https://www.faz.net/-gqe-70tts

ENBW-Untersuchungsausschuss : Druck auf Investmentbanker Notheis wächst

Dirk Notheis: Deutschlandchef der Investmentbank Morgan Stanley Bild: dpa

Der hastige Einstieg des Landes Baden-Württembergs beim Energiekonzern ENBW beschäftigt in Stuttgart ein Untersuchungsausschuss. Er wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit von Investmentbankern. Dabei gerät der Deutschlandchef von Morgan Stanley immer mehr in die Bredouille.

          2 Min.

          Der Investmentbanker Dirk Notheis, Chef der deutschen Dependance von Morgan Stanley, gerät im Zusammenhang mit dem Einstieg des Landes Baden-Württemberg beim Energiekonzern ENBW immer stärker unter Druck. Die Grünen im Stuttgarter Landtag baten die Bankenaufsicht Bafin zu überprüfen, ob Notheis „die Voraussetzungen für seine bankrechtliche Erlaubnis weiterhin erfüllt“. Es spreche auch einiges dafür, dass die bankinternen Kontrollmechanismen versagt haben, wenn die Bank einen Kaufpreis als angemessen bewerte, den der Vorstandsvorsitzende dieser Bank gleichzeitig als „mehr als üppig“ bezeichnet habe, schreiben die Grünen in ihrem Brief.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Sie beziehen sich darin auf eine E-Mail von Notheis an sein Pendant bei Morgan Stanley Frankreich, René Proglio, zum Preis von 40 Euro je Aktie, den Baden-Württemberg an den französischen Stromkonzern zahlen sollte: „Wir wissen beide, das ist mehr als üppig“, heißt es dort, zitiert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17. Juni. Am Preis für die Transaktion, die Baden-Württemberg 4,7 Milliarden Euro gekostet hat, scheiden sich die Geister, weshalb die grün-rote Landesregierung eine Schiedsklage gegen EDF, Verkäufer des Aktienpakets, anstrengt und 2 Milliarden Euro zurückfordert. Vor allem aber hat der damalige CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus das Geschäft im Dezember 2010 ohne Mitwirkung des Parlaments entschieden, weshalb der Stuttgarter Landtag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt hat.

          Der ENBW-Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag Bilderstrecke

          Die Befragung von Kai Tschöke in diesem Untersuchungsausschuss wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit der Investmentbank. Tschöke, der im Dezember 2010, wenige Tage nach dem ENBW-Geschäft, in den Vorstand von Morgan Stanley berufen wurde, war Leiter des Bereichs Mergers & Akquisitions der Investmentbank und damit neben Dirk Notheis die zentrale Figur. Man habe im Datenraum sicher mehr als 10.000 Seiten Papier zur Begutachtung des Geschäfts zur Verfügung gehabt, berichtete Tschöke. Diese Informationen seien „konkret oder in ihrer Essenz“ in die Beurteilung einbezogen worden, ob der vom Land zu zahlende Preis fair sei: „Nicht alles wurde noch einmal spezifisch angefasst.“

          Ohnehin mussten die Bankmitarbeiter unter Hochdruck, rund um die Uhr arbeiten, stellte Tschöke klar. Am Samstagnachmittag, am 27. November 2010, sei er telefonisch informiert worden, dass Baden-Württemberg das ENBW-Aktienpaket vom französischen Stromkonzern EDF kaufen wolle. „Zielsetzung aller Parteien“ sei es gewesen, acht Tage später, am 6. Dezember, fertig zu sein.

          Sehr schnell, sehr vertraulich, digital - das seien die Bedingungen gewesen, berichtete Tschöke über den Inhalt des ersten Telefonats. Der EDF-Konzern habe nicht riskieren wollen, dass es Gerüchte über das Engagement im größten Auslandsmarkt gebe. Je länger aber verhandelt würde, desto größer die Gefahr, dass etwas über das Rückzugsbemühen durchsickere, so die Logik. Der Zeitdruck, so wurde in der Befragung Tschökes deutlich, hatte noch einen anderen Grund: „EDF hatte großes Interesse, im Jahresabschluss 2010 einen Sondereffekt auszuweisen.“ Daher sei der Preis von 39,90 Euro als Ausgangspunkt für die Fairness Opinion (Wertprüfung) gewählt worden, so Tschöke - denn zu diesem Preis seien die ENBW-Aktien bei EDF zu Buche gestanden. „Es ergab sich, dass der Wert nicht unplausibel war als Startpunkt für die Bewertung“, so Tschöke. Bezahlt wurden letztlich 41,50 Euro - da die EDF zum Buchwert noch die Dividende für das Jahr 2010 beanspruchte.

          Irgendeine Befangenheit habe es in dem Verfahren nicht gegeben, betonte Tschöke auch auf mehrfache Nachfragen von Ausschussmitgliedern, vor allem nach der Rolle des französischen Morgan-Stanley-Statthalters René Proglio, dessen Zwillingsbruder Henri Proglio den EDF-Konzern führt. „Jeder Mitarbeiter unterschreibt, dass er dem Kodex genügt.“ Deswegen habe Morgan Stanley als Organisation nicht gegen diese Ehrenregeln verstoßen, sagte Tschöke, und erläuterte die Rolle des französischen Kollegen: „René Proglio war extrem wichtig und hilfreich als jemand, der Zugang zum wichtigsten Entscheider hatte. Das hat aber nie dazu geführt, dass es an der Beratungsleistung für das Land Baden-Württemberg irgendwo Abstriche gegeben hätte.“

          Weitere Themen

          DNA-Chips und Europa ohne Croissants Video-Seite öffnen

          Digitalkonferenz DLD : DNA-Chips und Europa ohne Croissants

          Das F.A.Z.-Digitec-Podcast-Team auf der Digitalkonferenz DLD in München: Alexander Armbruster und Carsten Knop sprechen über die Möglichkeiten von Quantencomputern, die Grenzen von Moore‘s Law - und warum es irgendwann DNA-Chips geben muss.

          Aufspalten ist nicht die Lösung

          Facebook-Manager : Aufspalten ist nicht die Lösung

          Der größte Nachteil für europäische Tech-Unternehmen im Vergleich zu ihren Wettbewerbern in China und Amerika ist der fehlende riesige Binnenmarkt. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          In der Facebook-Zentrale in in Menlo Park, Kalifornien

          Facebook-Manager : Aufspalten ist nicht die Lösung

          Der größte Nachteil für europäische Tech-Unternehmen im Vergleich zu ihren Wettbewerbern in China und Amerika ist der fehlende riesige Binnenmarkt. Ein Gastbeitrag.

          Bundesliga im Liveticker : Bayern kommt einfach nicht durch

          Auch nach der Halbzeit mühen sich die Münchener in der Offensive. Doch die zündende Idee ist noch nicht vorhanden. Wie lange kann die Hertha dieses Tempo noch mitgehen? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Französische Vorstädte : Straßenkampf in der Banlieue

          In den französischen Vorstädten kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Die Staatsgewalt fühlt sich nicht respektiert und schlecht ausgestattet. Unterwegs mit Einsatzkräften nordwestlich von Paris.

          EM-Schock für Handball-Team : Brutale Schlusspointe

          Dass beim Handball in 15 Minuten mehr passieren kann als in anderen Sportarten in drei Spielen, bekommen die Deutschen bei der EM gegen Kroatien bitter zu spüren. Am Ende gibt es einen verhängnisvollen Spannungsabfall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.