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Elinor Ostrom : Die Tragik der Allmende

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Elinor Ostrom. Bild: dpa

Elionor Ostrom untersucht lieber konkrete Institutionen, als abstrakte ökonomische Modelle. Mit ihrer Forschung zeigt sie am Beispiel der Schweizer Almbauern oder des Wassersystems von Nepal, wie sich die Nutzer von Gemeinschaftsgütern selbst Regeln setzen. Staatseingriffe sind nicht zwingend nötig.

          Die Ehrung von Elinor Ostrom mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zeigt, dass das Nobelkomitee nach wie vor bereit ist, den Preis an Forscher zu verleihen, die im klassischen Sinne Politische Ökonomen sind. Ostrom steht in der im Werk von Adam Smith wurzelnden institutionen-ökonomischen Tradition, der auch die Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek und James Buchanan zuzurechnen sind. Wie Buchanan, mit dem sie auch persönlich gut bekannt ist, hatte Ostrom den Vorsitz der Public Choice Society inne. Wie dieser interessiert sie sich für jene grundlegenden Fragen, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmäßig unter der Rubrik „Die Ordnung der Wirtschaft" behandelt werden.

          Dabei forscht Ostrom vor allem über die Problematik von Kollektivgütern, auch Allmende genannt. Diese unterscheiden sich von den reinen öffentlichen Gütern wie etwa „Wissen“. Dazu ein Beispiel: Dem Radioempfang von Herrn Meyer tut es keinen Abbruch, wenn auch Herr Müller dasselbe Programm einschaltet. Es besteht „keine Rivalität im Konsum“ solcher reiner öffentlicher Güter. Wenn hingegen Meyer einen Fisch aus dem Ozean angelt, kann Müller nicht den gleichen Fisch an Land ziehen. Der Konsum der Ressource durch Herrn Meyer „rivalisiert“ mit dem von Herrn Müller. Es handelt sich um ein Allmendegut.

          Jenseits des Elfenbeinturms

          Die werbefreie Bereitstellung von Radioprogrammen leidet ebenso wie der Schutz der Fischbestände vor Übernutzung darunter, dass es schwer ist, Konsumenten vom Zugang zu diesen Gütern auszuschließen. Insbesondere im Umweltbereich droht die sogenannte „Tragik der Allmende“ - eine Übernutzung der Ressource durch die vielen Einzelnen, die sich Zugang verschaffen können. Es kommt beispielsweise zu einer Überfischung von Seen und Meeren. Oder gemeinschaftlich genutzte Weideflächen werden zu stark abgegrast. Die übliche Kombination aus demokratischer Verwaltungsfreude und obrigkeitsstaatlichem Denken, die auch Ökonomen angesichts dieser Situation häufig vorschnell nach dem zentralen Staatseingriff rufen lässt, liegt Elinor Ostrom allerdings fern. Durch sorgfältiges Studium zunächst realer gesellschaftlicher Institutionen und später durch Experimente im Labor (oft gemeinsam mit dem bedeutenden Experimentalökonomen James Walker) konnte sie Bedingungen herausarbeiten, unter denen „spontane“ gesellschaftliche Lösungen für Allmendeprobleme gefunden werden können.

          In ihrem Buch „Governing the Commons“ von 1990 (deutsch: „Die Verfassung der Allmende“) beschreibt Ostrom beispielsweise, wie Schweizer Almbauern durch nichtstaatliche Institutionen ihre Almwiesen vor Überweidung schützen. Sie vereinbaren Nutzungsregeln und wählen einen diese überwachenden „Gewalthaber“, der aber gerade keine staatliche Gewalt hat, sondern von den Betroffenen selbst eingesetzt wird. Analoge Beispiele aus Japan zeigen, dass Menschen auf ähnliche Probleme erfolgreich mit strukturell ähnlichen, wenn auch im Detail unterschiedlichen Regeln reagieren.

          Ostrom sollte als Frau nicht zum Ökonomiestudium zugelassen werden

          Ganz im Sinne des Subsidiaritätsprinzips plädiert Ostrom dafür, nachhaltige Lösungen im Umgang mit Ressourcen eher von den Bürgern selbst als vom Staat zu erwarten. Von ihren frühen Arbeiten zur Wasserbewirtschaftung im Los-Angeles-Becken bis zu ihren jüngsten Untersuchungen zu Bewässerungseinrichtungen in Nepal hat Elinor Ostrom stets und in Abgrenzung zur teilweise verheerenden staatlichen (Entwicklungs-)Politik die Notwendigkeit betont, die lokalen Gegebenheiten und Institutionen zu respektieren. Wenn sie beispielsweise über die Möglichkeiten spricht, die unkluge Abholzung von Wäldern zu verhindern, dann greift sie zwar auf allgemeine Erkenntnisse etwa spieltheoretischer Art zurück, doch darf man darauf vertrauen, dass sie stets auch selbst vor Ort war. Elfenbeinturmwissenschaft und dogmatisches Theoretisieren sind ihre Sache nicht.

          Als „Energiebündel“ nimmt sie es auch jenseits der 75 Jahre mühelos mit denen auf, die nur halb so alt wie sie sind. Zugleich tritt sie gerade auch jüngeren Kollegen und Studenten aufgeschlossen, freundlich und bemerkenswert uneitel gegenüber. Dieser Zug wird sich auch nach der Ehrung mit dem Nobelpreis ebenso wenig verlieren wie ihre bis heute ungebrochene Bewunderung für das Werk ihres Mannes Vincent, der als bedeutender Theoretiker des amerikanischen Föderalismus wie sie klassischem liberalem Gedankengut zuneigt. Ostroms Beziehungen zu deutschen Forschern sind vielfältig. Seit 1987/1988, als sie an einem einjährigen Forschungsprojekt „Spieltheorie in den Verhaltenswissenschaften“ in Bielefeld teilnahm, verbindet sie eine dauerhafte Freundschaft mit Reinhard Selten, dem bislang einzigen deutschen Nobelpreisträger der Ökonomik, dessen Einfluss auf ihr eigenes Denken sie stets betont hat. Zudem steht sie mit Werner Güth vom Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und mit Viktor Vanberg vom Walter-Eucken-Institut in Freiburg in Verbindung. In diesem Jahr erhielt sie den Reimar-Lüst-Preis der Alexander von Humboldt-Stiftung und hielt die einwöchigen Wittgenstein-Vorlesungen an der Universität Bayreuth. Als Politikwissenschaftlerin, die man einst nicht zum Ökonomiestudium zulassen wollte, weil dies für Frauen ungeeignet sei, hat Elinor Ostrom es weit gebracht.

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