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Staatshilfe erwünscht : Mercedes will Batteriechampion werden

Auf dem Weg in die Elektromobilität: Vorstandsvorsitzender Ola Källenius zeigt einen neuen Mercedes-Benz. Bild: dpa

Batteriezellen betrachtete Mercedes-Benz lange als austauschbare Zuliefer-Ware. Doch jetzt steigt der Autohersteller groß in dieses Milliarden-Geschäft ein.

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          Den Schalter hat Mercedes im Juli umgelegt: Jetzt gelte die Devise „electric only“, kündigte Vorstandschef Ola Källenius da an. Damit es auch wirklich klappt mit dem schnellen Umstieg auf Elektromobilität, will sich der Stuttgarter Autohersteller künftig auch um die Batteriezellen selbst kümmern. „Mercedes-Benz baut europäischen Batterie-Champion mit globalen Ambitionen auf“, lautet die Überschrift einer Pressemitteilung, in der die Pläne ausgeführt werden. Demnach braucht Mercedes bis Ende des Jahrzehnts Kapazitäten von 200 Gigawattstunden und plant dafür, gemeinsam mit Partnern weltweit acht Zellfabriken zu errichten, davon vier in Europa.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Als Partner für das Vorhaben hat Mercedes den französischen Mineralölkonzern Total Energies sowie den Autokonzern Stellantis gewonnen, der unter seinem Dach Marken Opel, Peugeot und Citroen sowie Fiat und Chrysler vereint. Total und Stellantis hatten vor einem Jahr schon ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Namen Automotive Cells Company (ACC) gegründet, an dem sich Mercedes-Benz jetzt mit einem Drittel beteiligt. Entsprechend erhalte Mercedes auch zwei von insgesamt sechs Sitzen im Aufsichtsrat von ACC, heißt es in der Pressemitteilung.

          Zeitalter der Elektromobilität

          „Die Beteiligung ist ein Meilenstein auf dem Weg zur CO2-Neutralität“, sagt Daimler-Vorstandschef Ola Källenius. Durch die gemeinsame Produktion in Europa sichere man sich die nötigen Lieferungen, nutze Skaleneffekte und könne den eigenen Kunden überlegene Technologie bieten. „Außerdem leisten wir einen Beitrag dazu, dass Europa ein Zentrum der Automobilindustrie bleibt – auch im Zeitalter der Elektromobilität.“ Aktuell werden Batteriezellen für Elektroautos fast ausschließlich von asiatischen Unternehmen geliefert, was seit einigen Jahren als strategisches Risiko erkannt wurde. Volkswagen hat sich eine Beteiligung an dem jungen schwedischen Zellhersteller Northvolt gesichert, um die eigene Elektro-Offensive abzusichern. Erklärtes Ziel von ACC ist es, europäischer Marktführer für Batteriezellen und -module zu werden.

          Mehr als sieben Milliarden Euro werden in ACC investiert, um bis Ende des Jahrzehnts Kapazitäten von mindestens 120 Gigawattstunden in Europa zu erreichen. Während die Investition von Mercedes weniger als eine Milliarde Euro betragen soll, wird ein Teil des Geldes aus den Staatskassen kommen. So hat Opel erst Anfang September die Zusage von Bundeswirtschaftsminister Altmaier erhalten, dass der Umbau des bisherigen Motorenwerks im pfälzischen Kaiserslautern zu einer Batteriezellfabrik mit 437 Millionen Euro unterstützt werde. Vergleichbar dazu soll Frankreich den Bau einer Batteriezellfabrik im nordfranzösischen Douvrin subventionieren. Aus diesen beiden Fabriken soll Mercedes schon ab Mitte des Jahrzehnts Batteriezellen und -module erhalten. Weitere mögliche Standorte für Gigafactories werden noch gesucht.

          Die Batteriefertigung im Mercedes-Werk Untertürkheim entsteht auf einer rund 300 Meter langen Produktionslinie mit mehr als 70 Produktionsstationen.
          Die Batteriefertigung im Mercedes-Werk Untertürkheim entsteht auf einer rund 300 Meter langen Produktionslinie mit mehr als 70 Produktionsstationen. : Bild: Daimler AG

          Nach den Angaben will Mercedes die High-End-Zellentwicklung mit dem geplanten Pilotwerk in Stuttgart ergänzen. Ein Neuling ist der Stuttgarter Autohersteller in dem Geschäft nicht. Einen ersten Anlauf hatte Daimler zusammen mit Evonik im Jahr 2009 genommen und Batteriezellen für den Kleinstwagen Smart entwickelt. Die Aktivitäten wurden dann eingestellt mit dem Argument, Batteriezellen seien weitgehend austauschbare Standardteile, die man nicht selbst entwickeln müsse. Erst seit gut zwei Jahren ist wieder systematisch in das Batteriegeschäft investiert worden. In dem Joint-Venture ACC bringt zudem die Total-Tochtergesellschaft Saft mehr als hundert Jahre Erfahrung im Bereich langlebiger Batteriesysteme sowie Elektro- und Hybridantriebe ein.

          Eine konkrete Anforderung an alle Partner sei die CO2-neutrale Fertigung, weshalb vorrangig Strom aus erneuerbaren Energien für die Fertigung verwendet werden soll. Zudem würden kritische Materialien mit Hilfe neuer Technologien reduziert und ausschließlich Rohstoffe aus zertifiziertem Abbau genutzt. Für einen geschlossenen Rohstoffkreislauf sollen die Batteriezellen von ACC zu über 95 Prozent recyclingfähig sein. In Stuttgart wird aber durchaus betont, dass auch künftig ACC nicht die einzige Beschaffungsquelle für Batteriezellen sein wird. Mercedes setze auf einen hochgradig standardisierten Batteriebaukasten, der durch einheitlich konstruierte Schnittstellen die Integration von Zellen und Modulen unterschiedlicher Partner ermögliche.

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          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Der große Sprung der Elektromobilität Bild: Illustration Johannes Thielen

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