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ENBW-Pilotprojekt : Gefährden Elektroautos das Stromnetz?

So ähnlich soll das in Ostfildern bald auch aussehen. Bild: dpa

Was passiert, wenn alle nach Feierabend ihr Auto ans Netz hängen und den Akku aufladen? Das prüft Energieversorger ENBW gerade in einem einmaligen Feldversuch.

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          Die Häuser stehen dicht gedrängt in der Belchenstraße in Ostfildern südlich von Stuttgart. Manche sind Reihenhäuser, so schmal, dass neben der Familienkutsche kaum Platz für den Durchgang zur Haustür ist. Dann kommen ein paar Veilchen, ein kleiner Fliederstrauch und schon das nächste Gebäude. Selbst die großen Häuser mit Garagen für zwei Autos und mehr stehen dicht an dicht und bieten keinen Durchblick raus auf die Felder, die gleich hinter den Grundstücken anfangen. Wer sich hier in dieser Sackgasse aufhält, wird entdeckt, beobachtet, aber durchaus mit einem freundlichen „Grüß Gott“ gegrüßt.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Menschen in der Belchenstraße werden sich daran gewöhnen müssen, dass öfter mal ein Fremder auftaucht, getrieben von Neugier. Denn die kleine unauffällige Siedlung wird zu einem in ganz Deutschland einmaligen Testfeld für Elektromobilität. Hier, wo alles so ist, wie man sich die schwäbische Wohlstandsidylle vorstellt, geht jetzt die Zukunft mit Elektroautos los. Von Mai an stehen in der Belchenstraße nagelneue Fahrzeuge, vom BMW i3 bis zum Tesla. Sie werden zusätzlich um den ohnehin schon knappen Parkraum in der Sackgasse kämpfen. Und um den Strom.

          Zehn Familien machen mit

          Denn was passiert, wenn alle nach Feierabend ihr Auto ans Netz hängen und den Akku aufladen? So lautet eine der drängenden Fragen in der Diskussion um die Tücken der Elektromobilität. Denn die Ära der fahrenden Stromer bringt nicht nur Gutes, sondern auch Gefahren mit sich. „Die Belastung des Stromnetzes durch viele gleichzeitige Ladevorgänge von Elektrofahrzeugen stellt die Netzstabilität vor neue Herausforderungen“, sagt Selma Lossau, Projektleiterin beim baden-württembergischen Energieversorger ENBW. Fachleute wissen: Das Netz ist nur dann stabil, wenn dieselbe Menge an Strom eingespeist wie entnommen wird. Deshalb kommen die Anbieter nicht daran vorbei, sich auf eine künftig möglicherweise veränderte Nachfrage vorzubereiten, Bedarfsspitzen zu prognostizieren und gezielt auszugleichen.

          Der ENBW-Konzern und seine Tochtergesellschaft Netze BW AG verlassen mit einem Test nun das Stadium des Theoretisierens. Sie probieren aus, was passiert, wenn viele Nachbarn an einem einzigen Netz hängen. Dazu stellt das Unternehmen zehn Familien im Ortsrand von Ostfildern rund ein halbes Jahr lang zehn Elektroautos zur Verfügung. „Sechs Monate lang leben die Menschen dort die Mobilität von morgen“, schwärmt die Marketingabteilung des Energieversorgers – und nennt die Belchenstraße stolz die „E-Mobility-Allee“. Mit dem Pilotprojekt will man „einen Blick in die Zukunft“ werfen und einige Fragen klären. „Ziel ist es, das Verhalten verschiedener E-Autofahrer besser kennenzulernen und die konkreten Auswirkungen auf das Stromnetz zu untersuchen“, sagt Projektleiterin Lossau. Was passiert, wenn alle Bewohner der „E-Mobility-Allee“, die über denselben Stromkreis versorgt wird, zum selben Zeitpunkt ihr E-Auto aufladen? Kann durch den Einsatz von Batteriespeichern die Netzstabilität verbessert werden? Lässt sich das Ladeverhalten kunden- und zugleich netzfreundlich steuern?

          Verteilnetz ist nicht auf Elektroautos ausgerichtet

          Die Belchenstraße wurde mit Bedacht ausgewählt. Sie sei ein typisches Wohngebiet mit Eigenheimen im Ballungsraum, sagt Lossau. Hier wohnen Vielfahrer und Gelegenheitsfahrer, Familien mit kleinen Kindern und Rentner. Der Energiekonzern stellt den Testteilnehmern neben den Fahrzeugen auch eine sogenannte Wallbox zur Verfügung. Mit ihr lassen sich die Fahrzeuge sehr schnell aufladen – mit einer möglichen Ladeleistung von bis zu 22 Kilowatt.

          Das ist im Vergleich zum durchschnittlichen Strombedarf eines Haushaltes sehr viel. Und es belastet das Netz überdurchschnittlich, wenn alle zur selben Zeit einige Stunden darauf zurückgreifen. Denn das Verteilnetz ist auf Haushaltsgeräte ausgerichtet, die viel weniger Strom saugen. Ein einzelnes Auto sei problemlos, heißt es von ENBW. Als gefährlich gelten jedoch die Bedarfsspitzen. Sie können auftreten, wenn viele Menschen nach Feierabend nach Hause kommen und ihr Elektroauto auftanken.

          Das Ziel: sechs Millionen Elektroautos in 2030

          Vor Ort hat man jedoch keine Sorgen, dass deswegen der Strom ausfällt. Vielmehr herrscht Vorfreude auf das Experiment. „Voll cool ist das“, sagt die 19 Jahre alte Sandra K., noch bevor sie ihren Motorradhelm ausgezogen hat: „Das ist so toll, dass ich es kaum glauben konnte.“ Mit dem Gratis-Elektroauto will sie unter anderem zur Universität fahren. Allerdings steht sie da in Konkurrenz mit ihrer Mutter: „In Stuttgart darf man damit kostenlos parken“, gibt diese zu bedenken. Das ist ein Wort, schließlich sind die Parkhäuser in der Landeshauptstadt teuer.

          Da ist die Nachbarschaft schon ein bisschen neidisch. „Ich hätte auch gern mal ein Elektroauto zum Probefahren“, sagt eine junge Frau, die mit dem Kinderwagen zum Spielplatz gekommen ist. Aber na ja, es geht auch ohne. Und einen Nachteil hätten die Teilnehmer an dem Test doch: „Da muss man tausend Formulare ausfüllen.“ Die Formulare müssen sein, weil schließlich alles geregelt sein muss: was erlaubt ist, wer bezahlt, die Einrichtung der teuren Schnellladestellen und die eigenen Stromzähler. Am Ende wird alles wieder abgebaut, verspricht der Stromkonzern.

          Und dann wird in der Belchenstraße wieder alles so sein wie zuvor. Oder doch nicht? Vielleicht sind manche dann angefixt von der Sache mit dem Elektroauto. Familie K. zum Beispiel hatte schon lang darüber diskutiert, ob man den alten VW-Bus nicht abschaffen solle. Ein Diesel. Der hat einen schlechten Stand, seit in Stuttgart, also quasi vor der Haustür, über Fahrverbote nachgedacht wird.

          Und außerdem: In Deutschland dürften bereits in wenigen Jahren E-Autos zum Alltag gehören. Mit dem stetigen Ausbau der Netzinfrastruktur treibe man die Alltagstauglichkeit der Elektromobilität voran, betont der Energieversorger ENBW. Bis 2025 seien hierfür allein im Ländle zusätzliche Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro geplant. Auf dass das politische Ziel erreicht wird, schon 2030 sechs Millionen Stromer auf den Straßen hierzulande fahren zu lassen. Zumindest können dann die Bewohner der Belchenstraße in Ostfildern sagen: Ein ganz klein wenig haben auch wir zum Erfolg beigetragen.

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