https://www.faz.net/-gqe-8wla0

Präsidentschaftskandidat : Wo sind Macrons Millionen hin?

Emmanuel Macron Bild: AFP

Frankreichs Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron beantwortet nicht alle Fragen zu seinen Finanzen. Trotzdem hält er sich in den Umfragen auf einem aussichtsreichen Platz. Wie passt das zusammen?

          Hey, big spender“ sang Shirley Bassey in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und meinte damit einen „man of distinction“ – einen attraktiven vornehmen Mann, der auf großem Fuße lebte. Emmanuel Macron war damals noch gar nicht geboren, doch einige Jahrzehnte später sollte er ein Leben führen, das durchaus in dieses Schema passte. Er war Anfang 30 und ein erfolgreicher Investmentbanker. Umgeben von Leuten, die Millionen verdienten, geizte auch er nicht mit Ausgaben. Sein Verhältnis zum Geld war „unkompliziert“, wie er einmal sagte. „Ich kannte diese Leichtigkeit, doch ich bin nicht abhängig davon. Ich habe dieses Leben hinter mir gelassen, indem ich in den öffentlichen Dienst zurückkehrte“, sagt er der Tageszeitung „Le Monde“.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Zeit von damals holt Macron jetzt aber immer wieder ein. Die Gegner des aktuellen Umfragefavoriten bei den französischen Präsidentenwahlen suchen nach wunden Stellen in seinem Lebenslauf. Er muss zeitweise mehr als 1000 Euro am Tag ausgegeben haben, lautet einer der Vorwürfe, und der Front National schiebt nach, dass die Summe ungefähr dem staatlichen Mindestlohn während eines Monats entspreche. Die ausgesprochene Botschaft ist klar: Wie kann man solch einem Mann die öffentlichen Finanzen anvertrauen? „Hey, big spender“ – unter diesem Titel hatte der „Economist“ die französische Finanzpolitik schon 2012 beschrieben.

          „Wenn man Geld verdient, bezahlt man viel Steuern“

          Macron wehrt sich, so gut er kann. Dass er 1000 Euro am Tag ausgegeben habe, streitet er ab. „Wenn man Geld verdient, bezahlt man viel Steuern, und wenn man Selbständiger ist, dann bezahlt man auch hohe Sozialausgaben.“ In zwei seiner vier Jahre bei der Investmentbank Rothschild war er Partner und damit eine Art Miteigentümer. Ja, er habe eine Weile viel Geld verbraucht, räumt der 39 Jahre alte Politiker ein. Doch er schäme sich für sein damaliges Einkommen nicht, sei sogar stolz darauf, weil er hart gearbeitet habe. Süchtig nach dem schnöden Mammon sei er nicht. „Wenn ich von Geld abhängig wäre, hätte ich mich 2012 nicht entschieden, stellvertretender Generalsekretär des Elysée-Palastes zu werden und damit mein Einkommen um den Faktor 10 oder 15 zu verringern“, sagt Macron.

          Doch die Fragen reißen nicht ab, zumal der Wahlkampf vor dem ersten Urnengang am 23. April merklich an Hitze gewinnt. Kann es sein, dass Macron als einziger der aussichtsreichen Kandidaten nicht in Affären verstrickt ist?, wollen viele Franzosen wissen. Denn die politische Kaste hat im Rekordtempo an Vertrauen verloren. Im Lager von François Fillon fordern die Politiker die Journalisten offen auf, auch bei Macron „zu graben“.

          Wo bleiben die Enthüllungen?

          Die Satirezeitschrift „Le Canard Enchaîné“, Frankreichs Enthüllungsorgan Nummer eins, muss sich schon rechtfertigen, denn sie hat die schiefen Finanzströme von Fillon als Erste beschrieben: „Was ist das für eine seltsame Logik – wenn man bei einem Kandidaten etwas findet, muss auch beim anderen zwangsläufig etwas faul sein. Die Politiker sind ja nicht unbedingt alle Banditen. Wir machen unsere Arbeit ohne Vorbehalte. Wenn wir nichts finden, werden wir nichts erfinden“, sagt Louis-Marie Horeau, einer der beiden Chefredakteure, der F.A.Z.

          Macrons Vermögenserklärung ist indes kein Inbegriff an Transparenz und Stimmigkeit. Gegenüber der Hohen Behörde für die Transparenz des öffentlichen Lebens (HAVT) gab er an, dass er zwischen 2009 und 2014 3,3 Millionen Euro verdiente, davon 2,8 Millionen Euro bei Rothschild. Bei der jüngsten Aufstellung Anfang dieses Jahres, die für alle Kandidaten öffentlich im Internet präsentiert wird, gab Macron aber lediglich ein Nettovermögen von rund 200.000 Euro an, das sich aus einem Bruttovermögen von 1,2 Millionen Euro und Krediten von einer Million Euro zusammensetzt. Wo ist all das Geld hin?, wollte eine Lobbygruppe zur Korruptionsbekämpfung wissen und beauftragte die HAVT mit einer neuen Prüfung. Schließlich weise selbst die Kandidatin der kommunistischen Splitterpartei Lutte Ouvrière, Nathalie Arthaud, ein höheres Vermögen aus als der frühere Investmentbanker.

          Die Behörde fand nichts zu beanstanden

          Doch die französische Behörde fand auch nach näherem Hinsehen nichts zu beanstanden, wie sie wenige Tage später berichtete. Macron selbst und seine Mitarbeiter lieferten zudem einige Erklärungs-Bruchstücke: Neben den hohen Steuern und Sozialabgaben, die er übrigens senken will, habe er eine halbe Million Euro in Renovierungsarbeiten des Landhauses investiert, das er mit seiner Frau in Touquet besitzt. Weitere 250.000 Euro steckten sie in ein Appartement in Paris, das sie inzwischen verkauften – offenbar ohne dabei einen Gewinn zu erzielen. Macron gab sogar an, dass sein Gehalt im ersten Jahr als Vize-Generalsekretär des Elysée-Palastes nicht ausreichte, um die für das Vorjahr berechneten Steuern zu bezahlen.

          So bleibt an dem Blitzaufsteiger der französischen Politik weiter nichts Skandalöses hängen. Nach den jüngsten Umfragen liegt er für den ersten Wahlgang knapp hinter der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen, in der Stichwahl aber uneinholbar vor ihr. Da kann er es sich auch leisten, nicht alle Details seiner persönlichen Finanzen zu enthüllen. „Ich werde bis zum Ende gegen die Politik des permanenten Verdachts und des Voyeurismus kämpfen“, sagt er.

          Weitere Themen

          Erneute Warnstreiks bei der Bahn Video-Seite öffnen

          EVG kündigt Streiks an : Erneute Warnstreiks bei der Bahn

          Bahn-Reisende müssen sich auf Streiks in der Vorweihnachtszeit einstellen. Die EVG erklärte die laufenden Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn für gescheitert. Bereits in den nächsten Tagen ist mit erheblichen Zugausfällen zu rechnen.

          Starke Kritik an Vereinigten Staaten Video-Seite öffnen

          Nach Huawei-Festnahme : Starke Kritik an Vereinigten Staaten

          Am Tag des Treffens zwischen Trump und Jinping ist die Tochter des Huawei-Gründers festgenommen worden. Die „Global Times“ wirft den Vereinigten Staaten vor, auf „einen verabscheuungswürdigen Schurkenansatz“ zurückzugreifen, da sie Huaweis 5G-Marktvorstoß nicht aufhalten könnten.

          Topmeldungen

          Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

          Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.