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Schutz vor Unwetterschäden : Eine Versicherung gegen den Klimawandel

Im August fegte der Hurrikan „Harvey“ unter anderem über Texas hinweg. Bild: AFP

Die Bundesregierung fördert Marktlösungen, um extreme Wetterereignisse abzusichern. Welche Summen sind im Spiel und kann das überhaupt funktionieren?

          3 Min.

          Erst in diesem Herbst wurde die Karibik-Insel Jamaika wieder erfasst von der zerstörerischen und todbringenden Wucht mehrerer Wirbelstürme. „Irma“ und „Maria“ ließen Menschen tot oder obdachlos zurück. Doch anders als früher wird den Überlebenden zügig geholfen. Denn in der Karibik und Teilen Lateinamerikas sind sie nun gegen Klimaschäden versichert. Damit haben Betroffene einen Rechtsanspruch auf Auszahlung, sie sind keine Bittsteller von Hilfsorganisationen und Staaten mehr.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Binnen weniger Tage habe die Katastrophenrisikoversicherung für die Karibik und Lateinamerika 30 Millionen Dollar Entschädigung ausgezahlt, sagt Joachim Nagel, Generalbevollmächtigter der staatlichen Förderbank KfW. So könnten Medikamente gekauft, Häuser saniert, Existenzen gesichert werden.

          Bis zum Jahr 2020

          In der Karibik hat man vor zehn Jahren angefangen, die erste Versicherung gegen Klimarisiken aufzubauen. Die African Risk Insurance ist eine ähnliche Initiative ostafrikanischer Staaten. Vergleichbare Ansätze gibt es in Asien. Das berichteten Experten auf der Weltklimakonferenz. Angela Merkel hält solche marktwirtschaftlichen Ansätze, die Menschen und Regierungen vor Ort einbeziehen, für eine gute Idee. 2015 erfand die Bundesregierung deshalb den „Insu-Resilience“-Fonds, der Begriff setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern für Versicherung und Widerstandsfähigkeit.

          Als Präsidentin der G7 vor zwei Jahren und der G20 in diesem Jahr hat Merkel dafür in der Weltpolitik geworben. Bis zum Jahr 2020 sollen 400 Millionen Menschen Zugang zu solchen Versicherungen bekommen. Letztes Jahr waren es erst 150 Millionen. Auf der Klimakonferenz in Bonn hat man in der vergangenen Woche einen großen Schritt getan, das Ziel zu erreichen. Mit maßgeblich deutscher Unterstützung wurde eine „globale Partnerschaft zur finanziellen Absicherung gegen Klimarisiken“ gegründet. Thomas Silberhorn (CSU), Staatssekretär im Entwicklungsministerium, hat sie zusammen mit den Präsidenten der Fidschi-Inseln, Frank Bainimarama, aus der Taufe gehoben.

          Geldspritze von 110 Millionen Euro

          Mit an Deck dieser „globalen Partnerschaft“ ist die Gruppe der „V20“, der „20 verletzlichsten Länder der Erde“. Die Marschall-Inseln gehören dazu, auch Fidschi, das erst im vergangenen Jahr von einem Wirbelsturm zerstört wurde. Der habe 40.000 Häuser und 225 Schulen zerstört, berichtete Aiyaz Sayed-Khayum, Wirtschaftsminister und Generalstaatsanwalt von Fidschi, am Rande der Klimakonferenz. Eine Versicherung gab es nicht. Dabei, so sagten Entwicklungsexperten hinter vorgehaltener Hand, wäre dies möglich gewesen. Doch habe man auf Fidschi lieber auf internationale Krisenhilfe für den Notfall gesetzt – und sich verkalkuliert. Künftig soll es nun mit Hilfe der „globalen Partnerschaft“ auch eine Versicherung für Klimarisiken auf Fidschi geben.

          In Sambia läuft das schon. Dort hat Insu-Resilience laut Bundesregierung eine Baumwollfirma unterstützt, die Kleinbauern direkte Wetter- und Lebensversicherungen anbiete. Vor zwei Jahren hätten sich 52.000 Bauern dazu entschlossen, die Versicherung zu kaufen. Das Ergebnis: Nach einer ausgeprägten Dürreperiode im Jahr 2016 hätten mehr als 23.000 von ihnen Auszahlungen erhalten.

          Regierungen sollten durch das neue Angebot in die Lage versetzt werden, schneller und gezielter reagieren zu können und mögliche Folgekosten zu minimieren, sagt Silberhorn. Zum anderen sollte ihnen in der Vorbeugung gegen Risiken geholfen werden. Dazu gehören Notfallpläne oder die Einlagerung von Saatgut. Die Bundesregierung unterstützt die Initiative nicht nur mit guten Ratschlägen. Sie gibt auch frisches Geld, 110 Millionen Euro. Geld, das beim Aufbau von Strukturen, aber auch zur Finanzierung der Versicherungsprämien genutzt wird.

          Zudem hat sie Größen der europäischen Versicherungswirtschaft wie Munich Re und Allianz dazugeholt. Die sollen vor Ort mit ihrem Wissen beim Aufbau und Management der Versicherungen helfen. Trivial ist das nicht. Es muss zum Beispiel die Frage geklärt werden, ab wann die Schäden einer Dürre, eines Sturms, eines Hochwassers ein versichertes Klimaereignis sind. Wetter- und Klimadaten müssen erhoben, Zeitreihen angelegt und verglichen, Strukturen vor Ort geschaffen, Bauern und Viehzüchter an die neuen Angebote herangeführt werden. Die Hoffnung ist, dass sich am Ende ein Versicherungsmarkt entwickelt und die privaten Anbieter allein aktiv werden.

          Unterstützung von armen Staaten bei Zerstörungen

          Auch müssen Regierungsmitarbeiter geschult werden, damit es nicht zu Problemen wie in Malawi kommt. Trotz einer katastrophalen Dürre und vorhandener Absicherung habe die African Risc Capacity (ARC) Auszahlungen verweigert, weil die Regierung von Malawi Daten nicht fristgemäß aktualisiert hatte, berichten Entwicklungshelfer. Zwar wurden dann 8 Millionen Dollar ausgezahlt, aber erst mit neun Monaten Zeitverzug. In Niger, Mauretanien und Senegal habe die ARC dagegen 2016 nach der schlimmsten Dürre seit 1984 den Betrag von 26 Millionen Dollar an Farmer und Viehzüchter ausgezahlt, sagt Nagel von der KfW.

          Entwicklungshilfeorganisationen wie Brot für die Welt sind skeptisch, dass das gelingen kann. Zwar nennt Sabine Minninger von der evangelischen Hilfsorganisation die neue Initiative „ein gutes Beispiel dafür, wie arme Staaten bei der Bewältigung von klimabedingten Zerstörungen unterstützt werden können“. Doch griffen Versicherungslösungen bei Schäden durch den Klimawandel grundsätzlich zu kurz. „Gegen die langfristigen Folgen der Klimaveränderungen wie beispielsweise den Anstieg des Meeresspiegels gibt es keinen Versicherungsschutz“, macht sie auf die „historische Verantwortung“ der Industriestaaten aufmerksam.

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