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Kommentar : Lernt nicht nur Mathe, lernt Empathie!

Die 1,0 ist eine Traumnote. Aber das Urteil über den Numerus Clausus für Medizin zeigt: Es kommt auch auf anderes an.

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          Gute Noten sind nicht alles. Dieser zur Lebensweisheit gereifte Satz wird in Schulzeiten häufig bemüht, wenn es darum geht, sich oder andere über einen Fehlgriff in Mathematik, Erdkunde oder Chemie hinwegzutrösten. Freunde, Familie, eine robuste Gesundheit – was fällt einem nicht alles ein, was in diesen Momenten einen höheren Stellenwert bekommt. Niederlagen formen den Charakter.

          Nun hat das Bundesverfassungsgericht diese Lebensweisheit in ein Grundsatzurteil zum Medizinstudium gegossen, zumindest sinngemäß. Nicht als Trost, sondern zur Relativierung. Es lohnt sich, ein paar Gedanken darauf zu verwenden – auch ganz unabhängig vom Medizinstudium.

          Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist eine absurde und zudem ziemlich unbefriedigende Situation: Die Entscheidung, wer sich in Deutschland zum Arzt ausbilden lassen darf, fällt in rund 80 Prozent der Fälle über die Abiturnote. Das allein wäre womöglich nicht der Rede wert, wenn sich die Bestenauslese nicht in schwindelerregender Höhe abspielen würde, die zumindest früher als nahezu unerreichbar galt. Der Numerus Clausus für Medizin liegt derzeit bei 1,0.

          1,0 – das sagt sich so leicht und bezeichnet streng genommen doch eine absolute Ausnahmeleistung. Es bedeutet, dass man gleichsam in Mathe und Biologie Spitzenleistungen erbringt, auch im Sport nicht schwächelt und in Kunst und Musik spitzenmäßig ist. All diese Talente in einer Person vereint – das kann natürlich schon mal vorkommen. Im Medizinstudium ist das jedoch Grundvoraussetzung. Doch die entscheidende Frage lautet: Garantiert diese Universalbegabung schon, dass Abiturienten im Alter von 18 oder 19 Jahren irgendwann einmal gute Ärzte werden? Oder – wenn man die Frage auf andere Fachbereiche erweitert – brillante Ingenieure, lebenskluge Richter oder einfühlsame Psychiater?

          Gute Noten sind nicht alles

          Das Bundesverfassungsgericht hat darauf jetzt auf einhundert Seiten Urteilsbegründung eine gesellschaftspolitisch wichtige Antwort gegeben: Die Abiturnote ist ein wichtiger Indikator – keine Frage, allen Zweifeln zum Trotz. Und Zweifel daran gibt es einige: Die regionalen Unterschiede halten sich schon seit Jahrzehnten hartnäckig. Noch immer liegt zwischen Thüringen und Niedersachsen ein schlecht zu begründender Unterschied von durchschnittlich mehr als einer halben Abiturnote. Hinzu kommt eine „Noteninflation“, die vielen Beobachtern nur Kopfschütteln entlockt: Wo kommen ganz plötzlich die vielen Traumabschlüsse mit 1,0 her, die viele Abiturienten Jahre zuvor niemals erreichen konnten?

          Das alles weckt Zweifel und führt die Bundesverfassungsrichter, allesamt ihrerseits Ausnahmetalente, nur zu einem sinnvollen Schluss: Die Noten allein sind nicht alles. Der Beruf des Mediziners – und nicht nur der – erfordert auch ein besonderes Maß an anderen Qualitäten, die nicht über die Abiturnote abgefragt werden: Empathie und kommunikative Fähigkeiten. Ob all dies schon zum Zeitpunkt der „Reifeprüfung“ vorliegt, muss auf ganz anderem Wege abgefragt werden. Wie dieser aussehen kann, darüber schweigen sich die Verfassungsrichter wohlweislich aus. Er erfordert eine intensive Diskussion, die sich lohnt.

          Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sich Empathie nicht erlernen lässt. Sie lässt sich ebenso trainieren wie kommunikative Kompetenzen, je früher, desto besser. Beides ist schon jetzt Teil des Bildungspakets und sollte das auch in Zukunft in immer stärkerem Maße sein. Doch was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, stößt auf viel Widerstand – gerade bei bildungsaffinen Eltern, die es gerne sehen, wenn sich die Leistung ihrer Kinder an objektiven Maßstäben messen lässt. „Softskills auf dem Lernplan erwecken Argwohn.“ Das jedoch ist der falsche Ansatz. Das Grundsatzurteil der Verfassungsrichter ist ein guter Anlass, dies geradezurücken. Gute Noten sind tatsächlich nicht alles.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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