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Einzelhandel : Bundesregierung will bei Karstadt-Quelle Einfluß nehmen

  • Aktualisiert am

Tausenden Angestellten droht der Gang zum Arbeitsamt, Clement will helfen Bild: dpa/dpaweb

Wer soll eigentlich die 77 Karstadt-Filialen kaufen? Woher soll das Umsatzwachstum kommen, von dem der Karstadt-Quelle-Vorstand in seinem Sanierungsplan ausgeht? Branchenkenner stellen bohrende Fragen. Die Bundesregierung will für die Arbeitnehmer in die Bresche springen.

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          Angesichts des drohenden Wegfalls tausender Arbeitsplätze bei der Sanierung des Handelskonzerns Karstadt-Quelle hat die Bundesregierung Gespräche mit dem Konzern aufgenommen. „Wir sind derzeit in Kontakt mit Karstadt-Quelle", sagte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement am Mittwoch in einem Interview mit Reuters. Während die Banken mit dem Management über die harten Sanierungsschritte berieten, äußerten Branchenexperten dagegen Zweifel an der Umsetzbarkeit des von Vorstandschef Christoph Achenbach am Vortag bekanntgegebenen Restrukturierungsprogramms.

          Clement gehe davon aus, daß keine abrupten Entscheidungen zu Lasten von Standorten und Arbeitnehmern fielen, „sondern daß dort sehr sorgfältig umgegangen wird mit einem offensichtlich unvermeidbaren Umgestaltungsprozeß, der sehr tief greifend ist", mahnte der SPD-Politiker.

          Analysten bezeichneten die Erwartungen des Vorstandes angesichts der schwierigen Marktlage als zu optimistisch. Die im Nebenwerteindex MDax der Börse notierten KarstadtQuelle-Aktien verloren bis zum Nachmittag auch drei Prozent an Wert auf rund 13,40 Euro und büßten damit die kleinen Gewinne vom Vortag wieder komplett ein.

          Bild: dpa

          Bundesweit Betriebsversammlungen

          Die Belegschaft trat unterdessen zu Betriebsversammlungen zusammen, weshalb die 181 Karstadt-Warenhäuser am Mittwoch vorübergehend schlossen. Betriebsräte sagten, die Belegschaft habe gefaßt auf die Pläne reagiert. „Für uns wird sich erstmal nichts tun", sagte ein Betriebsrat im nordrhein-westfälischen Bocholt. Die Gewerkschaft Verdi denkt derzeit auch nicht an Streik. „Über Streik reden wir erst dann, wenn es so weit ist, nicht zu Beginn einer Auseinandersetzung", sagte Bundesvorstandsmitglied Franziska Wiethold.

          Verdi fordere von künftigen Investoren für die 77 Warenhäuser auf der Verkaufsliste von Karstadt-Quelle, alle Beschäftigten und die bestehenden Tarifverträge zu übernehmen. Karstadt-Quelle hofft, mit dem umfangreichsten Umbauprogramm seiner Unternehmensgeschichte die Nettofinanzverschuldung noch in diesem Jahr um 13,5 Prozent auf 2,85 Milliarden Euro zu senken. Nach einem erwarteten Milliardenverlust im Konzern in diesem Jahr soll 2005 - bereinigt um Restrukturierungskosten - zumindest operativ (Ebta) wieder ein positives Ergebnis von 110 Millionen Euro erzielt werden.

          Clement gibt Management eine Mitschuld

          Die Bundesregierung stehe zur Hilfe für die Arbeitnehmer von Karstadt-Quelle „mit allen Instrumenten, die wir haben, zur Verfügung", sagte Clement. „Wir wollen natürlich nicht, daß Menschen dort in den Arbeitsmarkt entlassen werden. So weit wir helfen können, daß das nicht geschieht, werden wir das tun.“ In der Vergangenheit waren politische Einflußversuche allerdings eher nicht von Erfolg gekrönt, wie etwa bei dem Pleite gegangenen Baukonzern Philip Holzmann. Nur kurze Zeit, nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) die vermeintliche Rettung mit regionalen Politikgrößen in Frankfurt gefeiert hatte, war das Schicksal von Holzmann dann doch besiegelt.

          Neben der anhaltenden Konsumflaute in Deutschland und dem beinharten Verdrängungswettbewerb gab Clement auch dem früheren Konzernmanagement eine Mitschuld an der Misere. Es seien „kräftige Fehler“ bei Karstadt-Quelle gemacht worden. „Und darüber sollte man nicht hinweg reden", fügte er hinzu.

          Analysten: Erwartungen zu optimistisch

          Branchenanalysten lobten indes zwar die harte Stoßrichtung des Sanierungskurses, äußerten aber Zweifel an der Realisierbarkeit. „Die Erwartung, bei den Warenhäusern künftig den Umsatz um jährlich ein Prozent steigern zu können, halte ich für recht optimistisch", sagte die Branchenexpertin Barbara Ambrus von der Landesbank Baden-Württemberg. Ein weiteres Problem sehe sie bei den erwarteten Erlösen aus dem Verkauf von Unternehmensteilen. „Wenn man sieht, wie schwierig es beim Wettbewerber Metro war, für die ausgelagerten Unternehmensteile einen Käufer zu finden, kann man bei Karstadt-Quelle nicht viel mehr erwarten.“

          Auch ausländische Marken längst im Rückzug

          Volker Hergert von der Berliner Bankgesellschaft sagte, er frage sich, wo es einen Käufer für die zum Verkauf gestellten 77 Warenhäuser geben solle. Der deutsche Einzelhandelsmarkt sei angesichts der Kaufzurückhaltung der Verbraucher nicht interessant für Investoren. Ein anderer Branchenexperte wurde noch deutlicher: „Karstadt-Quelle will Dinge verkaufen, die nicht gerade zu den Perlen des Konzerns gehören. (...) Ich kenne niemanden, der hier zuschlagen wollte.“ Seit Jahren schließen in Deutschland schließlich auch privat geführte, angestammte Kaufhäuser und auch ausländische Marken haben längst den Rückzug angetreten - wie etwa der britische Einzelhandelskonzern Marks & Spencer (M&S).

          Einen Tag nach der Präsentation der geplanten Einschnitte trafen sich erneut Vertreter der Banken mit dem Vorstand von KarstadtQuelle, um über die notwendigen Sanierungsschritte und dafür in Aussicht gestellte Finanzhilfen zu beraten. Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt. Investor-Relations-Chef Detlef Neveling sagte allerdings, KarstadtQuelle beabsichtige bei den Gesprächen nicht, höhere Kreditlinien oder gar Zahlungsaufschub zu bekommen.

          Verdi berät am kommenden Montag

          Verdi will erst nach Gesprächen mit der Konzernspitze des Kaufhauskonzerns über Kampfmaßnahmen entscheiden. „Wir müssen erst einmal das Ergebnis abwarten“, sagte Verdi-Handelsexperte Rüdiger Wolff nach bundesweiten Betriebsversammlungen.

          Am kommenden Montag (4. Oktober) soll auf einer Tarifkonferenz mit dem Gesamtbetriebsrat und Mitgliedern der Tarifkommission in Kassel über das weitere Vorgehen beraten werden.

          Nach Aussage von Wolff, der auch im Aufsichtsrat der Karstadt Warenhaus AG sitzt, herrscht bei den Beschäftigten große Angst und Sorge. „Die Leute sind sauer auf den Konzernvorstand.“ Dieser habe ja selber eingestanden, zu spät gehandelt zu haben. In den vergangenen Jahren seien bereits jährlich 2000 bis 3000 Mitarbeiter des Kaufhauskonzerns vom Personalabbau betroffen gewesen.

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