https://www.faz.net/-gqe-11lqv

Elektronisch bezahlen : Das Bargeld verabschiedet sich

  • -Aktualisiert am

Bild: Tim Möller-Kaya

Bargeldlos bezahlen wird immer bequemer. Mit dem Handy das Parkticket lösen und mit dem Fingerabdruck die Milch im Supermarkt kaufen: Das kann bald jeder. Doch die Angst der Deutschen vor dem Datenklau bleibt.

          Manchmal regiert der Fortschritt dort, wo man ihn am wenigsten vermutet. Zum Beispiel in der Bürgersaalkirche in der Münchener Fußgängerzone. Wer dort einen Obolus an den Herrn und seine Getreuen entrichten möchte, zieht seine Kreditkarte durch ein Lesegerät. Sogar eine Quittung gibt es.

          Mit ihrem digitalen Opferstock bewegen sich die Kirchenoberen auf der Höhe der Zeit. Das Bargeld dagegen muss um seinen Titel als der Deutschen liebstes Zahlungsmittel kämpfen. Denn der bargeldlose Alltag ist technisch möglich. Vor allem Banken, Kreditkartenkonzerne und Einzelhandel hoffen darauf. Für sie ist Bargeld ein nerviger Anachronismus. Es muss gedruckt, verteilt und bewacht werden - ein gigantisches Verlustgeschäft, das etwa ein halbes Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes verschlingt. Deshalb soll es weichen.

          „Die Deutschen sind extrem sicherheitsorientiert“

          Aber die Deutschen stehen treu zu Scheinen und Münzen. Bei zwei Dritteln aller Bezahlvorgänge raschelt und klimpert es in der Kasse. Nirgendwo in Europa liegt der Anteil höher. "Die Deutschen sind extrem sicherheitsorientiert", sagt Christoph Strauch von der Beratungsfirma Paysys. Kein Wunder. Jedes Jahr erschüttern Fälle von kopierten Kreditkarten, ausgetricksten EC-Lesegeräten oder verlorenen Kundendaten das Vertrauen der Verbraucher. Zuletzt verlor die Berliner Landesbank Ende Dezember die Daten von 130 000 Kreditkartenbesitzern. Dabei ist der eigentliche Bezahlvorgang mittlerweile ziemlich sicher. Aber die Verfahren erfordern, dass die jeweiligen Anbieter die Kundendaten zur endgültigen Verrechnung mit dem Girokonto sammeln. Damit erlangen Unternehmen sensible Daten, die sie nicht immer sorgfältig hüten.

          -- Bild für Bild: Mit dem Fingerabdruck bezahlen --

          Dennoch ist Bargeld nicht automatisch sicherer. Zum einen können Kunden, denen "Plastikgeld" abhandenkommt, viel eher mit einer Entschädigung rechnen, als wenn sie Bargeld verlieren. Denn die Anbieter zeigen sich - auch um Akzeptanz zu gewinnen - gegenüber Betrugsopfern kulant. Zum anderen haben die Anbieter sicherheitstechnisch Fortschritte gemacht. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen etwa empfiehlt bei Alltagsausgaben, bargeldfrei zu bezahlen. "Zwar gibt es einige Sicherheitsrisiken, die können jedoch durch aufmerksamen Umgang mit den eigenen Daten nahezu ausgeschaltet werden", heißt es. Dementsprechend bröckelt die Front gegen Kreditkarten und C0. Der Anteil bargeldloser Einkäufe steigt, wenn auch langsam. Für das Jahr 2010 immerhin prognostiziert der Deutsche Sparkassenverband, dass genauso viel Geld bar wie bargeldlos ausgegeben werde.

          Dass das nicht schneller geht, hat zwei Gründe: Die Etablierung eines neuen Zahlungsmittels ist komplex, und die Beteiligten stellen sich nicht unbedingt geschickt bei der Umsetzung an, weil es viele unterschiedliche Verfahren gibt.

          Viele Systeme sind gescheitert

          Komplex ist die Einführung neuer Bargeld-Konkurrenten, weil die Anforderungen hoch sind. Schnell, sicher und billig sind nur die Grundvoraussetzungen für ein Zahlungsmittel. Vor allem muss eine Lösung für das Henne-Ei-Problem her: Ohne eine große Zahl von Nutzern wird kein Händler ein alternatives Bezahlsystem anbieten. Ohne eine breite Streuung solcher Akzeptanzstellen wird aber auch kein Kunde ein neues System nutzen. Daran scheitern die meisten Systeme. Die Liste der Rohrkrepierer ist lang. "Ich bin enttäuscht von den Marktteilnehmern", sagt der Augsburger Professor und Bezahlexperte Key Pousttchi. "Ich hatte für 2008 mit dem Durchbruch gerechnet. Das war aber nicht so." Vor allem bemängelt er, dass nahezu jeder Beteiligte sein eigenes Süppchen kocht.

          Das hat eine schier unübersichtliche Angebotsvielfalt zur Folge - und das ist der zweite Grund, der die Ablösung des Bargelds erschwert: Mindestens 40 verschiedene bargeldlose Zahlsysteme rangeln in Deutschland um Kunden. Sie heißen Micro-Money, PayEx, E-Gold oder Webcent und sind oft nur bei einer überschaubaren Anzahl von Händlern einsetzbar. Die Folge: Wer wirklich bargeldlos leben möchte, muss sich bei einem Dutzend Anbietern registrieren. Fast genauso groß wie die Zahl der Anbieter ist die Zahl der verwendeten Techniken. Traditionelle Kreditkarten tummeln sich in dem Feld genauso wie E-Mail-Rechnungen, Handy-Systeme oder biometrische Verfahren. Manche Anbieter stellen nur gegen Vorkasse "Geld" zur Verfügung, andere rechnen im Nachhinein ab. Die Vorgänge können direkt über das Girokonto laufen oder über die Telefonrechnung. Kein Wunder, dass die meisten Kunden entnervt von so viel Vielfalt lieber zum Bargeld greifen.

          Das aber könnte sich bald ändern. Mit Mastercard, Visa, Telekom, Vodafone oder Metro drängen echte Schwergewichte mit ambitionierten Strategien in den Markt. Sie haben das Potential, mit ihrer Marktmacht das unübersichtliche Angebot der vielen Kleinanbieter zu straffen und damit kundenfreundlicher zu machen. Schon aus eigenem Interesse: Kunden, die statt eines Geldscheins ein relativ abstraktes Zahlungsmittel wählen, geben eher und mehr Geld aus, hat der amerikanische Psychologe Brian Knutson herausgefunden. Die Oberen in der Münchener Bürgersaalkirche wird's freuen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstranten gehen in Hongkong am Donnerstagabend abermals auf die Straße, um gegen die geplanten politischen Reformen zu protestieren.

          Proteste in Hongkong : Der rasante Verfall der Meinungsfreiheit

          China übt druckt auf jedes Unternehmen aus, das die Hongkonger Demonstranten unterstützt. Unter den Mitarbeitern der Fluglinie Cathay Pacific herrschen inzwischen Angst und Misstrauen.

          Fed-Präsident Jerome Powell : Trumps Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.