreibers Coronapoint. Das Unternehmen betreibt knapp 30 Testzentren, insbesondere in Nordrhein-Westfalen. Es werde kaum jemand 15 oder 20 Euro für einen Test ausgeben, um dann dieselbe Summe in einen Kino- oder Restaurantbesuch zu investieren, meint von der Hocht. Welchen Preis Menschen künftig für einen Test zahlen müssen, haben er und viele andere Betreiber noch nicht festgelegt.

          Wie sollen sie überprüfen, ob jemand schwanger ist?

          Unklar ist auch, wie die Testzentrenbetreiber die geplanten Ausnahmeregelungen überprüfen sollen. Denn: Für Personen, „die nicht geimpft werden können und für die keine allgemeine Impfempfehlung vorliegt“, soll es laut Beschluss weiter die Möglichkeit zum kostenlosen Antigen-Schnelltest ge­ben. Dazu zählen insbesondere Schwan­gere, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Bei Letzteren ist die Kontrolle über das Vorlegen eines Personalausweises noch recht einfach. „Aber wir können ja schlecht Schwangerschaftstests vor Ort machen“, sagt von der Hocht.

          Auch sein Wettbewerber Christoph Neumeier, Geschäftsführer des Testzentrenbetreibers CoviMedical, „weiß noch nicht, wie das alles funktionieren soll“. Es sei unklar, wie zu kontrollieren sei, wer einen kostenlosen Test bekommt. Das Unternehmen testet in 200 Ladenlokalen in ganz Deutschland und auf den Balearen. Eine Möglichkeit könnten ärztliche Atteste sein, die Schwangere vor einem Test vorlegen müssten. „Wir könnten beispielsweise ein Foto des Attests digital und datenschutzkonform in unserem System hinterlegen“, erklärt Simon Heckscher, Geschäftsführer von 21Dx, einem der größten Testzentrenbetreiber Deutschlands.

          Das Bundesgesundheitsministerium teilt auf Nachfrage mit, dass die Testverordnung nach dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz angepasst werden müsse. Wie genau die Kontrollmechanismen aussehen sollen, könne noch nicht konkret beantwortet werden.

          Testzentren auf dem Land könnten zumachen

          Besonders für kleine Testzentren mit teils nur einem Mitarbeiter könnte der zusätzliche Verwaltungsaufwand das Aus bedeuten, befürchtet von der Hocht. „Die werden alle schließen müssen.“ Das könnte insbesondere die Teststationen auf dem Land betreffen, glaubt Christoph Neumeier. Auch Simon Heckscher von 21Dx sagt: „Wir werden uns wohl die Frage nach der Wirtschaftlichkeit einzelner Standorte stellen müssen.“

          Große Betreiber wie 21Dx haben aber einen Vorteil: Sie haben sich mehrere Standbeine aufgebaut. 21Dx etwa hat auch mobile Impfteams im Angebot oder testet im Auftrag von Unternehmen Gäste von Events sowie Konferenzen. „Wir werden das Ende der kostenlosen Tests deshalb zwar merken, aber es gefährdet nicht unsere Existenz“, sagt Heckscher. Die wirtschaftliche Lage für die Betreiber der Testzentren ist ohnehin angespannt. Wegen der geringeren Vergütung pro Test, der steigenden Qualitätsanforderungen sowie schärferer Kontrollen infolge von aufgeflogenen Betrügereien haben viele Einzelkämpfer und kleinere Anbieter aufgegeben. „Für uns ist das aktuell nur noch wirtschaftlich, weil wir relativ groß sind. Für kleinere Betreiber lohnt es sich schon jetzt nicht mehr“, sagt von der Hocht.

          Aktuell steigt die Nachfrage der Menschen, getrieben durch die steigenden Inzidenzen und die Ferienzeit, wieder. Es gibt aber weniger Testzentren. So berichtet von der Hocht von langen Warteschlangen. Er habe Probleme, genügend Mitarbeiter zu finden. Nach dem 11. Oktober könnte die Nachfrage dann schlagartig einbrechen – und die Testzentrenbetreiber stünden vor dem entgegengesetzten Problem. „Das wird zu einem Aussterben der Testzentren führen.“ Vermutlich wird das nicht alle treffen: Viele Testzentren werden nicht von privaten Anbietern, sondern von Arztpraxen, Apotheken und dem Deutschen Roten Kreuz betrieben. Sie sind weniger gefährdet, bei sinkenden Einnahmen schließen zu müssen.

          Christoph Neumeier glaubt dennoch, dass die Politik zurückrudern wird. „Man kann nicht einfach ohne Testen alles aufmachen“, sagt er. Zudem erinnern ihn die neuen Ausnahmeregelungen an den Anfang der Bürgertests, als jeder Bürger eigentlich nur einen kostenlosen Test pro Woche machen durfte. Kontrollieren konnte das damals niemand, aus Datenschutzgründen. Nach der Bundestagswahl werde man doch eine Kehrtwende machen, meint er. Und falls nicht? „Wir hoffen, dass viele aus den Testzentren dann immerhin wieder in ihren normalen Jobs arbeiten können.“ Vor der Pandemie arbeitete Neumeier wie viele andere in der Veranstaltungsbranche.

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