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Einzelhandel : Lächelnd gegen die Gewerkschaft

  • Aktualisiert am

Kostenlos in einer Auflage von 250.000 Exemplaren Bild: dpa/dpaweb

Im Konflikt um Arbeitsbedingungen bei Lidl verschärft Verdi den Druck. In einer eigens verbreiteten Zeitung wirft die Gewerkschaft dem Discounter vor, soziale Mindest-Standards nicht einzuhalten. Die Kette reagiert.

          Lidl ist billig, auch in der Woche vor Ostern. Der Blumenkohl zu 0,99 Euro, die Flasche Markensekt zu 2,45 Euro und die Kinder-Gummistiefel zu 3,99 Euro das Paar. Aber billig allein reicht Lidl nicht mehr. Seit kurzem ist Deutschlands zweitgrößter Discounter (hinter Aldi) auch um ein besseres Erscheinungsbild bemüht. Die geschätzt 30.000 Mitarbeiter in mehr als 2600 deutschen Filialen müssen seit diesem Monat ein gelbes Schlüsselband um den Hals tragen - mit Namenschild und dem Slogan: „100 Prozent freundlich“.

          Mit der von oben verordneten Freundlichkeit reagiert der Handelsriese mit Sitz im schwäbischen Neckarsulm auf eine Kampagne, die die Gewerkschaft Verdi seit kurz vor Weihnachten gegen ihn fährt. Der Hauptvorwurf: Lidl sei „billig auf Kosten der Beschäftigten“, nutze Mitarbeiter systematisch aus und mißachte selbst soziale Mindest-Standards. Die Gewerkschaft stützt sich dabei auf zahlreiche Interviews mit heutigen und ehemaligen Lidl- Beschäftigte sowie viele Briefe und Mails.

          Vorwürfe in einem „Lidl-Schwarzbuch“

          Die Vorwürfe hat Verdi in einem „Lidl-Schwarzbuch“ gesammelt, das sich mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren inzwischen zu einem heimlichen Bestseller entwickelt hat. Jetzt legt die Gewerkschaft nach: In einer Auflage von 250.000 Exemplaren wird seit Mittwoch bundesweit eine kostenlose Zeitung verteilt, die wieder die Zustände bei Lidl zum Thema hat. Von „Schwarzmarkt“ - so der Titel - solle alle drei Monate eine aktuelle Nummer erscheinen.

          Billig reicht Lidl nun nicht mehr

          In der ersten Ausgabe wird beispielsweise über die Gründung eines Lidl-Betriebsrats in Langen bei Bremerhaven berichtet. Das ist insofern eine Besonderheit, weil es nach Gewerkschaftsangaben in ganz Deutschland erst acht Lidl-Betriebsräte gibt. Außerdem schildern Kassiererinnen aus ihrem Alltag. „Nach zwölf Stunden Kasse bist du fertig. Ich hatte manchmal eine halbe Stunde Pause, die wurde aber fünf Mal unterbrochen.“

          Dazu sagt Verdi-Handelsexpertin Agnes Schreieder: „Was menschenunwürdige Arbeitsbedingungen angeht, liegt Lidl unter den deutschen Discountern an der Spitze der Negativ-Liste.“ Auch von Boykott ist bei der Gewerkschaft inzwischen die Rede. „Ein Boykott kann ein sehr wirksames Instrument der Auseinandersetzung sein“, sagt Schreieder. Für einen Aufruf an die Millionen Lidl-Kunden, nicht mehr dort zu kaufen, ist es der Gewerkschaft aber noch zu früh.

          Lidl läßt sich von PR-Agentur helfen

          Angesichts der Dauer-Vorwürfe von Verdi hat Lidl-Gründer Dieter Schwarz, der mit jeder Art von Information sehr zurückhaltend war, seine Haltung inzwischen geändert. Mittlerweile kümmert sich eine PR- Agentur um seine Interessen. Als Antwort auf die neue Kritik gab es am Mittwoch aber nur eine alte Pressemitteilung mit Datum 10. Dezember 2004. „Wir empfinden dies (...) als Diffamierungskampagne gegen unser Unternehmen. Wer so erfolgreich ist, erreicht dies nur mit zufriedenen und motivierten Mitarbeitern.“

          Beim Versuch, zum Branchen-Primus Aldi aufzuschließen, kam Lidl in der Vergangenheit tatsächlich Jahr für Jahr voran. Nach Informationen der „Lebensmittel Zeitung“ legte der Discounter auch 2004 wieder zu - um 4,3 Prozent auf einen Umsatz von zwölf Milliarden Euro. Aldi büßte demnach rund drei Prozent ein, liegt mit 22 Milliarden Euro aber noch weit vorn.

          Auch der Gewerkschaft ist bekannt, daß Lidl zur Sicherung der Wachstumsraten längst nicht nur Billigkräfte anheuert, sondern auch Uni-Absolventen einstellt. Als Filialleiter sind dabei schon nach kurzer Einarbeitungszeit Monatsgehälter von mehr als 6000 Euro möglich. Wie gesagt: Billig allein reicht nicht mehr.

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