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Einzelhandel in Amerika : Selbstdisziplin statt Kaufrausch in Manhattan

Das Ende der Besinnungslosigkeit: Amerikanische Verbraucher kaufen bewusster ein Bild: AFP

Die Zurückhaltung der Verbraucher kommt nicht ganz so unvorbereitet wie 2008: Von Einkaufsrausch konnte keine Rede sein am „Black Friday“ - dem Tag nach Thanksgiving, der als inoffizieller Startschuss für das Weihnachtsgeschäft im amerikanischen Einzelhandel gilt.

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          Von Einkaufsrausch kann bei Beth Keiser keine Rede sein. Es ist der Morgen des Black Friday – der Tag nach Thanksgiving, der als inoffizieller Startschuss für das Weihnachtsgeschäft im amerikanischen Einzelhandel gilt. Normalerweise ist dieser Tag die Konsumparty des Jahres. Händler werben mit Kampfpreisen. Sie öffnen ihre Türen im frühen Morgengrauen oder gar schon um Mitternacht, und sie stellen sich auf einen Ansturm von kaufwütigen Verbrauchern ein.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Beth Keiser hat sich für dieses Jahr aber Disziplin auferlegt: Beim Einkaufen in einer Filiale der Haushaltswarenkette Bed Bath & Beyond in Manhattan beschränkt sich die 44 Jahre alte Hochzeitsfotografin auf Dinge für ihren Alltagsgebrauch, auch wenn der Laden mit einem Rabatt von 20 Prozent auf alle Artikel lockt. In Keisers Wagen finden sich Dinge wie Kleiderbügel, ein Wasserfilter und ein Luftbefeuchter. Bei Geschenken wollen sie und ihr Mann in diesem Jahr kürzertreten: „Wir geben normalerweise 800 bis 1000 Dollar für Weihnachtsgeschenke aus – diesmal müssen 500 Dollar reichen.“ Extravaganzen wie die schicke Handtasche, die sie im vergangenen Jahr von ihrem Mann bekommen hat, fallen aus. Keiser sagt, ihre Auftragslage sei zuletzt mau gewesen.

          Nicht jeder teilt die Zurückhaltung

          Nicht jeder teilt die Zurückhaltung von Keiser. In vielen Geschäften sind die Szenen ähnlich, wie man sie seit jeher vom Black Friday kennt: Gewaltige Schlangen vor der Eröffnung der Läden und danach ein Ansturm auf die Sonderangebote. Bei Macys, dem selbsternannten größten Kaufhaus der Welt, warten um fünf Uhr morgens 5000 Menschen vor der Tür, wie der Vorstandsvorsitzende Terry Lundgren hinterher berichtet. Auch gegen Mittag herrscht im Erdgeschoss des Einkaufspalastes noch ein massives Gedränge, und vor den Rolltreppen bilden sich riesige Menschentrauben.

          Im Elektronikladen Best Buy ein paar Straßen weiter kontrolliert ein Türsteher den Einlass und gewährt immer nur einer begrenzten Zahl von Kunden den Zutritt. Viele Geschäfte legen diesmal noch mehr Augenmerk als sonst darauf, die Menschen im Zaum zu halten, nachdem im vergangenen Jahr am Black Friday in einer Filiale des Discounters Wal-Mart ein Mitarbeiter von der hereinstürmenden Menge totgetrampelt wurde.

          Banger Blick aufs Weihnachtsgeschäft

          Die amerikanischen Einzelhändler blicken mit Bangen auf das Weihnachtsgeschäft und hoffen nach einem miserablen Vorjahr auf ein paar positive Signale. Im vergangenen Jahr schrumpften die Umsätze in der Weihnachtssaison nach Angaben des Branchenverbandes National Retail Federation um 3,4 Prozent. Die dramatische Zuspitzung der Finanz- und Wirtschaftskrise hatte bei den Verbrauchern von September an für Konsumverweigerung gesorgt. Die Krise hat einigen Einzelhändlern hohe Verluste beschert. Manche von ihnen sogar in die Insolvenz gestürzt. Für das diesjährige Weihnachtsgeschäft sagt der Verband nochmals einen Umsatzrückgang von einem Prozent voraus. Und viele Händler dürften sich wieder sorgen, ob der Black Friday seinem Namen gerecht werden kann – laut Branchenregel ist es der Tag, an dem sie die Gewinnschwelle für das Jahr überspringen und schwarze Zahlen schreiben.

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