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Einzelhandel : Karstadt noch nicht „über den Berg“

  • Aktualisiert am

Will die Sanierung beschleunigen - Thomas Middelhoff Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Handelskonzern ist nach Aussage seines neuen Vorstandschefs auf der Hauptversammlung noch immer nicht richtig aufgestellt. Weitere Verkäufe von Unternehmensteilen seien, so Thomas Middelhoff, nicht geplant.

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          Der unter Umsatz- und Ertragsrückgängen leidende Einzelhandelskonzern Karstadt-Quelle steht trotz erster Sanierungserfolge vor einem weiteren tief greifenden Umbau.

          „Wir wollen nicht länger der 'angeschlagene Handelskonzern' sein,“ sagte der neue Vorstandschef Thomas Middelhoff auf der Hauptversammlung des Unternehmens am Dienstag in Düsseldorf. Der frühere Bertelsmann-Manager kündigte bei seinem ersten Auftritt vor den Karstadt-Quelle-Aktionären ein 100-Tage-Programm an, das die Finanzkraft stärken und verkrustete Strukturen aufbrechen soll.

          Konzern noch nicht richtig aufgestellt

          Außerdem werde Finanzvorstand Harald Pinger innerhalb von sechs Wochen ein Aktionsprogramm vorstellen, um dem massiven Umsatzrückgang im Versandgeschäft zu begegnen. Die Sanierungspläne seien „überwiegend alter Wein in neuen Schläuchen", kritisierte eine Aktionärsvertreterin.

          „Das Unternehmen hat wieder festen Boden unter den Füßen", sagte Middelhoff. Das Unternehmen habe bislang alle Vorgaben der Gläubigerbanken erfüllt. Obwohl der Sanierungskurs zu greifen beginne, sei Karstadt-Quelle aber noch nicht richtig aufgestellt, um ausreichend Wachstum zu erzielen. „Ich sage ebenso laut und deutlich, damit sind wir noch lange nicht über den Berg. Prozesse und Strukturen sind dringend reformbedürftig", stellte Middelhoff fest, der vor zwei Wochen vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Vorstandschefsessel gewechselt war. Unter seiner Führung werde der Vorstand die Sanierung beschleunigen und verstärken.

          Keine weiteren Verkäufe von Unternehmensteilen

          Weitere Verkäufe von Unternehmensteilen strebt Middelhoff aber nicht an: „Es macht schlicht keinen Sinn.“ Dies gelte zur Zeit auch für die Beteiligung am Touristikkonzern Thomas Cook, der Karstadt-Quelle und der Lufthansa gehört. Finanzvorstand Pinger hatte kürzlich einen Verkauf des Anteils ab 2006 nicht ausgeschlossen.

          Madeleine Schickedanz hält mehr als 50 Prozent der Aktien

          Die Großaktionäre um die Quelle-Haupterbin Madeleine Schickedanz halten nach Angaben von Middelhoff inzwischen mehr als die Hälfte der Aktien von Karstadt-Quelle. Schickedanz habe am vergangenen Freitag 50,0015 Prozent der Aktien gehalten, sagte der Konzernchef. Vertreter von Kleinaktionären forderten Schickedanz auf, sich zu den Plänen der Großaktionäre zu äußern. Middelhoff fühlt sich durch die Mehrheitsübernahme bestätigt: „Wir sehen darin eine klare Unterstützung für den Kurs des Vorstandes.“

          Am Aktienmarkt stieg der Kurs der im MDax notierten Papiere von Karstadt-Quelle um 0,2 Prozent auf 9,17 Euro, während der Nebenwerteindex stagnierte.

          Aktionärsvereinigungen wollen Vorstand nicht entlasten

          Vertreter von Aktionärsvereinigungen kündigten an, Vorstand und Aufsichtsrat wegen deren Versäumnissen nicht zu entlasten. Jella Benner-Heinacher von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kritisierte „dubiose Immobiliengeschäfte“ mit der Oppenheim-Esch-Gruppe, die im Verkaufsprospekt zur Kapitalerhöhung vom vergangenen Herbst genannt würden. Daraus könnten Risiken von bis zu 183 Millionen Euro abzuleiten sein. Middelhoff und seine Ehefrau seien an Immobilienfonds der Oppenheim-Esch-Gruppe beteiligt, weshalb die Aktionärsschützer Interessenkonflikten sehen.

          „Wenn man alles falsch gemacht hat, kann man keine Entlastung erwarten", sagte Marion Engel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Sie forderte, Middelhoff solle seine Anteile an den Immobilienfonds einem Treuhänder übertragen, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Karstadt-Quelle hat seine Rückstellungen für risikobehaftete Immobiliengeschäfte mit dem Oppenheim-Esch-Immobilienfonds bis Ende März auf 156 Millionen Euro aufgestockt, wie Finanzchef Pinger sagte.

          Millionenabfindung für Achenbach

          Benner-Heinacher bezeichnete es als „Armutszeugnis", daß Middelhoff und der Aufsichtsrat es nicht geschafft hätten, einen externen Nachfolger für den Vorstandschef zu finden. Der Konzern habe deshalb viel Zeit verloren. „Für diese Defizite müssen Sie alle die Verantwortung tragen.“

          KarstadtQuelle zahlt seinen vorzeitig aus ihren Ämtern geschiedenen Vorständen Christoph Achenbach und Arwed Fischer Abfindungen in Millionenhöhe. Der frühere Vorstandschef Christoph Achenbach, dessen Vertrag noch bis Mitte 2006 gelaufen wäre, erhalte eine Abfindung von 1,52 Millionen Euro, sagte Aufsichtsratschef Hero Brahms am Dienstag auf der Hauptversammlung in Düsseldorf.

          Arwed Fischer, der bis vor zwei Wochen noch das Versandgeschäft des Konzerns verantwortete, werde 2,8 Millionen Euro erhalten. Fischers Vertrag wäre noch bis Ende 2008 gelaufen.

          Achenbach war im März nach lang anhaltenden Spekulationen um seine Person als Vorstandschef zurückgetreten. Hintergrund war ein Streit um die vorzeitige Verlängerung seines Vertrags. Fischers Entlassung wurde überraschend Mitte Mai bekannt. Fischer wurde die schwache Entwicklung im Versandgeschäft angelastet.

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