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Corona-Regeln in England : „Freiheitstag“ mit Fragezeichen

Party – weitestgehend ohne Maske: Junge Briten feiern das Ende der gesetzlichen Corona-Einschränkungen. Bild: AP

In England werden alle Corona-Restriktionen aufgehoben – trotz des steilen Anstiegs der Infektionen. In manchen Geschäften wird dadurch das Personal knapp.

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          Um Mitternacht ist es so weit: Hunderte brüllen einen Countdown. Dann wird die Musik laut, eine Sängerin schreit „Freedom“. Scheinwerfer blitzen, von der Decke fallen Luftballons auf die tanzende Menschenmenge – natürlich alle ohne Maske. Im Londoner Nachtklub „Heaven“, laut einem Reiseführer der „berühmteste LGBT+ Nachtklub der Welt“, wurde das Ende aller Corona-Restriktionen in der Nacht von Sonntag auf Montag ausgelassen gefeiert. Fast zwei Millionen Menschen haben den Videoclip inzwischen angeklickt.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Aber viele sehen das Ende aller gesetzlichen Corona-Vorschriften auch mit großer Sorge, denn die Infektionszahlen weisen in Großbritannien steil nach oben. Dessen ungeachtet sind seit Montag im Landesteil England alle verbliebenen gesetzlichen Corona-Restriktionen aufgehoben worden. „Freedom Day“ nennen die Befürworter den Tag. Es ist Schluss mit der gesetzlichen Vorschrift, eine Maske zu tragen, ebenso sind die Abstandsregeln in Gaststätten oder Kinos und die Obergrenzen für Veranstaltungen, Konzerte, Hochzeiten und private Feiern gefallen. Teile der Wirtschaft zeigen sich hocherfreut über das Ende der Restriktionen. Besonders die Gastronomie atmet auf, weil sie nun – nach sechzehn verlustreichen Monaten und Tausenden Insolvenzen – endlich wieder bessere Geschäfte zu machen erhofft.

          Chaos in Johnsons Corona-Management

          Premierminister Boris Johnson verteidigte die Entscheidung für das Ende der Restriktionen abermals. Doch gleichzeitig warnte er die Öffentlichkeit: „Bitte, bitte seid vorsichtig.“ Er selbst sah sich am Sonntag zu einer peinlichen Kehrtwende gezwungen: Zunächst wollte er eine Quarantäne vermeiden, nachdem er Kontakt mit dem auf Corona positiv getesteten Gesundheitsminister Sajid Javid hatte. Doch nur wenige Stunden später verkündete der Premier, dass er und Finanzminister Rishi Sunak doch in „Selbstisolation“ gehen werden. Für den Labour-Vorsitzenden Keir Starmer war die abrupte Kehrtwende nur ein weiterer Beleg für das „Chaos“ in Johnsons Corona-Management.

          Die Zahl der mit dem Coronavirus positiv Getesteten ist seit Juni wieder steil gestiegen und erreicht derzeit an manchen Tagen wieder mehr als 50.000 in Großbritannien – fast so viel wie beim bisherigen Höhepunkt im Januar mit 60.000 Neuinfektionen. Der Epidemiologe Neil Ferguson erwartet, dass die Zahl fast sicher auf 100.000 steigen wird. „Ich denke, es ist fast sicher, dass wir bis 1000 Krankenhauseinweisungen täglich kommen werden“, sagt Ferguson. Möglich sei aber sogar das Doppelte davon. Dann könnte das staatliche Gesundheitssystem NHS wieder an seine Grenzen kommen.

          Delta-Variante grassiert unter den Jüngeren

          Die Befürworter der „Freedom Day“-Entscheidung verweisen auf den Erfolg der Impfkampagne, die einen „Schutzwall“ gegen schwere Krankheitsverläufe aufgebaut habe. Tatsächlich sind die Zahlen der schwer Erkrankten und der mit Covid Gestorbenen bislang viel geringer als in früheren Wellen. Inzwischen sind 68 Prozent der Erwachsenen doppelt geimpft, 88 Prozent einfach. Doch gerade unter den Jüngeren sind viele nicht geschützt. Dort grassiert die Delta-Variante des Virus nun schneller.

          Viele Geschäfte verlangen weiterhin, dass Kunden Masken tragen. Starbucks etwa bittet „höflich“ darum, der Sportladen Sports Direct schreibt es „zwingend“ vor. Vor Supermärkten wie Sainsbury’s stehen große Tafeln: Die Maske zu tragen sei nun eine „persönliche Wahl“ – doch aus Rücksicht auf andere Kunden und das Personal werde es empfohlen. In Einkaufszentren wie dem Bentalls im Londoner Vorort Kingston sieht man etwa drei Viertel der Kunden weiterhin mit Mund-Nasen-Schutz, ein Viertel ohne. Für die Londoner U-Bahn- und Bus-Gesellschaft hat Bürgermeister Sadiq Khan eine generelle Maskenpflicht erlassen.

          Selbstisolation wird zum Problem

          Ein zunehmendes Problem wird für viele Unternehmen, dass Mitarbeiter in „Selbstisolation“ gehen müssen, weil das NHS-Corona-Warnprogramm dies nach Kontakten mit positiv Getesteten anordnet. Vergangene Woche mussten sich in England und Wales schon mehr als 530.000 Menschen in die eigenen vier Wände zurückziehen – knapp ein Prozent der Bevölkerung. Manchen Unternehmen wird nun das Personal knapp.

          Einige Restaurants fahren nur noch einen Sparbetrieb, weil bis zu ein Fünftel der Mitarbeiter fehlen, warnt der Verband UK Hospitality. Die Mode- und Lebensmittelkette Marks & Spencer wird die Öffnungszeiten einiger Geschäfte verkürzen. Im Nissan-Werk in Sunderland mussten sich 900 Mitarbeiter „selbst isolieren“, mehr als ein Zehntel der Belegschaft. Am Aktienmarkt verlor der FTSE100-Index aufgrund wachsender Sorgen wegen neuer Corona-Belastungen gut 2 Prozent. Die größten Verlierer waren Luftfahrtkonzerne wie IAG, die British-Airways-Muttergesellschaft, mit minus 5 Prozent.

          Aus den Wirtschaftsvereinigungen kommen zunehmend laute Rufe, die Vorschriften für die „Selbstisolation“ nach Kontakt mit positiv Getesteten zu lockern. Auch der Gaststättenverband UK Hospitality wünscht das. Doch nach Johnsons und Sunaks Kehrtwende vom Sonntag dürfte das nun schwierig werden.

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