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Kommentar : Mit Bill Gates für den Klimaschutz

  • -Aktualisiert am

Bill Gates (links), Richard Branson (rechts) und der UN-Sondergesandte für den Klimawandel, Michael Bloomberg, am Dienstag in Paris Bild: AP

Frankreichs Präsident Macron sonnt sich auf dem Klimagipfel in Paris mit Prominenten aus Showbiz und Konzernen. Sie müssen ihren Anteil zum klimafreundlichen Umbau der Weltwirtschaft leisten – und können gleichzeitig daran verdienen.

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          Womöglich ist die Annahme, die Menschheit könnte den von ihr ausgelösten Klimawandel noch stoppen, Hybris. Zumindest ist das auf internationalen Konferenzen gepredigte und von kleinen und großen Initiativen verfolgte Ziel sehr visionär. Den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, die Gesellschaft binnen dreier Jahrzehnte in Richtung „Null-Emissionswirtschaft“ umzusteuern – das klingt so verwegen wie die Parole des Klimavertrags von Paris: „Shifting the Trillions“. Billionen sollen statt in Kohle und Öl in eine nachhaltig „grüne“ Wirtschaft gelenkt werden. Wer in der internationalen Politik könnte solche Ansprüche verkörpern wenn nicht Emmanuel Macron?

          Frankreichs junger Präsident hat zum zweiten Jahrestag der Einigung auf den Klimavertrag von Paris an diesem Dienstag zu einem Gipfeltreffen in die französische Hauptstadt geladen. Formell beschlossen wird dort nichts, viel zu feiern gibt es auch nicht. Denn die „Übereinkunft von Paris“ ist bislang folgenlos geblieben. Konkrete und wirksame Verabredungen zu treffen ist schwieriger, als Deklarationen in die Welt zu setzen.

          Angst der kleinen Staaten

          Macron will das ändern. Natürlich sonnt er sich gern im Glanz einiger Dutzend Staats- und Regierungschefs – zwar ohne Bundeskanzlerin Angela Merkel, dafür aber mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres. Mit dem aus Washington angereisten Ko-Veranstalter Weltbank-Präsident Jin Yong Kim zeigt Macron, dass Präsident Donald Trump den internationalen Klimazug nicht aufhält. Dass darüber und über die Prominenz aus Showbiz und Konzernen berichtet wird, ist kalkuliert. Solche Treffen samt ihrer Appelle sollen die Klimabewegten bei Laune halten und den Blockierern des politischen Prozesses zeigen, dass die Abkehr von einer Wirtschaft, die auf das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas setzt, ernst gemeint ist.

          Da ist es nur folgerichtig, wenn Macrons Gipfel die Wirtschaft ins Visier nimmt. Geld spielt in der Klimapolitik eine wichtige Rolle. Arme Länder verlangen mit einigem Recht Unterstützung für den Aufbau einer CO2-freien Energieerzeugung und Hilfen für die Anpassung an steigende Meeresspiegel, gewaltigere Stürme, heftigere Regenfälle und längere Dürren. Deshalb ist ihre latente Befürchtung nachvollziehbar, der „Westen“ knausere bei den zugesagten Finanzhilfen. Das Pariser Treffen soll helfen, diese Sorge zu zerstreuen.

          Doch Hilfen im Sinne staatlicher Zuschüsse sind in dem Fall eine falsche, weil untergeordnete Kategorie. Die Weltbank, der „Grüne Klimafonds“ und staatliche Kreditinstitute wie die KfW vergeben Kredite für „grüne“ Investments und bauen Märkte für Umweltanleihen auf. Die Parole „Shifting the Trillions“ nimmt die internationale Finanzindustrie und die Konzerne ins Visier – und in die Pflicht. Sie sollen den wesentlichen Teil jener 100 Milliarden Dollar aufbringen, die von 2020 an jedes Jahr mindestens in den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel investiert werden sollen.

          Warnung vor großen Investitionen

          Ein weitaus größerer Schub in CO2-arme Investments könnte jedoch von den vielen professionellen Investoren und den Kleinsparern ausgehen, die Geld gewinnbringend anlegen wollen. Um das zu tun, müssen sie die Chancen und Risiken ihrer Anlage einschätzen können. Allerdings erheben viele Unternehmen die mit dem Klimawandel einhergehenden Risiken bisher noch gar nicht. Wer denkt, diese beträfen nur Öl- oder Bergbaukonzerne, der denkt zu kurz. Wie anfällig auch weltweite Lieferketten von Unternehmen sein können, die nicht direkt mit Kohle, Öl oder Gas handeln, haben Überschwemmungen in Thailand gezeigt. Umfassendere Klima-Risikoerfassung und Klima-Risikoberichte wären deshalb ein Anfang. Nur in fünf von 49 Staaten informiert die Mehrheit großer Konzerne bereits über die möglichen finanziellen Folgen des Klimawandels auf ihr Geschäft, wie unlängst eine KMPG-Untersuchung ergab. Deutschland gehört nicht dazu, Macrons Frankreich und Trumps Amerika schon.

          Manager großer deutscher Publikumsfondsgesellschaften wundern sich, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen viele Risiken prüft, klimarelevante aber nicht. Womöglich bedürfte es in einer Welt, in der solche Risiken offengelegt würden, gar keiner Verbote an Banken, Kohlekraftwerke zu finanzieren. Das Aufdecken impliziter Risiken ließ die Prämie der Investoren so stark steigen, dass solche Projekt unrentabel würden. Offenbar werden bisher manche Kosten nicht richtig oder nur zum Teil in den Preisen berücksichtigt. Nicht zufällig haben die Bank von England und die Bundesbank vor großen Gefahren durch „verlorene Investitionen“ gewarnt, die der Klimawandel auch für Börsen und Kapitalmärkte berge.

          Wer Markt und Wirtschaft für den Klimaschutz einspannen will, wie die Bundesregierung das zu tun vorgibt, der muss also für Transparenz sorgen – auch wenn das zu mehr Bürokratie führt. Selbst vermeintlich kleine Kunden haben es dann in der Hand, „grüne“ Strategien zu verfolgen. Sie könnten ihren Anteil zum klimapolitisch notwendigen Umbau der Weltwirtschaft leisten – und daran auch noch verdienen.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

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