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Eisenerz : Erzproduzenten setzen Stahlhütten unter Druck

  • Aktualisiert am

Mitten im Eisenerz Bild: dpa

Kräfteverhältnisse und Spielregeln für den Rohstoffhandel ändern sich: Während Europas Stahlkocher auf moderate Preisrunden bei Eisenerz hoffen, spielen Bergbaukonzerne wie BHP oder Rio Tinto ihre Marktmacht gnadenlos aus.

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          Heftiger als je zuvor ringen die führenden Eisenerzkonzerne der Welt seit Wochen mit großen Stahlproduzenten über neue Konditionen. Dabei geht es diesmal nicht allein um satte Aufschläge bei den diesjährigen Erzpreisen. Die Bergwerkskonzerne wollen auch die mehr als 40 Jahre alten Spielregeln im internationalen Handel mit Eisenerz ändern. Statt der bisher üblichen Jahresverträge wollen sie nun flexible Preise aushandeln.

          Ihre Kunden sperren sich mit aller Kraft gegen die damit verbundene starke Teuerung und erst recht gegen die Abkehr vom bisher einjährigen Verhandlungsrhythmus. Aber die Kräfte sind ungleich verteilt. Während Arcelor-Mittal als der mit Abstand größte Stahlkonzern der Welt kaum zehn Prozent Marktanteil auf die Waage bringt, kamen von den 2008 im Überseehandel bewegten 805 Millionen Tonnen Eisenerz zusammen 70 Prozent aus den Bergwerken der brasilianischen Vale (33 Prozent), Rio Tinto (20) und BHP Billiton (17).

          Propaganda-Druck

          Gerade hat der australische Rohstoffkonzern BHP Billiton erklärt, er habe bei einer „bemerkenswerten Zahl“ asiatischer Kunden Lieferverträge zu flexiblen Preisen durchgesetzt. Auch von Vale heißt es, der südamerikanische Bergbauriese habe sich mit den japanischen Stahlkochern Sumitomo Metal und Nippon Steel für das zweite Quartal 2010 auf einen Preisanstieg gegenüber dem Vorjahr um 90 Prozent verständigt.

          In Europa sind die Meinungen zu solchen Meldungen geteilt. Einige Stahlunternehmen zeigen sich skeptisch. So seien die Informationen diesmal vage. Anders als bisher üblich werde nicht nach den diversen Erzsorten differenziert. Außerdem berichten die großen Stahlunternehmen, bei ihnen zeichne sich noch gar keine Einigung ab. So hofft man hierzulande, dass die Rohstoffkonzerne mit scheinbaren Erfolgsmeldungen Stimmung machen und andere Stahlunternehmen am Verhandlungstisch zum Einlenken bewegen wollen.

          Verzerrte Preisstrukturen

          Bislang wurde der Preis für Eisenerz in den ersten Monaten des neuen Jahres für 12 Monate festgelegt. Daneben läuft der Tag zu Tag durch das aktuelle Verhältnis von Angebot und Nachfrage geprägte Spotmarktpreis. In den teils langwierigen Gesprächsrunden ging es um enorme Beträge, die hier und da zu Bestechung und Betrug verleitet haben könnten (F.A.Z. vom 27. März). Dabei ist klar, dass das Erz-Oligopol aufgrund der jüngeren Entwicklung großes Interesse an flexibleren Preisen hat. Für die Stahlunternehmen dagegen würde diese Veränderung auch ständige Preisverhandlungen mit den Stahleinkäufern bedeuten.

          Am internationalen Erzmarkt besteht gegenwärtig eine starke Nachfrage der Stahlhütten. Das liegt nicht nur an dem anziehenden Bedarf in den Schwellenländern. China greift wegen der schlechten Qualität in den eigenen Erzbergwerken verstärkt auf Importe zurück. Das hat den Spotmarktpreis in den vergangenen Monaten weit über den auslaufenden Referenzpreis in den Jahreskontrakten - 60 Dollar je Tonne - getrieben und das Erzoligopol in eine starke Verhandlungsposition gebracht.

          „Kolonialzeit ist zu Ende“

          Roger Agnelli, Chef des brasilianischen Erzkonzerns Vale, wehrt sich gegen die aus Europa und China laut werdende Kritik an den Verhandlungszielen. Der Europäischen Wirtschaftsvereinigung der Eisen- und Stahlindustrie (Eurofer), welche die Wettbewerbshüter in Brüssel zu einer Prüfung des Erzmarktes bewegen will, sagte er: „Eurofer hat vergessen, dass die Kolonialzeit, in der die unterentwickelten Länder für den Wohlstand der Menschen in Europa produziert haben, zu Ende ist.“

          Agnelli verwies auf den großen Markt in China, der 60 Prozent des Überseehandels abnehme. Die Chinesen selbst seien im vergangenen Jahr von den Richtpreisen abgegangen, als die Preise auf dem Spotmarkt um mehr als zwei Drittel eingebrochen waren. „Heute kann ich sagen: Der Markt hat sich verändert. Erz ist knapp“, so Agnelli.

          Ähnlich äußerte sich ein Sprecher von Arcelor-Mittal. Man werde auch in Europa die Marktrealitäten nicht umgehen können. Er erklärte, dass man durch die Verteuerung bei Eisenerz und anderen Rohstoffen von einer Kostenanhebung bei dem Referenzprodukt Warmband von 200 Dollar je Tonne ausgehe. Dieser Kostenschub müsse an die Stahlverarbeiter weitergegeben werden.

          Stahlkocher auf dem Rückzug

          Da die Preise in den vergangenen Monaten für Direktverkäufe extrem gestiegen sind, schätzen Analysten von Goldman Sachs, den Rohstoffkonzernen gingen rund 20 Milliarden Dollar Einnahmen dadurch verloren, dass sie weiterhin zum vor einem Jahr ausgehandelten Preis verkaufen mussten.

          Schon vergangene Woche räumte die chinesische Baosteel-Gruppe ein, das bisherige System bedürfe der Überarbeitung. Xu Lejiang, der Vorsitzende des Verwaltungsrates, erklärte, die Änderungen und die Knappheit von Erz führten zu Spannungen zwischen den Rohstoff- und den Stahlkonzernen.

          Während Vale nach den vorliegenden Informationen augenscheinlich Quartalspreise hat durchsetzen können, scheint BHP Billiton seine Preise künftig an einen Index zu binden. Das nun erreichte Ergebnis beträfe die Mehrheit seiner Erzproduktion, erklärte das Unternehmen. Rio Tinto hatte vergangene Woche erklärt, die Chancen stünden gut für vierteljährlich ausgehandelte Preise.

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